«Ich werde mit Rosetta pensioniert»

Kathrin Altwegg forscht mit dem Rosetta-Projekt auf dem Kometen Tschuri nach den Bausteinen des Lebens. Die Weltraumforscherin wird 2016 gleichzeitig mit der Raumsonde pensioniert. Rosetta ist das Projekt ihres Lebens.

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Sandra Rutschi

Frau Altwegg, Sie waren im Zentrum der Weltraumorganisation ESA in Darmstadt, als Philae letzte Woche auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko landete. Wie haben Sie diese Tage erlebt?Kathrin Altwegg: Es war intensiv, aber auch wahnsinnig schön – weil alles funktionierte. Wir waren nervös, bis Philae beim Kometen angekommen war. Dann zitterten wir nochmals, weil er sich nicht richtig im Boden verankerte. Am Samstag wussten wir endlich, dass er Daten sendet.

Konnten Sie dazwischen ruhig schlafen? Ja, aber nur weil ich wusste, dass sich unser Berner Messinstrument Rosina nicht auf diesem Lander, sondern auf der Raumsonde Rosetta in zehn Kilometern Entfernung zum Kometen befindet. Somit konnte ich die Landung aus einer gewissen Distanz betrachten.

Wie geht es Philae jetzt? Seine Batterie ist leer und kalt. Wir wissen nicht, ob sie je warm wird, um aufgeladen zu werden. Das hängt davon ab, wie tief der Graben ist, in dem der Lander sitzt. Und davon, ob er mit seinen Segeln Sonnenstrahlen einfangen kann, wenn der Komet nun auf seiner Laufbahn näher zur Sonne fliegt. Man darf sich nicht zu grosse Hoffnungen machen.

Ist es schlimm für die Mission, wenn Philae nicht mehr erwacht? Nein. Als wir 1996 am Anfang der Mission standen, rechneten wir damit, dass Philae nur 24 Stunden laufen würde. Nun waren es 64. Es kommt bei solchen Missionen nicht darauf an, möglichst lange zu messen. Philae konnte in dieser Zeit vieles herausfinden.

Wieso konnte Philae nicht Fuss fassen? Wir rechneten mit einer Kometenoberfläche, deren Substanz sich irgendwo zwischen Pulverschnee und Eis bewegt. Aber offenbar ist dieser Komet viel härter, deswegen konnte der Anker nicht eindringen. Woraus die Oberfläche besteht, muss man nun anhand von chemischen Molekülen auswerten. Deren Zusammensetzung senden uns Philae und Rosina. Aber allein die Erkenntnis, dass die Oberfläche steinhart ist, bringt uns weiter.

Inwiefern? Man ging davon aus, dass sich die ersten festen Körper aus Staub und Gas bildeten – ein bisschen so, wie die Staubfetzen unter meinem Bett entstehen. Diese Theorie werden wir überdenken müssen. Denn die ersten Körper waren wohl nicht luftig, sondern sehr hart – wie Tschuri. Und aus solchen Kometen ist dann die Erde entstanden.

Was für Informationen hat Ihnen das Berner Instrument Rosina bislang geliefert? Wahnsinnig viele. Wir wissen, ob es auf dem Kometen Wasser gibt, das gleich wie das irdische Wasser ist – leider darf ich Ihnen das noch nicht verraten, weil es zuerst im Magazin «Science» publiziert wird. Diese Erkenntnis wird die Frage beantworten, ob Kometen wie Tschuri unser irdisches Wasser gebracht haben. Zudem fanden wir viele Stickstoffmoleküle. Aus diesen können wir ablesen, wie kalt es war, als der Komet in den Anfängen unseres Sonnensystems entstanden ist: minus 250 Grad Celsius. Wir wussten, dass Kometen stinken, also Schwefel enthalten. Aber so viele schwere Moleküle hat man so weit von der Sonne entfernt noch nie gefunden. Zudem sendet uns Rosina überraschende Kombinationen von Atomen.

Welche Schlüsse kann man daraus für die Entstehung der Erde ziehen? Zum einen kennen wir nun die Temperatur im Sonnensystem, als sie entstand. Zum anderen lässt sich aus den Werten von Tschuri etwas zu den Bausteinen der Erde schliessen: Wir sehen, aus welchen chemischen Substanzen später Leben entstehen könnte. Man kann aber erst sagen, dass die Kometen organische Substanzen auf die Erde brachten, wenn wir auf diesen Wasser finden, das gleich wie unser Wasser ist. Es gibt auch eine Theorie, die davon ausgeht, die Erde habe diese Bausteine bereits von sich aus gehabt und sei nicht auf Kometen angewiesen gewesen.

Wie geht es jetzt weiter mit dem Projekt? Rosina sendet bis Ende 2015 Daten. In dieser Zeit bewegt sich der Komet näher zur Sonne, und so erhalten wir mehr Informationen über die chemischen Elemente.

Aber ist die intensive Zeit vorbei? Es ist immer noch intensiv, aber nicht so wie am Anfang. Es wäre auch nicht mehr so schlimm, wenn Rosina plötzlich nicht mehr senden würde. Wir können bereits von einem Erfolg reden.

Wie viele Leute sind damit beschäftigt, Daten von Rosina auszuwerten? Meine Gruppe besteht aus zehn Leuten. Die Auswertungen werden uns sicher noch zehn Jahre beschäftigen. Wir haben bereits jetzt über 100'000 Spektren von Molekülen, die wir analysieren müssen. Im Moment verarbeiten wir das Offensichtliche – wir picken quasi die Rosinen von Rosina. Später werden wir mehr Knochenarbeit leisten müssen, um zu Erkenntnissen zu gelangen.

Wie lange werden Sie noch mit von der Partie sein? Ich werde mit Rosetta pensioniert. Das wird voraussichtlich im Januar 2016 sein, es ist aber möglich, dass die Mission ein halbes Jahr verlängert wird. So könnten wir den Kometen auf seiner gesamten Umlaufbahn mitverfolgen – also bis er wieder an seinem heutigen Standort ist.

Was passiert mit Rosetta, wenn die Sonde ihren Job erledigt hat? Sie bleibt beim Kometen. Mein Wunsch wäre es, dass wir am Schluss mit Rosetta auf dem Kometen landen. Das würde zwar zum Crash führen, aber Rosina könnte uns noch Daten aus der näheren Umgebung senden.

Ist das Rosina-Rosetta-Projekt das Projekt Ihres Lebens? Auf jeden Fall. Ich hatte enormes Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Ich wurde 1996, als wir am Anfang standen, mit diesem Projekt betraut – und werde damit pensioniert. Viele, die anfangs dabei waren, sind gestorben. Und von den Leuten, die heute bei uns arbeiten, war am Anfang noch niemand dabei.

Hatten Sie manchmal genug von Rosina? Nein. Denn die Arbeit daran war vielfältig. Anfangs ging es um Technologie – also darum, das Instrument zu bauen. Ich lernte viel über Material und Maschinenbau. Später kamen die Tests dazu, das Operative. Und jetzt beschäftigen wir uns mit der reinen Wissenschaft.

Gleisen Sie nun Projekte für Ihre Nachfolger auf? Ja, zum Beispiel wollen wir mit der ESA zu einem Main-Belt-Kometen fliegen. Das ist ein Komet, der sich als Asteroid verkleidet. Asteroiden sind inaktive Steine ohne Schweif. Einzelne von ihnen sind aber aktiv, das heisst, es gibt dort flüchtige Moleküle. Es wäre interessant, herauszufinden, ob es auf diesen Kometen Wasser hat, das sich mit jenem auf der Erde vergleichen lässt.

Berner Zeitung

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