In 25 Jahren um die Welt

Bolligen

Seit fast 25 Jahren lebt Eduard Keck aus Bolligen auf seinem Segelboot. Mit seiner Partnerin Almuth Otterstedt hat der 78-Jährige bereits die ganze Welt bereist. An ein Leben auf dem Festland denkt das Paar aber noch lange nicht.

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Christoph Albrecht

Eigentlich ist sie ganz gemütlich eingerichtet, die Dreizimmerwohnung von Eduard Keck und Almuth Otterstedt in Bolligen. Schiffsmodelle aus Holz stehen auf Tischen und Kommoden, bunt bestickte Kissen zieren das Sofa, und an den Wänden hängen farbenfrohe Bilder. Leben zieht in die Wohnung aber nur selten ein. «Wir waren bis jetzt nur etwa alle zweieinhalb Jahre für ein paar Wochen hier», sagt Eduard Keck.

Die restliche Zeit verbringt der 78-Jährige zusammen mit seiner Partnerin auf seinem Schiff auf hoher See. Die Türkei, die Kapverdischen Inseln, die Karibik, dazu Südafrika oder Neukaledonien – es gibt kaum einen Ort auf der Welt, den die beiden noch nicht bereist haben.

«Im Moment steht unser Schiff hier», sagt Keck und zeigt mit dem Finger auf die Insel Lanzarote, die auf dem aufblasbaren Globus nur als kleiner Punkt zu erkennen ist. Das Paar wird Bolligen nach den Festtagen wieder verlassen und im Januar oder Februar auf das Schiff zurückkehren. «Ich habe schon jetzt das Reissen», sagt Keck. Das nächste Ziel könnten die Azoren sein, entschieden sei aber noch nichts.

Das Meer rief schon immer

Die Sehnsucht nach der grossen weiten Welt ist für Keck kein neues Gefühl. Als 15-Jähriger brach er in Bern das Gymnasium ab, um sich an der School of Navigation im englischen Southampton zum Seeoffizier ausbilden zu lassen. Er startete eine militärische Karriere bei der Schweizer Luftwaffe, arbeitete dann bei der Swissair und wurde schliesslich Verteidigungsattaché der Schweizer Armee in Polen, der DDR und später in Skandinavien. Mit 55 Jahren liess er sich vorzeitig pensionieren, um mit seiner damaligen Frau auf seinem Segelboot Single Malt die Welt zu bereisen.

Die schwere Krankheit seiner Frau zwang die beiden schliesslich zur Rückkehr nach Bern, wo die Frau 1995 starb. «Das war eine harte Zeit», sagt Keck. Dennoch folgte er dem Ruf des Meeres und ging zurück aufs Schiff, das er fortan alleine bewohnte. In einem Café in Bern lernte er 1998 seine heutige Partnerin Almuth Otterstedt kennen. «Edi erzählte mir von seinem Schiff und davon, dass das Segeln alleine öde sei», erzählt die 71-jährige ehemalige Postbeamtin. Kurz darauf reiste sie zurück in ihre Heimatstadt Bremen, packte ihre Sachen und zog zu Keck auf das Schiff. Bereut hat sie es nicht. «Das Segeln ermöglichte mir, viele interessante Länder, Kulturen und Menschen kennen zu lernen.»

Bei ihren Reisen verbringen Keck und Otterstedt bis zu 40 Tage am Stück auf offener See. Rückzugsmöglichkeiten gibt es kaum auf dem 12-Meter-Schiff mit der kleinen Kochnische, der Schlafkabine und der Toilette. Da gelte es, Streitigkeiten möglichst zu vermeiden. «Wir wissen ganz genau, dass wir aufeinander angewiesen sind.» Andere hatten weniger Glück: «Wir haben schon manch ein Seglerpaar getroffen, dessen Beziehung auf der Reise Schiffbruch erlitten hat.»

Ein heikler Zwischenfall

Langweilig geworden ist es den beiden in den 16 gemeinsamen Jahren auf dem Meer noch kein einziges Mal. Kein Wunder: Tagelange Stürme, überflutete Kabinen oder ein defektes Steuerungssystem halten sie regelmässig auf Trab. «Viele Reisen waren alles andere als Kaffeefahrten», sagt Otterstedt.

Ein unvergesslicher Zwischenfall ereignete sich vor der finnischen Küste: «Unser Anker verhedderte sich auf dem Meeresgrund mit einem sowjetischen Torpedo aus dem Zweiten Weltkrieg», erinnert sich Keck. Die finnische Küstenwache und sogar die Marine mussten ausrücken und den gesamten Hafen von Hanko absperren. Spezialisten befreiten den Anker schliesslich vom noch scharfen Unterwassergeschoss und vernichteten es danach an einem sicheren Ort. «Das hätte damals auch in die Hose gehen können», sagt Keck. Zwei Ventile des Antriebsteils stehen heute in seinem Gestell in Bolligen.

Kein Ende in Sicht

Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist dem Berner die Abenteuerlust noch lange nicht vergangen. «Wir leben unseren Traum», sagt er. Obwohl er die beiden Töchter und seine Enkelkinder nur selten sieht, vermisst er das sesshafte Leben nicht. «Das Schiff gehört einfach zu uns.» Noch fühlten sie sich beide gesund, «und solange das so bleibt, können wir uns ein Leben ohne unsere Single Malt nicht vorstellen.»

Berner Zeitung

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