Hype ums legale Gras

Seit 2016 ist es legal, sich mit dem nicht berauschenden CBD-Hanf einen Joint zu drehen. Vom Boom profitieren auch vier Seeländer: Unter der Marke Oasiz produziert ihre ABC Verwaltungs-AG in Brügg CBD-Hanf.

Hell und geheizt: In der Stecklingsgärtnerei werden die Cannabispflänzchen gehegt und gepflegt, bis sie Wurzeln schlagen.

Hell und geheizt: In der Stecklingsgärtnerei werden die Cannabispflänzchen gehegt und gepflegt, bis sie Wurzeln schlagen. Bild: Frank Nordmann / BT

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Von aussen weist nichts auf die Produktionsstätte hin. Ein schmuckloses graues Gebäude an der Portstrasse in Brügg, in dem verschiedene Firmen ihren Sitz haben. Auf einem kleinen Schild steht «ABC Verwaltungs-AG». Oberhalb des Eingangstors wacht eine Kamera über ankommende Besucher. Die Unscheinbarkeit, die leicht zu übersehende Beschriftung, die Videoüberwachung – all das ist gewollt, sagt einer der vier Firmeninhaber.

Alarmanlagen und Kameras

Als der junge Mann, tätowiert und mit Baseballcap, die Türe zur Produktionsstätte öffnet, dringt warme Luft heraus. Sie ist geschwängert vom Cannabisgeruch. Bei Partnern der Firma habe es schon mehrere Einbruchsversuche gegeben, sagt er. Diese seien allerdings erfolglos abgelaufen, denn alle Räumlichkeiten sind mit Alarmanlagen, Kameras und Erschütterungssensoren gesichert. Versucht jemand einzudringen, geht sofort eine Meldung an die Polizei.

Das Innere der Fabrik­halle ist geheizt und von unzäh­ligen LED-Lampen erhellt. Über 1400 Cannabispflanzen stehen auf mehrstöckigen Regalen und wachsen fast bis unter die Decke. Sie befinden sich in verschiedenen Wachstumsstadien, von kleinen Pflänzchen bis hin zu über einen Meter hohen Stauden. «Das sind unsere Mutterpflanzen», sagt der Kommunikationsverantwortliche Elie Kioutsoukis. Die Pflanzen sind das Herz von Oasiz, der Marke, unter der die Firma ­ihre CBD-Hanf-Produkte vertreibt.

Die vier Geschäftsinhaber, wohnhaft in der Region und zwischen 30 und 40 Jahre alt, haben sich der Produktion von CBD-Hanf verschrieben. Im Dezember 2016 haben sie ihre Firma gegründet – und seither praktisch pausenlos gearbeitet. Ihre Ar­beitstage sind bis zu vierzehn Stunden lang, Ferien liegen keine drin. «Unser Geschäft hat solche Ausmasse angenommen, dass wir nun Angestellte benötigen», sagt Kioutsoukis.

Eigene Genetik entwickelt

Als sein Partner vor zweieinhalb Jahren begonnen hat, mit Cannabispflanzen zu experimentieren, hätte er sich wohl kaum ausmalen können, wie rasant sich das CBD-Geschäft entwickeln würde. Monatelang bastelte er an der Genetik der Pflanze herum: Der THC-Gehalt musste unter ein Prozent sinken, der CBD-Gehalt dagegen möglichst hoch sein.

Anschliessend machte er sich daran, verschiedene Geschmäcker zu ent­wickeln: zitronig, süsslich, würzig, erdig oder sauer. Immer wieder habe er die Pflanzen miteinander gekreuzt, von tausend habe er im Selektionsverfahren nur das eine, das perfekte Kraut ausgewählt. Die Kenntnisse dafür habe er sich selbst angeeignet.

Die eigens entwickelte Genetik der CBD-Pflanzen ist heute das streng gehütete Geheimnis der Firma, damit können sich die Hersteller von der Konkurrenz abheben. Ausserdem setzt Oasiz auf Biodünger aus der Schweiz und verwendet keine Pestizide und Herbizide. Zur Bekämpfung von Schädlingen werden stattdessen Nützlinge und Bakterien eingesetzt.

Man wolle das natürliche Produkt nicht mit Chemikalien belasten. «Unsere Produkte sind biologisch. Das dürfen wir allerdings nicht auf die Verpackung schreiben, da sie als Tabakersatzprodukte gelten», sagt Kioutsoukis. Laut dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) könnten Bezeichnungen wie «biologisch» oder «natürlich» die Konsumenten glauben lassen, rauchen sei gesund.

