Bern

«Ich hole das Publikum mit Geschichten aus Bern»

BernBerner Geschichten, neues Personal, viele Uraufführungen: Der neue Schauspielchef von Konzert Theater Bern, ­Cihan Inan (48), wagt viel in seiner ersten Saison. Geht das auf?

Theater abseits der Erwartungen: Cihan Inan stellte am Mittwoch seine erste Schauspielsaison in Bern vor.

Theater abseits der Erwartungen: Cihan Inan stellte am Mittwoch seine erste Schauspielsaison in Bern vor. Bild: Beat Mathys

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Die letzte Sanierungsetappe im Stadttheater läuft, der Umbau im Kultur-Casino steht an. Am Mittwoch orientierte Konzert Theater Bern (KTB) über die neue Spielzeit – in der ehemaligen Kornhauspost, einer weiteren baldigen Bau­stelle: Bis Ende Jahr soll dort das neue Theatercafé entstehen. Auch die nächste Saison wird also geprägt sein von der Bautätigkeit.

Doch das Thema Nummer eins: Theater- und Filmregisseur Cihan Inan, der neue Schauspielleiter, stellt seine erste Theatersaison am Haus vor. Der gebürtige Burgdorfer mit türkischen Wurzeln steckt mitten in den Dreharbeiten zu einem Film, den er noch abdreht, bevor der Theaterbetrieb im Herbst losgeht.

Cihan Inan, sie kommen vom Filmdreh. Wie läufts?
Cihan Inan: Ein Scheisswetter haben wir. Aber es läuft gut.

Was ist es für ein Film?
Er heisst «Zone Rouge». Wir drehen in Muri bei Bern. Ich habe das Drehbuch vor vier Jahren geschrieben, und seither haben wir um die Finanzierung gekämpft. In 18 Tagen muss der Film im Kasten sein. Jede Überstunde beim Dreh kostet 10'000 Franken. Bei Konzert Theater Bern sprechen alle schon fast euphorisch über Sie.

Warum eigentlich?
Ich glaube, ich bin eine ange­nehme Person. (lacht) Kommunikativ, konsensorientiert, nicht konfrontativ. Ich versuche, nicht programmatisch, sondern pragmatisch zu sein.

Was für ein Werbespot!
Gell!

Sie haben KTB letzte Saison kennen gelernt. Was hat Ihnen am besten gefallen in der vergangenen Spielzeit?
Das Theaterstück «Penelope» hat mir sehr gut gefallen, obwohl man es schmerzhafter und tiefer hätte machen können. Es war eine kompakte Inszenierung. Und Claudia Meyers Fassbinder-Inszenierung hat mir gefallen. Sie hat einen interessanten Zugriff gewählt für das schwierige Stück «Katzelmacher».

Claudia Meyer ist die meistkritisierte Regisseurin in Bern in letzter Zeit. Sie ist eine der wenigen, die weiterhin inszenieren. Wieso?
Vielleicht gerade deshalb. Sie hat einen ähnlichen Blick auf die ­Sache wie ich. Ich schätze sie als eine hochintelligente Persönlichkeit. Sie kann sehr gut Schauspieler führen und hat Visionen.

Vor einem Jahr kündigten Sie an, dass Ihre Berner Regiearbeit für «Der Mondkreisläufer» in der laufenden Saison eine Idee fürs künftige Theater geben werde. Bleiben Sie dabei?
Ja. Es war eine abstrakte Arbeit, auch vom Bühnenbild her. Die Regieteams und die Stoffe, die ich für die nächste Saison geholt habe, sprechen tendenziell diese Sprache.

Sie bringen sieben Uraufführungen, plädieren für Abstraktion und arbeiten mit vielen neuen Leuten. Wieso tun Sie sich so viel Risiko an?
Stimmt eigentlich. Ich hatte freie Hand und habe die Möglichkeit genutzt, einen Spielplan nach meinen Ideen aufzustellen.

Wie wollen Sie damit Publikum holen? Letztlich werden Sie daran gemessen.
Mit Berner Geschichten. Mit «Die Akte Bern» über die Fichenaffäre etwa oder mit dem Musical «Coco» über die Berner Transsexuelle, die sich vor 20 Jahren das Leben nahm. Auch Christian Krachts «Die Toten» spielt in Bern. Dass wir diese Uraufführung haben, ist grossartig. Ich mochte die Gelegenheit, nach Berner Geschichten zu graben. Und dann bringen wir den «Verdingbub» zum ersten Mal auf eine Theaterbühne. Für mich ist das kein Wagnis. Ich hoffe vielmehr, damit zu erreichen, dass Stadttheaterbesucher auch mal in die Vidmarhallen gehen. Das Publikum der beiden Häuser unterscheidet sich noch immer stark.

