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In Bern verdrängt der Wohnbau das Gewerbe

BernWenn die Stadt Bern neue Wohnquartiere baut, wird dabei das Gewerbe verdrängt. Peter Steck von der Carrosserie Steck AG erlebt diese Entwicklung am eigenen Leibe mit. Findet sich keine Lösung, könnte dies das Ende des Familienbetriebs sein.

Die Entwicklung der Gewerbezonen in Bern. Zum Vergrössern anklicken.

Die Entwicklung der Gewerbezonen in Bern. Zum Vergrössern anklicken. Bild: Beat Mathys

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Peter Steck schreitet durch die Werkstatt, vorbei an verbeulten und verkratzten Autos. Neben der Schnupperlehrtochter bleibt er kurz stehen und wirft einen kritischen Blick auf ihre Schweissarbeit. Dann geht es weiter Richtung Hebebühne. Der VW erhält eine neue Stossstange. Ein Carrosseriespengler ist bereits mit dem Schraubenzieher am Werk. Ein kurzer Kontrollgriff, ein zufriedenes Nicken, und Steck tritt den Rückweg in sein Büro an. Seine eigentliche Passion ist die Beschriftung der Fahrzeuge, sein liebster Arbeitsplatz bei Computer, Druckmaschine und farbigen Klebefolien.

Die Carrosserie Steck AG gibt es seit 1950 am Untermattweg in Berns Westen. «Über die Jahre hat unser Betrieb sicher 80 Personen ausgebildet», sagt Steck. Er selbst arbeitet seit 1987 hier, vor knapp 20 Jahren hat er die Firma von seinem Vater übernommen. Gegründet wurde sie von seinem Grossvater. Mittlerweile führt er die Steck AG zusammen mit seiner Frau, wobei sie die Carrosserie leitet und für die Administration zuständig ist, während er den Fokus auf die Beschriftungs­abteilung und den «Aussendienst» legt. Für Stecks ist die Werkstatt wie ein zweites Kind. Sie bedeutet nicht nur Arbeit, sondern sei auch «Berufung und Leidenschaft».

Ein Betrieb mit Ablaufdatum

Ewig wird die Familie Steck ihren Betrieb an diesem Standort nicht führen können. Er hat ein fest­gelegtes Ablaufdatum: das Jahr 2039, wenn der Baurechtsvertrag mit der Burgergemeinde Bern ausläuft. Bis dann soll aus dem Areal, dem Industriegebiet Weyermannshaus West, ein Wohn­gebiet werden. Rund 800 Wohnungen plant die Stadt, eine florierende Mischung aus Wohnen und Arbeit im Verhältnis 80 zu 20 Prozent.

Unter «Arbeit» versteht das Stadtplanungsamt vorwiegend Dienstleistungen sowie «geeignetes, nicht störendes Gewerbe», also etwa Cafés, Coiffeursalons oder Reisebüros. Die Carrosserie Steck gehört nicht zu dieser ­Kategorie. Sie wird von der Stadt als «lautes» Gewerbe eingestuft. Und für dieses gibt es in der Stadt nur noch wenige geeignete Zonen (siehe Zweittext).

Ungewisse Zukunft: Peter Steck (links) und Carrosseriespengler Naim Hotnjani im Betrieb in Bern-West. Bild: Beat Mathys

Peter Steck ist aber kein Mensch, der sein Schicksal einfach so hinnimmt. Schon seit längerem setzt sich der 57-Jährige für das Gewerbe ein und sitzt im Vorstand des Gewerbevereins KMU Bern West und als dessen Delegierter auch im leitenden Ausschuss von KMU Stadt Bern, dem städtischen Gewerbeverband. Er verstehe zwar, dass für die Entwicklung der Stadt mehr Wohnraum benötigt werde. Kein Verständnis hat Steck aber, wenn jemand die bestehenden Gewerbezonen als «Unorte» oder «gesichtslose Areale» bezeichnet. Dann wehrt er sich vehement.

So geschehen vor einigen Wochen im öffentlichen Forum der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem (QBB). Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) fungierte als Redner und präsentierte den Anwesenden die rot-grüne Vision für den Stadtteil VI – ohne Carrosserien. Peter Steck sass im Publikum.

In der anschliessenden Fragerunde bot er von Graffenried die Stirn, konfrontierte ihn mit den eigenen Sorgen und denen der Nachbarn. Er bat ihn darum, das Bestehende im Quartier künftig mehr zu würdigen. «Sie müssen verstehen, dass solche Arealentwicklungen beim Gewerbe gerechtfertigte Existenzängste auslösen können», so Steck. Mehrere andere Anwesende unterstützten ihn: Bümpliz und Bethlehem seien schon seit je gemischte Quartiere, in denen auch lautes Gewerbe Platz finde.

Visitenkarten statt Antworten

Im Anschluss an das QBB-Forum suchte der Stapi das Gespräch mit Steck und drückte ihm eine Visitenkarte in die Hand mit den Worten: «Wenn Sie mit Ihren Anliegen kein Gehör finden, dann melden Sie sich doch bei mir.» Ein Satz, der bei Steck ein Déjà-vu hervorrief: Bereits einen Monat zuvor kritisierte er von Graffenried, während eines Podiumsgesprächs im Freibad Weyermannshaus.