Viele Blüten auf dem Tisch

Die Mutterpflanzen in der Fa­brikhalle sind das Ausgangs­material, aus dem Stecklinge gewonnen werden. Pro Monat schneiden die vier Männer rund 30 000 Stecklinge.

Die Minipflänzchen stecken sie in Kultursubstrate, wo sie bald eigene Wurzeln schlagen. Weil die Platzverhältnisse in Brügg zu eng sind, gelangen die Stecklinge anschliessend zu Produktionspartnern in der ganzen Schweiz, welche einem strengen Qualitätssystem unterstellt sind.

In deren Anlagen wachsen die Pflanzen weiter und bilden Blüten. In getrocknetem Zustand gelangen diese zurück nach Brügg. Von Hand packen die Oasiz-Inhaber anschliessend den Hanf in Alu­dosen à je vier Gramm. Um die 50 Franken kostet so eine im Handel. «Beim Abpacken stapeln sich die Blüten auf dem Tisch jeweils kiloweise», sagt Kioutsoukis.

Wer jetzt zu rechnen beginnt und in dem Geschäft das grosse Geld wittert, liegt nur teilweise richtig. «Es herrscht derzeit ein wahrer Goldrausch», sagt er, «immer neue Produzenten wollen auf den Zug aufspringen.» Doch neben dem Fakt, dass die Konkurrenz auf dem Markt immer grösser wird und damit auch die Preise heruntergedrückt werden, erschweren weitere Faktoren das schnelle Reichwerden. Die Indooranlage etwa habe ein «grosses Vermögen» gekostet.

«Wir sind ein Start-up. Bisher haben wir all unsere Einnahmen wieder ins Geschäft gesteckt.»Elie Kioutsoukis

Auch der laufende Betrieb verschlingt viel Geld. Hinzu kommen Tabaksteuern von 25 Prozent, welche die Firma an den Bund abtreten muss. So sagt denn auch der Sprecher: «Wir sind ein Start-up. Bisher haben wir all unsere Einnahmen wieder ins Geschäft gesteckt.»

Nicht alle werden überleben

Doch die viele Arbeit scheint sich nun auszuzahlen. Bereits sind die Oasiz-Produkte schweizweit an über siebzig Verkaufsstellen erhältlich. Seit Anfang Oktober ­bieten neu auch die Grosshändler Prodega und Growa die Produkte der Seeländer an. «Damit können wir einen grösseren Absatzmarkt erschliessen», freuen sich die Betreiber.

Bereits seien Verhandlungen mit weiteren Detail­­händlern am Laufen. Den Hanfboom sehen die Produzenten jedoch eher kritisch. Gerade im Herbst werde der Markt wohl bald übersättigt, wird doch in den nächsten Wochen der Outdoorhanf geerntet. «Es ist zu erwarten, dass viele Hersteller bald in Schwierigkeiten geraten», glaubt Kioutsoukis.

Gerade wer sich nicht von der Konkurrenz ab­heben könne, werde es schwer haben. Was dies angeht, machen sich die Unternehmer von Oasiz keine Sorgen. Indem man auf hohe Qualität und Transparenz setze, stünden die Überlebenschancen ihrer Firma gut. «Oasiz ist unser Baby. Das geben wir nicht so schnell wieder auf.» (Bieler Tagblatt)

Erstellt: 13.10.2017, 07:02 Uhr

Was ist CBD-Hanf?

In der Hanfpflanze finden sich über achtzig Cannabinoide. Die wichtigsten Cannabinoide sind das berauschende Tetrahydrocannabinol (THC) und das nicht berauschende Cannabidiol (CBD). 2011 erhöhte der Bund die gesetzlich erlaubte THC-Limite für Hanfpflanzen von 0,3 auf 1 Prozent.

Da CBD-Hanf weniger als 1 Prozent THC enthält, unterliegt er nicht dem Betäubungsmittelgesetz und kann in der Schweiz legal kon­sumiert werden. Dem CBD-Hanf wird nachgesagt, dass er entkrampfend, entzündungs­hemmend und angstlösend wirkt. Laut dem BAG ist die medizinische Wirkung von CBD jedoch erst ungenügend erforscht.
Neben CBD-Hanfblüten gibt es auch Öle, Nahrungsergänzungsmittel, Liquids für E-Zigaretten oder Pflegeprodukte. cst

Anbaufläche verzehnfacht

Im August 2016 hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) den CBD-Hanf zum Rauchen bewilligt. Seither ist es legal, sich mit dem nicht berauschenden Gras einen Joint zu drehen. Mittlerweile gibt es die Ware nicht mehr nur in klassischen Hanfläden, sondern auch bei Detailhändlern wie Denner und Coop oder an Kiosken zu kaufen.

