«Ich wusste gar nicht, dass es Mundart-Rap gibt»

Bern

Sie ist gerade mal 12 Jahre alt und hat soeben ihren ersten Rap-Track für ein Mixtape gegen Gewalt an Frauen aufgenommen. Estelle Plüss aus dem Wylergut über das Texten auf Mundart, Rollenklischées im Rap und warum sie Hip Hop eigentlich gar nicht mochte.

Die 12-jährige Estelle Plüss alias Best-elle nimmt im Studio ihren Song «Scho aus Ching» auf.Video: Sibylle Hartmann
Sibylle Hartmann@sibelhartmann

Sie setzt die Köpfhörer auf, stellt sich vor das Mikrofon und schliesst die Augen. Als das Intro des Beats erklingt, haucht sie ein «Best-elle, Best-elle....» hinein und dann rappt sie los, als sei es die einfachste Sache auf der Welt. «Scho aus Ching vou Ängst, we du dänksch, dass du mau eis bisch gsi, aus chly....», reiht sie die Worte scheinbar mühelos aneinander und gibt ihren Song mit einem Selbstvertrauen und einer Selbstverständlichkeit zum Besten, als hätte sie nie etwas anderes gemacht.

Vor dem Mikrofon steht allerdings keine gestandene Berner Rapperin, sondern die 12-jährige Estelle Plüss aus dem Wylergut, genannt Best-elle. Vor knapp einem halben Jahr wusste sie noch nicht einmal, dass es das, was sie da macht, überhaupt gibt: Mundart-Rap. «Wegen meinen Bruder, der Hip Hop hört, dachte ich immer, Rap gäbe es nur auf Deutsch oder Englisch», erzählt Estelle.

Mit sieben die erste Band

Umso erstaunter war sie, als dieses Jahr im Rahmen der Sommerferienwoche auf dem Sportplatz Wyler für die Schüler des Nordquartiers ein Workshop zu Schweizer Rap angeboten wurde. Sie fand das sehr «sympa», wie sie sagt, denn in der Mundartmusik ist die 6. Klässlerin trotz ihres jungen Alters bereits zu Hause. «Ich habe drei Jahre lang Gitarrenunterricht genommen und dazu auch eigenen Texte geschrieben», erzählt sie. Bereits mit sieben habe sie mit zwei Schulkollegen eine Band gegründet, mit der sie sogar mal am Wylerdorffest aufgetreten ist.

Während sie sonst eher Balladen von Adele und Bruno Mars covert und sich dazu selber auf der Gitarre begleitet, probierte sie sich am Workshop in Sprechgesang zu Beats ab Band aus und konnte dabei auf ihren Erfahrungsschatz vom Songschreiben zurückgreifen. Bereits am zweiten Tag brachte sie einen eigenen Text mit, den sie mit Zeilen aus ihren alten Songs kombinierte. Die Workshopleiter lobten ihr untrügliches Taktgefühl und animierten sie dazu, weiter zu machen.

Seither trainiert Estelle jeden Donnerstag im Hip Hop Center an der Wankdorffeldstrasse (siehe Box). Sie habe auch eine Beat-CD zu Hause, dort wage sie sich sogar ans Freestylen, erzählt Estelle. So entstand auch ihr Song «Scho aus Ching», den sie für das Mixtape vom Hip Hop Center zum Thema gegen Gewalt an Frauen aufgenommen hat.

«Jetzt kann ich Steff la Cheffe verstehen»

Neben Estelle gibt es nur noch eine einzige andere Rapperin im Hip Hop Center. Auf die Frage, wie es ihr ergehe unter all den Jungs, lacht sie und sagt: «Jetzt kann ich Steff la Cheffe verstehen, warum sie diese Frage von Journalisten hasst». Das spiele überhaupt keine Rolle. Es gehe schlichtweg um die Freude an der Musik.

«Ich kann mit Rap einfach viel mehr sagen als in einem Songtext». Und ihr Ziel sei es, ihre Meinung zu zeigen. Und das tut sie auch – nicht nur beim Rappen.

Estelle Plüss alias Best-elle «Scho aus Ching»:

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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