Nach diesen Veranstaltungen hielt Alec von Graffenried Wort und nahm die Einladung an, an der nächsten Hauptversammlung von KMU Bern West dem örtlichen Gewerbe Red und Antwort zu stehen.

Allein gelassen fühlt sich Steck hingegen von der Burgergemeinde Bern. Dieser gehört das Gelände im Weyermannshaus West, mit ihr haben Stecks den Baurechtsvertrag abgeschlossen. Zwar bestätigt Peter Steck die Äusserung von Mediensprecherin Stefanie Gerber, wonach die Burgergemeinde in stetigem Kontakt mit ihren Vertragspartnern stehe.

«Vorderhand beschränkt sich deren Unterstützung auf vorzeitige Vertragsauflösungen», erklärt Steck. «Auf meine Frage, ob man uns einen alternativen Standort anbieten könne, hiess es, auf Burgerboden gebe es aktuell keine freien Flächen. Man hätte aber vielleicht noch etwas in Spiez.»

Stecks Werkstatt lebt zu einem grossen Teil von ihrer Lage: Nicht nur die 12 Angestellten leben in der Nähe, sondern auch die Kundschaft. Es sind Menschen aus der Umgebung, aus dem Westen Berns, die ihre Fahrzeuge schon seit Jahren zu den Stecks bringen. Aber auch grössere Organisationen und Firmen lassen ihre Fahrzeuge bei Stecks reparieren und beschriften.

Ein Umzug nach Spiez sei für seine Familie also keine Option, so Peter Steck: «Natürlich würden wir das Geschäft gerne an eine jüngere Generation übergeben. Aber im schlimmsten Fall müssten wir die Carrosserie aufgeben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.11.2017, 07:18 Uhr

Eine konkrete Lösung für Betroffene gibt es nicht

Weder die Burgergemeinde noch die Stadtverwaltung haben eine Patentlösung für Gewerbe, das umziehen muss. Oft bleibe nichts anderes übrig, als auf die Agglomeration auszuweichen.

Wohnbaupolitik wird in der Stadt Bern gross geschrieben: Bis 2030 sollen rund 8500 neue Wohnungen geschaffen werden – also 550 pro Jahr. So lautet eines der Hauptziele des Stadtentwicklungskonzepts (STEK). Zum Opfer fallen diesem Trend die Industrie- und Gewerbezonen. Zwischen 2001 und 2010 nahm deren Fläche bereits um rund 300 000 Quadratmeter ab. Und in Zukunft sollen noch weitere Zonen freigeräumt und mit Wohnungen bestückt werden, so etwa auch das Areal Weyermannshaus West (siehe Haupttext). Zwar sind auch viele Mischzonen geplant, als Gewerbe kommen hier aber nur «geeignete, nicht störende» Geschäfte in Frage. Lärmintensivere Betriebe finden keinen Platz mehr.

Das Stadtplanungsamt sei sich dieser Problematik zwar bewusst und behalte deshalb auch in Zukunft Flächen für das Gewerbe bei (siehe Grafik), so Stadtplaner Mark Werren. Für die betroffenen Gewerbler kann aber nicht immer ein Standort gefunden werden. Es gibt zwar eine Fachstelle für Zwischennutzungen, diese bietet aber – wie es der Name bereits sagt – keine langfristigen Lösungen. «Zur Kompensation haben wir im Gebiet Schermen vor einiger Zeit eine neue Industrie- und Gewerbezone geschaffen», sagt Werren. Dieses Gebiet werde heute aber hauptsächlich von grossen Unternehmen genutzt – für das Kleingewerbe seien die Bodenpreise wohl zu hoch gewesen.
«Wir halten die Grundeigentümer dazu an, vertragliche Übergangslösungen oder Alternativen auf ihren anderen Arealen zur Verfügung zu stellen», meint Werren und spielt den Ball damit – im Fall der Familie Steck – der Burgergemeinde Bern zu.

Deren Mediensprecherin Stefanie Gerber betont, dass man sich in ständigem Austausch mit den Baurechtsnehmenden befinde, diesen die Möglichkeit einer frühzeitigen Auflösung des Vertrags offenhalte und auch bei der Suche nach Alternativen helfe. «Wir besitzen aber schlicht nicht genug freies Gelände in der Stadt, um allen einen Umzug zu ermöglichen.» Ausserdem sei es nicht die Burgergemeinde, die Raumplanung betreibe – die Art der Nutzungen werden von der Politik bestimmt.

Oft bleibt dem «lauten» Kleingewerbe nichts anderes übrig, als auf günstige Standorte innerhalb der Agglomeration von Bern auszuweichen. Doch auch hier ist der Trend bereits angekommen: In Köniz etwa, wo der Gewerbestreifen zwischen Bahngleisen und Schwarzenburgstrasse in eine Wohn- und Geschäftsüberbauung umgewandelt werden soll. Oder in Gümligen, wo das Lischenmoos – das Areal zwischen Melchenbühlplatz und Bahnhof – für rund 825'000 Franken neu geplant werden soll. Beide Beispiele haben eins gemeinsam: Die Gebiete werden aktuell nur spärlich genutzt, viele Gebäude stehen leer. Im Weyermannshaus West hingegen sind beinahe alle Parzellen besetzt – nicht nur von der Carrosserie Steck, sondern auch von Weinhändlern oder Gartencentern. sm

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