Vom Boom profitiert auch der Bund: In den letzten zwölf Monaten haben sich über 340 Hersteller bei der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) registriert. Es wird geschätzt, dass fürs laufende Jahr Steuereinnahmen von 15 Millionen Franken zusammenkommen. Denn: «Unabhängig von ihrer Aufmachung sind grundsätzlich alle Cannabisprodukte, welche zum Rauchen oder Vaporisieren bestimmt sind, tabaksteuerpflichtig», sagt EZV-Sprecherin Martina Wirth.
Bevor ein neues Tabakersatzprodukt, das Cannabis enthält, auf den Markt gebracht werden darf, muss es ausserdem dem BAG gemeldet werden. Mediensprecher Adrien Kay sagt auf Anfrage, dass sich beim BAG bis heute 129 Firmen mit 267 verschiedenen Produkten angemeldet haben.

Kanton Bern auf Platz vier

Wie gross derzeit der Hype um das legale Gras ist, zeigen Zahlen des Bauernverbandes. 2014 wurden im ganzen Land 6 Hektaren Hanf angepflanzt. 2016 waren es bereits 29, und für 2017 rechnet der Verband mit 59 Hektaren. Die Fläche dürfte sich damit innerhalb von zwei Jahren verzehnfacht haben. «Wir erleben einen neuen Boom», sagt Sandra Helfen­stein, Kommunikationsleiterin beim Bauernverband. Der Kanton Bern hat 2016 hinter den Kantonen Zürich, Thurgau und Waadtland die grösste Anbaufläche aufgewiesen.

Während des ersten Hanfbooms um die Jahrtausendwende sei Hanf vor allem als interessante Faserpflanze und nachwachsender Rohstoff gehandelt worden, erklärt Helfenstein. Da sich beides wirtschaftlich nicht gelohnt hat, gingen die Flächen extrem zurück. Nun ist die Nachfrage so gross wie noch nie zuvor. Lohnt es sich also als Landwirt, auf den Trend aufzuspringen? «Da es sich derzeit um einen neuen Markt handelt, ist die Wirtschaftlichkeit sicher viel besser als jene von etablierten Kulturen», so Helfenstein.

Legal oder illegal?

Es gebe aber durchaus noch ein paar offene Fragen – gerade was die Nachfrage betreffe. Zum Beispiel: Zieht Schweizer Herkunft auf dem Markt wirklich als Verkaufsargument? «Zudem ist der Hanfanbau mit gewissen Problemen verbunden, zum Beispiel bei der Überwachung der Felder dazu, dass diese nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgeräumt werden», sagt Helfenstein.

Etwas verworren ist auch die rechtliche Situation. Fakt ist: CBD-Hanf ist legal, THC-Hanf ist illegal. Die Polizei steht demzufolge bei Kontrollen vor einem Problem: «Die Herausforderung liegt in der Tatsache, dass legales Cannabis rein optisch und geruchsmässig nicht von illegalem Cannabis zu unterscheiden ist», sagt Sidonie Perroud von der Berner Kantonspolizei.

Laut dem Bundesgericht fällt der Besitz von unter zehn Gramm eines Betäubungsmittels unter Artikel 19b des Betäubungsmittelgesetzes. Dieser Artikel besagt, dass, wer nur eine geringfügige Menge eines Betäubungsmittels für den ei­genen Konsum vorbereitet, sich nicht strafbar macht. Kontrolliert die Polizei also eine Person und findet bei dieser weniger als zehn Gramm Cannabis, kommt sie ohne Anzeige davon. Behalten darf die Person das Gras allerdings vorerst nicht – auch wenn es sich um legal erworbenen CBD-Hanf handelt. «Die Substanz wird in jedem Fall zuhanden des zuständigen Regierungsstatthalteramtes sichergestellt, welches dann über das weitere Vorgehen entscheidet», sagt Perroud.

Analyse teurer als Busse

Auf Anfrage sagt Béatrice Meyer, Vizeregierungsstatthalterin des Amtes Biel, dass man den beschlagnahmten Hanf an das Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern schicke. Dort wird er im Labor auf den THC-Gehalt untersucht.

Das Paradoxe: Eine solche Analyse kostet laut Meyer 330 Franken. Eine Ordnungsbusse für den Besitz von THC-haltigem Cannabis kostet dagegen nur 100 Franken. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass das Regierungsstatthalteramt solche Analysen nur äusserst selten durchführen lässt – im laufenden Jahr nämlich erst zweimal, wie Meyer bestätigt. Falls sich die beschlagnahmte Ware übrigens im Labor als legaler CBD-Hanf herausstellt, wird dem Besitzer sein Gras durch die Polizei zurückge­geben. cst

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