Im Schulzimmer sitzt die halbe Welt

Bern

Eine Klasse, 18 Kinder, doch nur 3 haben Schweizer Wurzeln. Die 6a ist eine typische Klasse der multikulturell geprägten Schule Hessgut. Ein Schulbesuch.

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Lucia Probst

Hinten an der Wand hängt eine Weltkarte. Davor sitzen Kinder aus aller Welt: Abdullah aus Afghanistan. Sitah aus Mali. Naim aus Spanien. Vithuran aus Sri Lanka. Cedric aus der Schweiz. Es ist die Klasse 6a im Schulhaus Hessgut, 18 Kinder, 3 Schweizer. Viele sind zwar hier geboren, ihre Eltern zogen aber aus fremden Kulturen in die Schweiz.

Die 6a ist eine typische Klasse für die multikulturell geprägte Schule im Liebefeld. Woher all ihre Schützlinge stammen? «Das weiss ich gar nicht», sagt Lehrerin Katharina Loepfe. Sie frage es einmal, dann spiele es für sie keine Rolle mehr. «Sie sind da, ich bin da – wir arbeiten miteinander, und ich versuche, sie so gut wie möglich zu begleiten.»

Positives für die andern

Wichtig ist der Lehrerin zum Beispiel, dass die Kinder lernen, sich wertschätzend zu begegnen. Natur, Mensch, Mitwelt steht an diesem Nachmittag auf dem Stundenplan: Weiss karierte Blätter machen ihre Runden. Alle müssen zwei Eigenschaften aufschreiben, die sie am andern positiv finden. «Deine gute Laune und deine Fröhligkeit», ist auf einem Blatt zu lesen, «deine Sprücke» auf einem andern. «Dass du gut fussball spielst» oder «dass du ruihg bist».

«Hilfsbereit» steht immer wieder, auch «nett» und «lustig», oder «sehr lustig»: Man ahnt, dass die Kinder gerne leicht variiert übernehmen, was schon vor ihnen jemand aufs Blatt geschrieben hat. Vielleicht, weil ihnen gerade nichts anderes einfällt. Vielleicht auch, weil sie Mühe hätten, selbst etwas zu formulieren. Manche müssen sich sehr konzentrieren, als es später darum geht, ihre Sätze vorzulesen. Andere schaffen das hingegen problemlos in fliessendem Hochdeutsch.

«Könnte ich so eins haben?»

«Im Deutsch spürt man die fremden Hintergründe der Kinder am stärksten», sagt Lehrerin Katharina Loepfe. Da gebe es eine grosse Schere in ihrer Klasse. Viele reden daheim in ihrer Muttersprache. «Bei intelligenten Kindern ist das kein Problem.» Für die sei die Vielsprachigkeit eine Bereicherung. Doch für die andern ist die Sprache eine Herausforderung. «Es ist mir in Fleisch und Blut, mich einfach auszudrücken, damit die Kinder mich verstehen», sagt Loepfe.

«Könnte ich so eins haben?» Abdullah Sarwari steht am Pult der Lehrerin. Er hält einen leeren Bostitch in der Hand. «Was ist das, so eins?», fragt sie. «Weiss ich nicht», sagt der Junge. Loepfe gibt die Antwort schliesslich selbst. Aktiv den deutschen Wortschatz zu pflegen, sei wichtig , sagt sie. «Aber das wäre auch bei Schweizer Kindern so.»

«Jesses, so viele Ausländer»

«Ich möchte nicht in eine andere Klasse», sagt Cedric Volken, eines der wenigen Schweizer Kinder in der Klasse. Er habe hier schon sehr viel über die Welt gelernt. «Zum Beispiel über Religionen oder übers Essen.» Er könne ein paar Wörter auf Albanisch, Tamilisch oder Türkisch, erklärt er stolz. Er war auch schon bei der Familie seines Pultnachbarn Abdullah zu Besuch und hat dort «afghanische Sachen» gegessen.

«Jesses, so viele Ausländer, ist das nicht wahnsinnig schwierig?» Sätze wie diesen bekommt Katharina Loepfe oft zu hören, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Sie findet nicht. «Ich bin hier, weil es mir gefällt, so zu unterrichten.» Schwieriger als in einer reinen Schweizer Klasse sei das nicht. Am meisten wurmt es sie, wenn Eltern Kinder aus religiösen Gründen vom regulären Schulprogramm ausschliessen. Wenn zum Beispiel ein Kind nicht mit in ein Lager darf, ihm verboten wird, Weihnachtslieder zu singen, oder der Aufklärungsunterricht tabu ist.

Lösungen suchen

Katharina Loepfe versucht mit Eltern in Konfliktsituationen jeweils möglichst einvernehmlich eine Lösung zu finden. «Letztlich haben sie aber die Möglichkeit, hier zu bestimmen.» Ansonsten findet die Lehrerin: «Es sind Kinder, und sie gehören zu unserer Gesellschaft.»

So auch Tudor Caltun aus Rumänien, der vor vier Jahren als Letzter neu zur Klasse kam. An der Wand hängt ein Blatt, auf dem er aus seiner Biografie erzählt. Er schreibt von Nachbarskindern, mit denen er sich in seiner neuen Heimat angefreundet hat. Er erzählt: «Ich konnte schlecht Deutsch sprechen, aber wir verstanden uns durch die Zeichensprache.»

Berner Zeitung

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