«Ich staune, wie gut China-Medizin in Bern akzeptiert ist»

Bern

Der Chinese Larry Luo ist Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin und praktiziert vorübergehend in Bern. Er ist überrascht, wie populär hier seine Behandlungsmethoden sind.

«Es ist hier in Bern schon viel stiller als in China», sagt Larry Luo lächelnd. Und er wundert sich auch darüber, dass in der Schweiz «fast jeder Quadratmeter seine Funktion hat».

«Es ist hier in Bern schon viel stiller als in China», sagt Larry Luo lächelnd. Und er wundert sich auch darüber, dass in der Schweiz «fast jeder Quadratmeter seine Funktion hat».

(Bild: Beat Mathys)

Lucia Probst
Jürg Steiner@Guegi

Herr Luo, bei uns boomt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Was denken die Chinesen selbst über ihre alten Heilmethoden? Larry Luo: In China lässt sich ein grosser Teil der Bevölkerung von Ärzten der TCM behandeln, sie ist weit verbreitet und populär. Gleichzeitig wird, was aus dem Ausland kommt, oft als überlegen empfunden. Es gibt deshalb auch Leute, welche die westliche Medizin toll finden. Sie wird als exotisch und potent betrachtet.

In China boomt die westliche Schulmedizin? Die jüngeren Leute setzen vermehrt auf westliche Medizin, wenn sie krank sind. Sie funktioniert rascher. Aber wer in China chronisch krank ist oder eine komplexe Krankheit hat, geht eher zu chinesischen Ärzten. Auch die Gesundheitsbewussten kommen zu uns. Chinesische Medizin ist ganzheitlich und hat kaum Nebenwirkungen. Doch sie ist aufwendiger: Man muss häufiger zum Arzt gehen und selber etwas tun. Die chinesische Medizin wird zudem immer teurer und damit vermehrt eine Medizin für Reiche.

Teurer, warum das? Die chinesischen Heilkräuter werden in beschränkten Mengen produziert. Doch die chinesische Bevölkerung wächst, und es werden wohl auch mehr Kräuter exportiert. Ausserhalb Chinas ist die chinesische Medizin vor allem in reichen Ländern stark verbreitet: in den USA, in Israel, Deutschland, England und generell in Europa.

Wie sind Sie Arzt für chinesische Medizin geworden? Ich habe fast elf Jahre lang studiert. Wer in China Arzt für chinesische Medizin werden will, muss sich auch Grundkenntnisse der westlichen Medizin aneignen. Das macht fast die Hälfte der Ausbildung aus. Ich finde, es ist für Patienten das Beste, wenn westliche und chinesische Medizin kombiniert werden. Das passiert in China vor allem in Spitälern, die auf Traditionelle Chinesische Medizin ausgerichtet sind.

Erstaunt es Sie, dass in der Schweiz Behandlungen nach Traditioneller Chinesischer Medizin sehr populär sind? Es übertrifft meine Erwartungen. Ich bin überrascht, dass die Akupunktur und die Kräuter so gut akzeptiert sind. Die Leute wissen relativ viel über chinesische Medizin, auch weil viele Ärzte aus China ihr Wissen hierzulande weiterverbreiten.

Weshalb kamen Sie in die Schweiz? Als Arzt bin ich in China einer unter vielen, es ist also nicht wahnsinnig herausfordernd. Hierherzukommen und westliche Patienten zu behandeln, ist es hingegen schon. Es gibt Unterschiede zwischen chinesischen und Schweizer Patienten. Solche herauszufinden, finde ich sehr spannend.

Was haben Sie herausgefunden? Ich mache ein Beispiel. Will ein chinesischer Arzt feststellen, ob jemand zu viel «innere Hitze» hat, fragt er die Person, ob sie einen bitteren Geschmack im Mund verspürt. Das ist eine Standardfrage. Nur: Bei den Chinesen ist bei «innerer Hitze» wirklich meist ein bitterer Geschmack im Mund vorhanden, bei den Europäern nicht. Fast niemand sagt das hier. Aber viele sagen, sie haben einen trockenen Mund.

Stellen Sie Unterschiede bei den Krankheiten fest? Ja. In China behandle ich viele Infektionskrankheiten. Als sehr häufig fallen mir hier in Bern auf: funktionelle Störungen, Kopfweh und Migräne und auch Depressionen und Angstzustände.

Das heisst, wir sind depressiver als Chinesen? Das lässt sich so nicht sagen. Bis heute ist es in China ein grösseres Tabu, über Depressionen zu reden, als hier. Sie galten bei uns lange gar nicht als Krankheit. In China lebt man aber in engeren Beziehungen. Man hat mehr Möglichkeiten, sein Herz auszuschütten, und mehr Leute um sich herum, die fragen, was mit einem los sei. Ich habe den Eindruck, das fehlt den Menschen hier eher.

Was wussten Sie über die Schweiz, als Sie hierherkamen? Ich wusste, dass die Schweiz reich ist und viele Banken hat. Ich wusste auch, dass die Berge sehr schön sind. Schokolade interessiert mich nicht so, weil ich sie nicht mag. Aber die Uhren waren mir auch ein Begriff. Ich dachte, wenn die Uhren so toll sind, müssen sie auch von Leuten in einem Land gemacht werden, das entsprechend toll ist. Was ich auch wusste: dass die Schweiz einen guten Sozialstaat hat.

