Im Stadion kommen beim Diplomaten die Emotionen hoch

Bern

Am Donnerstag trifft YB im Stade de Suisse auf den FC Everton. Unter die Tausende von englischen Fans mischt sich dann auch David Moran. Der britische Botschafter in Bern ist ein eingefleischter Anhänger der «Blues».

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Christoph Albrecht

Es ist etwas, das in Bern nicht alle Tage vorkommt – ein Sechzehntelfinal in der Europa-League mit YB-Beteiligung. Kommt der Gegner dabei erst noch aus der höchsten englischen Spielklasse, ist das Fussballfest in der Bundesstadt garantiert. Entsprechend gross ist unter den YB-Fans deshalb die Vorfreude auf kommenden Donnerstag, wenn Gelb-Schwarz den FC Everton empfängt.

Den Termin fett in der Agenda angestrichen haben sich aber nicht nur die Berner – rund 4000 englische Fans werden im Stade de Suisse ebenfalls mit von der Partie sein und mit der Mannschaft aus Everton mitfiebern (siehe Zweittext). Einer von ihnen ist David Moran, der britische Botschafter in Bern. «Als bekannt wurde, dass die beiden Teams aufeinandertreffen würden, freute ich mich riesig», sagt er.

Die «Blues» in den Genen

Kein Wunder: Der 55-Jährige ist von jeher leidenschaftlicher Fussballfan und eingefleischter Anhänger des FC Everton. Geerbt habe er die Liebe zum Traditionsverein aus seiner Heimatstadt Liverpool von seinem Vater: «Er war bereits ein grosser Everton-Fan.» Obwohl schon damals die meisten anderen Familienmitglieder mit dem Stadtrivalen FC Liverpool sympathisierten, entschied sich Moran, es seinem Vater gleich zu tun. «Ich tanzte immer schon gerne etwas aus der Reihe», sagt er. Seither schlägt auch sein Herz für die «Blues». Davon zeugen auch mehrere Trikots, Originalmatchblätter sowie eingerahmte Poster mit Unterschriften von aktuellen und ehemaligen Everton-Spielern, die man in Morans Residenz im Berner Kirchenfeldquartier vorfindet. Für das bevorstehende Duell seiner Mannschaft gegen die Young Boys hat er sich zudem schon einen Freundschaftsschal besorgt. «Der Verein meiner Kindheit spielt gegen den Verein meines Wohnorts – das ist für mich etwas Besonderes.»

Fussball schauen im Pub

Das Spiel im Stade de Suisse wird er – ganz diplomatisch – zwischen den beiden Fankurven verfolgen. «Ich werde versuchen, mich möglichst ruhig und höflich zu verhalten», sagt Moran. Als Fussballfan sei er ohnehin eher der stille Beobachter, der nicht jeden Spielzug kommentiere. «Sobald aber ein Tor fällt, kommen bei mir die Emotionen hoch». Dies, obwohl er sich wegen seines repräsentativen Berufs Mühe gebe, Tore nicht mehr ganz so ausgelassen zu feiern wie noch in früheren Zeiten. Als Sohn eines Diplomaten wuchs David Moran teilweise im Ausland auf. Die Spiele von Everton live im Stadion mitzuverfolgen, war daher nicht immer möglich. Sein erstes Spiel sah er mit seinem Vater im August 1974 im Goodison Park, als Everton Arsenal zwei zu eins schlug – er habe tagelang vor sich hin gelächelt, sagt David Moran. «Für Schlüsselspiele kehrte ich aber stets in den Goodison Park zurück.» So etwa 1985, als die Evertonians im entscheidenden Saisonendspiel gegen die Queens Park Rangers gewannen und die erste Meisterschaft nach 15 Jahren holten. «Das bleibt für mich ein magisches Erlebnis.» Ansonsten schaue er die Everton-Spiele wann immer möglich live im Fernsehen – oder dann in einem englischen Pub. «In Bern war ich auch schon im Mr. Pickwick.»

Ehemaliger Blues-Pianist

Fussball ist aber nicht Morans einzige Leidenschaft – seit klein auf begleitet ihn auch die Musik. Als er in den 70er-Jahren nach der Pensionierung seines Vaters in die USA zog, machte er sich seine Herkunft aus der Beatles-Stadt Liverpool zunutze und finanzierte sich sein Studium mit Auftritten als Pianist in Musikbars. Später verdiente er sich während einiger Jahre gar den Lebensunterhalt damit.

Auch heute spielt er noch oft Klavier und gibt regelmässig kleine Konzerte für Freunde – zuletzt etwa beim deutschen Botschafter, der ebenfalls Musiker ist. «Ich liebe nicht nur die ‹Blues› als Fussballverein, sondern eben auch die Blues-Musik.» Als Diplomat kam David Moran bereits viel in der Welt herum. Für das britische Aussenministerium war David Moran unter anderem in Kenia, Russland, Georgien und Frankreich tätig sowie als britischer Botschafter in Kasachstan. Seit einem Jahr lebt er in Bern. «Die Stadt ist einfach zu jeder Jahreszeit wunderschön», schwärmt er.

Fotoshooting in der Aare

Nebst den kurzen Distanzen und der Altstadt habe es ihm die Aare besonders angetan. «Letzten Frühling schwamm ich von der Höhe des Muri Bads den Fluss hinunter.» Die Aare sei nicht nur viel kälter, sondern auch viel schneller gewesen, als er gedacht hatte. «Ich war so rasant unterwegs, dass meine Frau es gar nicht erst schaffte, ein Foto von mir zu machen», sagt er. Dem Erinnerungsfoto und seiner Frau zuliebe habe er die ganze Übung schliesslich zähneknirschend wiederholt. «Aber es war ein Genuss.»

Ab ins Pub

Dass auch die vielen englischen Fussballfans, die am Donnerstag in die Bundesstadt pilgern werden, Gefallen an der Stadt Bern finden, steht für Moran ausser Frage. «Sie werden begeistert sein.» Denn wenn die Evertonians einmal zu Auswärtsspielen ins Ausland reisten, wollten sie auch die dortige Kultur kennen lernen. «Zudem dürfte dann das eine oder andere Pub voll sein», prophezeit der britische Botschafter. Zurückhaltender mit Voraussagen gibt sich Moran, wenn es um den Ausgang des bevorstehenden Spiels vom Donnerstag geht. «Ich will mich nicht auf die Äste rauslassen», sagt er. YB habe ein starkes Team mit starken Einzelspielern. besonders beeindruckt sei er von Torhüter Yvon Mvogo. «Den Bernern dürfte die Winterpause zugutekommen», vermutet der britische Botschafter.

Aber auch Everton könne auf eine fantastische Mannschaft zurückgreifen – trotz mittelmässiger Saison. «Die Ausgangslage ist interessant.» Da er sich jedoch nur ungern irre, verzichte er auf eine Prognose.

Berner Zeitung

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