Hunderte trauern um den kleinen Aharan

Bolligen

Am Mittwoch hat die Familie den achtjährigen Aharan Krishnasamy in Bolligen zu Grabe getragen. Zuvor fand im Berner Bremgartenfriedhof eine grosse Trauerfeier mit tamilischen Verwandten aus der ganzen Welt statt.

An dieser Stelle im Kappelisacker starb Aharan am 2. November.

An dieser Stelle im Kappelisacker starb Aharan am 2. November.

(Bild: Stefan Anderegg)

Die Solidarität unter den Tamilen ist gross. Bereits am Tag nach dem Tod von Aharan Krishnasamy reisten Verwandte aus Sri Lanka nach Ittigen, um der Familie beizustehen. Am Mittwoch nun waren es mehr als tausend Angehörige und Bekannte aus der ganzen Welt, die den Knaben verabschiedet haben. Die Trauerfeier fand im Berner Bremgartenfriedhof statt. Während der gut zweistündigen Zeremonie in der Kappelle lag Aharan aufgebahrt vor der Trauergemeinde. In seinem Arm lag sein Lieblingsplüschtier, ein silberner Löwe. Neben ihm wurden Fotos und Filme an die Wand projiziert – Momentaufnahmen aus seinem kurzen Leben.

Zahlreiche Rednerinnen und Redner sprachen oder sangen der Familie Krishnasamy ihr Beileid. Die meisten auf Tamilisch, manche auch auf Bern-, Hochdeutsch oder Englisch. Gleich anschliessend wurde Aharam in Bolligen beigesetzt, denn seine Wohngemeinde Ittigen hat keinen Friedhof. Die Schulkameraden liessen schriftliche Fürbitten an Ballons in den Himmel steigen.

Am Freitag, 28. Oktober, feierte der Junge seinen achten Geburtstag. Fünf Tage später, am Mittwoch, 2. November, verunfallte Aharan auf dem Fussgängerstreifen bei der Bushaltestelle Kappelisacker in Ittigen. Der Zweitklässlerwar auf dem Weg zur Schule. Um 7.20 Uhr wurde er von einem Lastwagen erfasst und überrollt. Aharan Krishnasamy starb noch auf der Unfallstelle.

Er wünschte sich ein Grab

Dass Aharan beigesetzt worden ist, ist ungewöhnlich. In Sri Lanka werden Tote am Meer oder Fluss verbrannt, ihre Asche wird dann dem Wasser übergeben. Der Verstorbene soll so zu Gott finden. Weil eine solche Zeremonie hierzulande verboten ist, lassen viele tamilischen Familien ihre Angehörigen kremieren und verstreuen die Asche dann in Sri Lanka. «Oder sie bewahren die Urne Zuhause auf», sagt Laavanja Sinnadurai, eine Vertraute von Aharans Familie. Die 21-jährige Jura-Studentin aus Niederscherli und ihr Vater haben die Eltern des toten Knaben besucht und gestern an der Trauerfeier in Bern teilgenommen. Aharans Vater Thileepan Krishnasamy erklärt:?«Bei meinem Sohn habe ich mich entschieden, keine allzu traditionelle Bestattung durchzuführen. Die meisten Hindus werden verbrannt, aber Aharan hat nun ein Grab.» Er ist damit einem Wunsch seines Sohnes gefolgt. Der Junge hatte sich einmal mit seinem Vater über das Sterben unterhalten. Er sagte, er wolle begraben werden.

Verwandte kochen für Familie

So viele Menschen reisten gestern zum Bremgartenfriedhof, dass sogar der Verkehr geregelt werden musste. «Das Netzwerk unter uns Tamilen in der Diaspora ist sehr eng», erklärt Laavanja Sinnadurai. Den Vater von Aharan kennen viele, denn er ist im Tamilenforum Schweiz aktiv. Der Verein mit Sitz in Bern vertritt die Interessen der Bevölkerungsgruppe, fördert ihre Integration und den Austausch zwischen Schweizern und Tamilen. Auch Laavanja Sinnadurai engagiert sich als Kulturvermittlerin. Sie sagt:?«Im Namen der tamilischen Angehörigen in der Schweiz wünsche ich der Familie Krishnasamy viel Kraft für die harte Zeit. Der Tod von Aharan hat uns alle erschüttert.»

Die Präsenz der Familie und der Bekannten reicht weit über die gestrige Trauerfeier hinaus. Viele Verwandten reisen erst wieder am 7. Dezember nach Sri Lanka zurück. Sie kochen für Aharans Familie. Denn nach einem Todesfall bereiten Hinterbliebene einen Monat lang selber keine Mahlzeiten zu.

Drei Kinder sahen den Unfall

Aharan hat einen kleinen Bruder, der in Ittigen den Kindergarten besucht. Dort und in den Schulhäusern liegen Kondolenzbücher mit Zeichnungen und Wünschen auf. Einige Mädchen und Knaben haben sogar persönliche Briefe an die Eltern und den Bruder geschrieben. Der Schulpsychologische Dienst schaut seit dem Unfall regelmässig bei den Klassen vorbei. Drei Kinder werden einzeln betreut –«wahrscheinlich noch wochenlang», sagt Schulleiter Werner Furer. Denn sie waren Augenzeugen:?Ein Kind sah den Unfall vom Balkon aus, ein anderes war dort gerade zu Fuss unterwegs und ein drittes begleitete seine Mutter, die dem Opfer gleich nach dem Unfall zu Hilfe eilte.

Der LKW fuhr vorwärts

Die Schule hat reagiert und diese Woche 600 orange Leuchtwesten bestellt. Vom Kindergärtler bis zum Viertklässler sollen sie alle auf dem Schulweg tragen. Die Verkehrssicherheit ist dem Schulleiter wichtig, doch er sagt:?«Den Täterbereich muss man ebenfalls gut anschauen.» Die Ermittlungen laufen, wie die Kantonspolizei bestätigt.

Auch der Lastwagenchauffeur wurde psychologisch betreut. Keine Auskunft gibt die Kapo darüber, ob er korrekt gefahren ist, ob er die Gegend kennt und wie es ihm geht. «Es werden weiterhin Befragungen gemacht und auch die Auswertung von Spuren ist am Laufen», sagt Kapo-Sprecherin Daniela Sigrist. Fest steht:?Der Unfall hat sich nicht bei einem Rückwärtsmanöver ereignet.

Der Mittwoch, 2. November, war ein schwarzer Tag:?Morgen Freitag wird der 10-jährige Silvan in Worb begraben. Er wurde zwölf Stunden nach Aharan von einem Betrunkenen überfahren.

Berner Zeitung

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