Wie sind Sie zu Ihrem Job in Bern gekommen? Ich habe von einem Kollegen erfahren, dass eine chinesische Ärztin in Bern Verstärkung für ihre Praxis sucht. Für uns Chinesen ist es nach wie vor nicht sehr einfach, ins Ausland zu kommen. Für mich war das eine gute Gelegenheit. Vorher bin ich immer nur für Kurse und Konferenzen ins Ausland gereist.

Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen aus? Das ist ein grosser Unterschied. Hier verdiene ich gut. Mein Alltag ist weniger dicht gedrängt als daheim. In China muss ich sehr viel arbeiten, bin jeweils sehr müde und verdiene weniger.

Gefällt Ihnen Bern? Verglichen mit chinesischen Städten ist die Stadt ja sehr klein. Ich schätze es sehr, dass Bern eine ziemlich ruhige Stadt ist. Es ist hier schon viel stiller. In China hat es an den allermeisten Orten viele Leute. Es ist laut, und es ist immer etwas los.

Fehlt Ihnen das? Ich konnte mich gut umgewöhnen. Es ist einfach eine andere Lebensart. Die Ruhe mag ich ganz gerne.

Sie haben eine Familie, sind aber alleine gekommen, ist das nicht sehr schwierig für Sie? Meine Frau lebt in Australien, meine Tochter in China. Übers Internet haben wir miteinander Kontakt, wir skypen oft. Unsere Situation ist schon etwas speziell – auch für chinesische Verhältnisse. Familien sind aber in China manchmal durchaus getrennt. Zum Beispiel wenn jemand für eine Firma einen Auslandeinsatz macht. Aber auch weil viele Leute innerhalb von China als Wanderarbeiter unterwegs sind. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass bei uns die Familie den höheren Stellenwert hat als in der Schweiz. Hier kann es sein, dass Eltern und Kinder sich jahrelang nicht sehen. In China müssen Kinder heim zu ihren Eltern, spätestens jeweils am chinesischen Neujahr.

Haben Sie in Bern chinesisches Essen gefunden, das Ihnen schmeckt? Das ist wirklich ein Problem. Es hat nicht so viele chinesische Restaurants. Zudem hat Essen in meiner Heimatstadt Chengdu eine sehr grosse Bedeutung. So bin ich einen hohen Standard gewohnt, das macht es noch schwieriger. Auch selber zu kochen, hilft nicht. Es hat zwar in Bern Läden für chinesische Produkte, aber oft finde ich nicht, was ich gerne hätte. Gemüse zum Beispiel.

Apropos Essen: Gibt es etwas Kulinarisches, was Sie hier entdeckt haben? (Er überlegt, überlegt und überlegt.) Trauben. Und Käse ist sehr interessant.

Wie wohnen Sie? In einer Eineinhalbzimmerwohnung im Altenberg. Die Ärztin, für die ich arbeite, hat sie gemietet.

Haben Sie viel von der Schweiz gesehen? Ich habe vor allem die Stadt Bern und ihre Umgebung erkundet. Bei mir daheim hängt ein Busplan für die Region. In meiner freien Zeit bin ich oft unterwegs. Auch im Berner Oberland war ich. Da hätte mich das Skifahren gereizt. Ich wagte dann doch nicht, es auszuprobieren. Schliesslich bin ich alleine hier und kann mich nicht in allzu grosse Risiken stürzen.

Was erzählen Sie Ihren Freunden daheim über die Schweiz? In Chengdu wird es im Winter zwar auch kalt, aber nicht so kalt, wie es hier war. Auch der Schnee hat mich sehr fasziniert. Überhaupt finde ich die Landschaft spannend: Alles ist sehr geregelt und organisiert. Es gibt kaum Ecken, wo einfach Sachen herumliegen. Fast jeder Quadratmeter hat seine Funktion. Das ist in China anders. Viele Orte sind undefiniert, es liegt Abfall herum, und man weiss nicht genau, wem das Land gehört.

Wie lange werden Sie in der Schweiz bleiben? Weniger lang als geplant. Aus familiären und beruflichen Gründen werde ich im April nach China zurückkehren. Das hat nichts damit zu tun, dass es mir hier nicht gefallen würde. Ich finde es sehr schön, hier Leute zu behandeln.

Was genau finden Sie an Ihrer Arbeit schön? Jemandem dabei zu helfen, gesundheitliche Probleme zu lösen, ist für mich das Grösste. Viele Patienten, die zu mir kommen, haben schon sehr viel probiert, und nichts hat ihnen geholfen. Das ist sehr herausfordernd. Und es ist sehr befriedigend, wenn ich dann helfen kann.

Was werden Sie mitnehmen aus der Schweiz – im Kopf, im Herzen und in Ihrem Koffer? Was ich im Kopf und Herzen mitnehme, ist für mich schwierig in Worte zu fassen. In meinen Koffer packe ich sicher Schokolade. Und von vielen Freunden erhielt ich den Auftrag, ihnen eine Uhr und ein Armeemesser mitzubringen. Mir selbst will ich Küchenutensilien kaufen.

Küchenutensilien? Ja. Die sind hier sehr, sehr praktisch, finde ich.

Das Gespräch wurde mit Hilfe der Chinesischdolmetscherin Barbara Buri aus Bern geführt.

Berner Zeitung

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