Bern

Im Ausgang mit dem «Mister Nachtleben»

BernRemo Sägesser ist seit September der neue Vereinspräsident von Pro Nachtleben Bern. Wir sind mit dem 32-Jährigen durchs Berner Nachtleben gezogen.

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22 Uhr beim Tibits am Berner Bahnhof. Hier trifft sich die Jugend zum Eintrinken und trotzt den kalten Temperaturen mit noch kälterem Dosenbier. «Das haben wir früher nie gemacht, wir gingen nüchtern in den Club. Dort haben wir aber schon ein paar Einsiedler getrunken», erklärt Remo Sägesser, der neue Präsident des Vereins Pro Nachtleben Bern, lachend. «Aber damals gab es auch nicht so billiges Bier», führt er weiter aus. Billiges Dosenbier, das gerade hier am Bahnhof zu Littering und bei den Clubs zu weniger Einnahmen führt, weil die Nachtschwärmer bereits betrunken ankommen. «Sie verstehen einfach nicht, dass die Clubs halt auch Löhne, Ambiente und Musik mitbezahlen», sagt der 32-Jährige.

«Früher gingen wir immer wegen der Musik in den Ausgang», erinnert er sich. Das habe sich heute geändert, findet er. In vielen Clubs hat sich der Musikstil angeglichen, und er gehe nur noch selektiv in den Ausgang. Dass die Leute heute nicht mal mehr bereit seien, 15 Franken Eintritt zu zahlen, findet er fragwürdig. «Widersprüchlich finde ich, dass sie hingegen bereit sind, für eine Technoparty in der Grossen Halle 80 Stutz zu zahlen», erklärt der gebürtige Grosshöchstetter, der seit zwölf Jahren in der Stadt wohnt.

23 Uhr, Vorplatz der Reitschule: Gerade ist ein Polizeiauto mit Blaulicht eingefahren. Elf Beamte stehen in Kampfmontur bereit. Weshalb, weiss man nicht, wohl ist der Spuk bereits vorbei. Auf dem halb vollen Platz wird getrunken, geredet, gefroren, gelacht und geraucht. «Der Vorplatz ist ein Magnet für die Jugend. Hier darf man sich ein wenig mehr erlauben, laut sein, sich ausleben. Wo darf man das sonst noch in der Stadt?», fragt er.

Die Stimmung ist dennoch spürbar geladen, und Sägesser meint: «Ich bin sehr empfindlich dafür. Wenn ich mich nicht mehr wohl fühle, bin ich weg», sagt er. Und erzählt von einem Zwischenfall, der zehn Jahre zurückliegt: Ein Unbekannter brach ihm vor der Cafete der Reitschule die Nase. Ohne Grund, wie Sägesser sagt. «Danach blieb ich eine Weile empfindlich und reagierte auf schnelle Bewegungen», erinnert er sich.

Drinnen im Rössli ist es stickig und voll. Durch die offene Türe zum Sous le Pont ertönt Swing und bereits stehen die Leute Schlange, um ein Ticket für den Dachstock zu ergattern, wo eine Party steigt. Die Reitschule ist eines der von Sägesser am häufigsten angepeilten Ziele, wenn er weggeht. «Die Probleme des Vorplatzes sind nicht wegzudiskutieren», nimmt er zu den Zwischenfällen der vergangenen Zeit Stellung. Immer wieder kommt es auf der Schützenmatte zu Flaschenwürfen, Angriffen auf die Polizei und Strassenblockaden.

Wie sich das Nachtleben am Bollwerk grundsätzlich entwickelt habe, findet aber er spannend. Der hoch frequentierte Club Kapitel liegt bei ihm hingegen nicht so oft auf dem Radar. «Das Konzept mit Restaurant und Club finde ich super, aber für mich bleibt es in den Grundzügen ein Restaurant», führt er aus.

24 Uhr, Aarbergergasse. Vor dem Divino auf dem Brunnen stehen leere Bierdosen, es riecht nach Marihuana und Zigaretten. «Früher war es hier aggressiver. Mit dem Sicherheitskonzept hat sich das enorm verbessert», meint Sägesser zur Ausgehmeile. Nach einer Wartezeit von null Minuten geht es rein in den Club Bonsoir, einen schweizweit prämierten Club und Sägessers zweites Daheim. «Ich bin nebst der Reitschule oft hier», sagt er. Auf der Tanzfläche sind erst wenige Leute, da es noch früh ist. Der Club sorgte zuletzt für Schlagzeilen, weil er sein Programm nicht mehr öffentlich macht. So will er Leute anziehen, die wirklich wegen der Musik kommen. «Viele Leute wechseln in der Nacht nun Clubs, das verstehe ich nicht. Ich bleibe meist den ganzen Abend am selben Ort», erklärt Sägesser.

1 Uhr, an der Bar: Bei einem Drink an der Bar erklärt der GLP-Politiker seine Ziele: Man wolle andere Städte mit ins Boot holen. In Biel hat der Regierungsstatthalter versuchsweise längere Öffnungszeiten erlaubt. In Thun kämpft man gegen das Sterben des Nachtlebens. «Alle haben ihre Probleme und ecken am kantonalen Gesetz an», erklärt Sägesser. Vieles müsste auf kommunaler Ebene geregelt werden, damit so den Bedürfnissen des Ortes nachgekommen werden könne. Grosshöchstetten, wo er aufgewachsen ist, könne man nicht mit Bern gleichsetzen. Solche Themen will er unter anderen mit seinem Verein am «Tag der offenen Clubtüre», der am kommenden Samstag in Bern stattfindet, ansprechen.

Auch ein Auge hat er auf das Nachtlebenkonzept der Stadtbehörden. Im Dezember wurde ein Fazit gezogen, die meisten der kurzfristigen Ziele wurden erreicht, die längerfristigen noch nicht. Sägesser nennt als Beispiel die Nägeligasse, wo die Stadt Bern Räume für einen Jugendtreff zur Verfügung stellen will: «In Grosshöchstetten gab es auch einen Treff», sagt er. Die Coolen seien natürlich ferngeblieben. «Wenn die Nägeligasse nur ein bisschen nach Behörden riecht, wird kein Jugendlicher hingehen», ist er sich sicher. Er hingegen steht auf und geht auf die Tanzfläche, denn schliesslich «bin ich ein Tänzer».

Die Tour durch das Berner Nachtleben fand am 31. Januar 2015 statt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.02.2015, 09:40 Uhr

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Pro Nachtleben Bern

Der Verein Im August 2011 wurde der Verein Pro Nachleben Bern von Thomas Berger (FDP) gegründet. Im Vorfeld der Gründung schlossen Clubs der Stadt Bern, was für Befürchtungen sorgte, das Berner Nachtleben werde sterben. Berger trat als Präsident im September 2014 zurück, als er nach Worb umzog.

Der neue Präsident Remo Sägesser (GLP) will seinem Verein ein neues Gewicht geben. Nebst anderen Städten will er auch Nachtschwärmer als Mitglieder gewinnen. «So werden wir zum Sprachrohr von Hunderten und nicht mehr nur ein überparteiliches Komitee», erklärt er.

Auch wenn in letzter Zeit wieder Clubs eröffnet wurden und auch die Matte wieder als Ausgangsziel anvisiert wird, sei die Nachtlebenproblematik noch lange nicht vom Tisch. «Uns braucht es, weil wir dort die Finger draufhalten, wo es noch nicht läuft. So können wir Druck ausüben», ist sich Sägesser sicher.cla

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