Hodlers Linientreue

Von oben und unten, von der Seite oder diagonal: 100 Jahre nach seinem Tod lässt sich Ferdinand Hodlers viel gesehenes Œuvre im Kunstmuseum Bern dank «Hodler // Parallelismus» neu entdecken.

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Imposant steht sie vor einem, «Die Wahrheit», in Gestalt einer bleichen Frau, die zentral auf der Leinwand steht und mit ihren ausgestreckten Armen die Menschen in zwei Gruppen teilt. Ferdinand Hodlers monumentales Gemälde von 1903 hängt niedrig im Kunstmuseum Bern.

So tief, dass man als Betrachter selbst mittendrin steht in der Komposition. Suchen die anderen Figuren, die schwarze Tücher über dem Kopf tragen, nach der Wahrheit? Oder flüchten sie vor ihr? Egal, für einmal geht es in einer Hodler-Ausstellung nicht um die Symbolik der Bilder, sondern um ihren Aufbau.

Umstrittene Theorie

Ferdinand Hodler war ambitioniert. So erstaunt es wenig, dass der Berner Künstler (1853–1918) nicht nur ein grossartiges Œuvre schuf, sondern diesem auch gleich eine eigene Kunsttheorie überordnete. Er nannte seine Theorie Parallelismus, und wie der Name bereits vorwegnimmt, umschreibt sie die Gesetzmässigkeit von Parallelen.

«Hodlers Theorie des Parallelismus passte in eine Zeit, in der die Menschen die Natur unter dem Mikroskop entdeckten.»Nina Zimmer Direktorin Kunstmuseum Bern

Diese prägen alles Leben, von den kleinsten Bausteinen wie der DNA bis zur Symmetrie von Körpern, Bäumen oder ganzen Universen. «Hodlers Theorie passte in eine Zeit, in der die Menschen die Natur unter dem Mikroskop entdeckten», sagt Museumsdirektorin und Co-Kuratorin Nina Zimmer.

Entsprechend sei Hodlers Theorie nicht seine alleinige Schöpfung gewesen, wie er gerne proklamiert habe. Auch der Begriff Parallelismus wurde in den (Natur-)Wissenschaften verwendet, wie historische Fachliteratur in der Ausstellung bezeugt.

Entsprechend gespalten waren die Reaktionen, als Hodler im Rahmen seiner Rede «Die Mission des Künstlers» 1897 in Freiburg sein «Weltgesetz» erstmals öffentlich präsentierte. Einige hielten dieses für trivial, und Hodlers Künstlerkollege Félix Vallotton spottete, es sei eine Theorie «für Blinde». Andere lobten sie als Offenbarung.

Aufgelöst in Farbflächen

Eine späte Offenbarung gibt es nun im Kunstmuseum zu erleben: Wer mit der Theorie des Parallelismus im Hinterkopf durch die Ausstellung wandelt, wird sie bald nicht mehr sehen, «Die Enttäuschten Seelen» (1892), die köpfehängend auf einer Bank sitzen. Auch nicht die symbolträchtigen Frauenreigen oder den «Thunersee mit Spiegelung» (1905), der unlängst Pate stand für die aktuelle Sondermarke der Schweizerischen Post.

Stattdessen treten die Kompositionen in den Vordergrund; Horizontalen hier, Vertikalen da, und es erstaunt, dass der Parallelismus nicht schon längst ein Thema in der breiten Hodler-Rezeption ist.

Doch erst die Ausstellung zum 100. Todestags des Künstlers, die im Frühsommer im Genfer Musée Rath zu sehen war und nun in adaptierter Form im Kunstmuseum Bern eröffnet, rückt die Theorie in den Fokus. Eine Theorie, die Hodler in allen Schaffensphasen beschäftigte.

Auf «Das moderne Grütli» (1887–1888) reichen sich Männergruppen synchron die Hände. Auf dem «Bildnis der toten Augustine Dupin» (1909) spiegeln horizontale Wandbemalungen den liegenden Leichnam. Und auf den Genferseelandschaften, die kurz vor Hodlers Tod in seiner Wahlheimat entstanden, lösen sich die Mont-Blanc- oder Salève-Ansichten fast gänzlich in abstrakte, horizontale Farbflächen auf.

Diagonale für Dynamik

Wie passt eigentlich «Der Holzfäller» (1910) in dieses von Längs- und Querlinien geprägte «Weltgesetz»? Jenes berühmte Hodler-Gemälde, das geprägt ist von einer dominanten Diagonalen, der aufgezogenen Axt?

Er kann exemplarisch für die Wirkung gegensätzlicher Kräfte gelesen werden, die Bestandteil sind von Hodlers Theorie: Wirken einige rasterartige Bilder starr, sorgt die Diagonale für Dynamik und verleiht den Gemälden Bewegung und Lebendigkeit. Nicht nur bei dem «Holzfäller» trifft dies zu, auch beim «Fliederbäumchen» (1890), das scheinbar vom Wind hin- und hergeweht wird.

Ja, man hat Hodlers Bilder schon einige Male in diesen Räumen gesehen. Doch die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Bern beweist, dass man Hodler immer noch neu sehen kann.

«Hodler // Parallelismus»: 14. 9. bis 13. 1., Vernissage: Freitag, 14. 9. Ab 18.30 Uhr, Kunstmuseum, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2018, 18:15 Uhr

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