Ihrer Vorgängerin Stephanie Gräve wird ein Distanzproblem nachgesagt. Anderswo führen Schauspielchefs mit harter Hand. Wo stehen Sie – Kumpeltyp oder Tyrann?
Ich bin weder Tyrann noch Saufkumpan, gar nicht. Das Theater ist ja ein spannendes Umfeld, aber ich habe auch ein Privat­leben. Mir ist es aber wichtig, das Team zu pflegen. Ich bin eine Respektsperson gegenüber den Schauspielern, sie wissen, dass ich gewisse Dinge zu entscheiden habe. Doch ich will auch vermitteln, wenn es sein muss, etwa zwischen Schauspielern und Regisseuren.

Wollen Sie eingreifen in die Produktion?
Ich werde bei der Erarbeitung der Stücke präsent sein. Ich will sehen, was gemacht wird. In allen elf Premieren wird man sehen, dass ich ein Auge darauf habe, dass das Produkt am Schluss stimmig ist.

Sie haben im Ensemble einige Stellen neu besetzt. Worauf haben Sie bei den Neuen geachtet?
Ich musste neue Ensembleleute holen. Dabei habe ich darauf geachtet, dass wir altersmässig mehr Möglichkeiten erhalten. Das Ensemble war zu jung. Also habe ich ältere Schauspielerinnen wie Chantal Le Moign oder Grazia Pergoletti geholt. Das hat seinen Preis: Gestandene Kräfte sind teurer als Abgänger der Schauspielschulen.

Sie sind schon wieder auf dem Sprung zu den Dreharbeiten für Ihren Film. Was bringen Sie vom Film mit, von dem das Theater profitieren kann?
Man arbeitet ständig mit 50 Leuten gleichzeitig zusammen, muss schnell denken und alles unter einen Hut bringen. Und wenn das Wetter schlecht ist, muss man flexibel sein und neue Lösungen finden. Man hat einen strengen Zeitplan und muss auch noch für gute Stimmung sorgen. Die Ruhe in der Hektik zu behalten, ist sicher eine Stärke, die ich auch hier einbringen kann.

www.konzerttheaterbern.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.05.2017, 21:48 Uhr

Theater

Alles neu macht der Neue: Sieben Uraufführungen, viel zeitgenössisches Theater, neue Regisseure. Schauspielchef Cihan ­Inan führt zu Beginn der Saison selbst Regie: in Kleists «Penthesilea» (Premiere: 14. 9.). Danach setzt er auf jüngere Kräfte. Lorenz Nufer inszeniert «Island» der Hausautorin Gornaya (21. 9.). Mit der türkischstämmigen Regisseurin Mizgin Bilmen holt er für «Malina» von Ingeborg Bachmann eine Nachwuchs­regisseurin, der man in der deutschen Theaterszene eine grosse Zukunft prophezeit (ab 17. 1). ­Inan verfolgt das Ziel, ab der Saison 2018/2019 die Regiejobs zur Hälfte an Frauen zu vergeben.
Ein Coup ist das Engagement von Regisseurin Sabine Boss, die Markus Imbodens erfolgreichen Film «Der Verdingbub» ins Stadttheater bringt (ab 13. 10.). Boss, eine Freundin von Inan, hat sich besonders mit Filmen einen Namen gemacht: Mit «Ernstfall in Havanna» (2002) oder «Der Goalie bin ig» (2014).

Apropos «Der Goalie bin ig»: Pedro Lenz’ Geschichte bleibt der Dauerbrenner bei Konzert Theater Bern. Jonathan Loosli wird ihn kommende Saison zum 50. Mal spielen. In der Rolle als Co-Regisseur ist Loosli fürs Weihnachtsmärchen besorgt: Otfried Preusslers «Krabat» (ab 6. 12.). Auch Ersan Mondtags «Vernichtung» wird wieder aufgenommen. Das Stück wurde als erste Berner ­Produktion ans Theatertreffen in Berlin eingeladen. mfe

Musiktheater

«Eine Saison der Höllenfahrten»: So laute das inoffizielle Motto der kommenden Opernsaison, sagte Xavier Zuber, Konzert- und Operndirektor von Konzert Theater Bern. Tatsächlich gibt es in der Saison 2017/2018 einige Tragödien zu erleben: Mozarts «Don Giovanni» (Premiere: 14. 10.) erlebt seinen Niedergang unter der Regie des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild. Auch «Anna Karenina» (26. 11.) endet tragisch, könnte künstlerisch aber eine Sternstunde ­werden: Das Stück – nach der ­literarischen Vorlage – ist eine Schweizer Erstaufführung, ­geschrieben vom ungarischen Komponisten Jen? Hubay (1858–1937). Inszenieren wird es Adriana Altaras, die in Bern bereits Verdis «Un ballo in mas­chera» auf die Bühne brachte.

