Schwefelbergbad

Ihr männlicher Vorname ist Geschichte

SchwefelbergbadEin gutes halbes Jahr nach ihrem Comingout als Transsexuelle kämpft Claudia Meier, Direktorin des Viersternhotels Schwefelbergbad, darum, ihren Vornamen amtlich ändern zu dürfen. Nun kommt das Thema in den Grossen Rat.

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Sie wandert jeden Morgen in aller Früh. Zum Gantrischseeli, auf den Ochsen, zur Bergstation des Skilifts Schwefelbergbad. Alleine. «Ich brauche diese Zeit für mich im Moment», sagt Claudia Meier, «weil mich einiges beschäftigt.» Mehr als ein halbes Jahr ist vergangen seit ihrem Coming-out als Transsexuelle. Seit letztem Winter heisst der Direktor des Viersternhotels Schwefelbergbad im Gantrischgebiet Claudia Sabine Meier. Der Name Andreas Heribert Meier ist für sie Geschichte. Und eben doch nicht.

Denn auf den offiziellen Papieren von Claudia Meier steht unter Vorname nach wie vor Andreas Heribert. Immer wieder habe sie deshalb Probleme. Wenn sie reise oder Dokumente unterschreibe, Verträge und Rechnungen für das Hotel. «Es kommt vor, dass ich nach meinem Bruder gefragt werde. Oder meine Unterschrift wird gar nicht akzeptiert», sagt Meier, «das macht mir enorm zu schaffen.» An diversen Fronten kämpft sie dafür, dass der Kanton Bern den Vornamenswechsel von Andreas Heribert zu Claudia Sabine bewilligt.

Das Amt lehnt ab

Das kantonale Zivilstandsamt hat diesen Namenswechsel bisher aber abgelehnt. Es stellt sich unter anderem auf den Standpunkt, dass sie noch zu wenig lang als Claudia bekannt sei und so lebe. Weil über ihr Coming-out öffentlich berichtet worden sei und der Wechsel von Andreas zu Claudia so einigermassen bekannt sei, entstünden ihr zudem kaum Nachteile, so das Amt.

Der Kanton verlangt zudem den Nachweis einer «fortgeschrittenen» Hormontherapie. Diesen will sie nicht erbringen, obwohl sie seit geraumer Zeit Hormone schluckt. «Mir will es nicht in den Kopf, dass der Staat einen Menschen zu einer Hormontherapie verpflichten kann», sagt die 42-Jährige. Sie hat gegen den ablehnenden Entscheid eine Verwaltungsbeschwerde eingereicht. Der Entscheid darüber ist hängig.

Im Sommer hat Claudia Meier sämtlichen Berner Gross- und Regierungsräten sowie dem Bundesrat ein Päckli geschickt. Der Inhalt: ein im Gantrisch produzierter sogenannter Amtsschimmelkäse. Und ein Schreiben, in dem sie auf ihre Situation aufmerksam macht und den Kanton auffordert, die Praxis der Vornamensänderung zu überdenken. Damit sie auch offiziell Claudia heisst. «Ich mache das ja nicht annähernd aus Spass. Es ist für mich der absolut einzige Weg, zu leben.» Es gehe ihr nicht nur um die eigene Situation, beteuert sie. «Es wird auch in Zukunft Menschen geben, die mit der gleichen Ausgangslage konfrontiert sind.»

In den Briefwechseln, die Meier mit den Behörden führt, ist mehrere Male der Grundsatz erwähnt, dass der Wohnkanton aus wichtigen Gründen einer Namensänderung zustimmen könne. «Ist ein wichtiger Grund nicht etwas, wenn es zur Existenzfrage wird?», fragt sie. Die verlangten Dokumente, welche die Diagnose Transsexualität bestätigen, etwa von ihrer Psychologin, hat sie eingeschickt.

Krankenkasse zahlt nicht

Der Kampf um die Vornamensänderung sei nicht ihre einzige Baustelle zurzeit. Sie liegt auch mit ihrer Krankenkasse im Clinch. Diese hat die Diagnose Transsexualität bisher nicht anerkannt – trotz psychiatrischen und psychologischen Gutachten. Die Behandlung von transsexuellen Menschen ist in den Grundversicherungsleistungen vorgesehen. Der Nationalrat hat diesen April eine Motion von SVP-Nationalrat Peter Föhn abgelehnt, welche zum Ziel hatte, dass Geschlechtsanpassungen nicht mehr durch die Grundversicherung abgedeckt werden.

Doch ohne die Anerkennung der Diagnose fliesst kein Geld von der Krankenkasse. Die Kosten für die Lasertherapie (Bartwuchs) oder etwa das logopädische Training des weiblichen Stimmverhaltens hat Meier bisher selber bezahlt. Gegen die Kasse hat sie Einsprache erhoben.

Seit ihrem Coming-out ist viel passiert. Die Feminisierung durch die Hormone läuft längstens. Die Haut sei sanfter geworden, sagt sie. Die BH-Einlagen gehören langsam der Vergangenheit an, und die langen Haare sind nun echt. Die «letzte Bastion der Lüge», die «lästige» Perücke, brauche sie nun nicht mehr. Der Bartwuchs soll nächstens verschwinden – wenn die Kostengutsprache für die angestrebte Lasertherapie erfolge. Sie hat sich ausführlich über eine geschlechtsangleichende Operation informiert und sagt: «Irgendwann wird der Zeitpunkt dafür kommen.»

Die «neue Weiblichkeit»

Sie geniesse ihre «neue Weiblichkeit», sagt Claudia Meier. Wenn sie mit ihrer Partnerin, mit der sie auch schon als Andreas zusammen war, unterwegs sei, würden sie als zwei Freundinnen wahrgenommen. Auch die Hotelgäste reagieren weiterhin positiv. «Einige sagen, sie würden erst jetzt verstehen, weshalb ich früher oft so unglücklich wirkte und auch den Gästen gegenüber zurückgezogen war. Einige dachten, ich sei krank gewesen.» Als Claudia hat sie nun eine andere Art, auf die Leute zuzugehen: offener und direkter. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.09.2011, 07:18 Uhr

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