«Blockbuster» der klassischen Art stehen mit Verdis «Il Trovatore» (27. 1., Regie: Markus Bo­the») und Bizets «Carmen» (7. 4.) auf dem Programm. Letzteres inszenieren wird Intendant Stephan Märki, Ensemblemitglied Claude Eichenberger gibt die leidenschaftlich leidende Carmen.
Zeitgenössisches wird in Vidmar 1 zu hören sein: «Alzheim» (1. 12.) von Xavier Dayer. Darin geht es um die Demenzstation, die der Berner Martin Woodtli in Thailand gegründet hat. Einen «gruselig-intimen» Opernabend verspricht Gian Carlo Menottis «The Medium» (2. 2.) in der neu gestalteten Mansarde des Stadttheaters. mk

Tanz

Die Tanzcompagnie Konzert Theater Bern unter der Leitung der gebürtigen Chilenin Estefania Miranda eröffnet die neue Saison mit grossen Namen. Im Stadttheater wird als Auftakt eine dreiteilige Produktion gezeigt, die drei Werke der Tanz- und Musikgeschichte miteinander verbindet: «Sacre/Faun/Bolero» (Premiere: 28. 10.). Mit dem ersten Teil, einer vom legendären Werk «Le sacre du printemps» von Igor Strawinsky inspirierten Choreografie, bewegt sich das israelisch-niederländische Choreografenduo Uri Ivgi und Johan Greben auf den Spuren der legendären Kompanie Ballets Russes. Anschliessend werden zwei Uraufführungen den Abend komplettieren: Zum einen wird Sidi Larbi Cherkaouis tänzerische Umsetzung von Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune», zum anderen ein Tanzstück von Etienne Béchard zu Maurice Ravels populärem «Boléro» zu sehen sein.

Um den unbelasteten Neuanfang, die «Tabula rasa» (16. 2.), kreisen die in New York und Deutschland bereits aufgeführte Choreografie «Yidam» des ehemaligen Ensemblemitglieds ­Ihsan Rustem sowie zwei neue Stücke von Estefania Miranda und James Wilton. Die Choreografie des Gewinners der diesjährigen Ausgabe des Festivals Tanzplattform wird sich in «Einstein» um einen Aspekt aus dem Leben von Albert Einstein drehen (4. 5. 2018). kmi

Berner Symphonieorchester

«Wir werden umziehen», sagte Chefdirigent Mario Venzago – mit Sorgenfalten auf der Stirn. Am Sonntag bricht das Berner Symphonieorchester (BSO) zu seiner grossen China-Tournee auf. Doch das meinte er nicht. Denn ebenso weit – symbolisch – scheint der Weg zu sein, den das BSO vom Kultur-Casino in die Ersatzspielstätte Kursaal gehen muss. Hier wird ab der nächsten Saison für zwei Jahre gespielt, während im Kultur- Casino umgebaut wird.

Das BSO wird nicht nur im Kursaal auftreten, sondern auch in der Sporthalle Wankdorf Gustav Mahlers 6. Sinfonie spielen (24./25. 3.), im Münster die Glagolitische Messe aufführen (1./2. 2.) und im Stadttheater Othmar ­Schoecks «Das Schloss Dürande» auf die Bühne bringen (31. 5. / 2. 6.). Der Klassikfan kann zwischen drei Abos wählen: «Musica sacra» für die Konzerte in Kirchen, das «Kursaal-Abo» und das «Romantische Abo» für Liebhaber des romantischen Repertoires. Jenen, die sich in den Kursaal wagen, wird nach jedem Sinfoniekonzert ein Late-Night-Konzert geboten: BSO-Musiker spielen Jazz. «Das BSO wird an 16 verschiedenen Orten spielen», führte Venzago weiter aus. So könne man auch Menschen für Klassik begeistern, die gegenüber dem herrschaftlichen Kultur-Casino Hemmungen hatten. Und dann wichen die Sorgenfalten den Lachfalten: «Wir im Kursaal. Das wird super!» mk

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