Liebefeld

Hier klassisch, da «fägig»

LiebefeldIm Liebefeld herrscht Einigkeit: Kirchenchöre sind nicht einfach ein Auslaufmodell. Und Gospelchöre nicht einfach ihre würdigen Nachfolger.

In Bewegung zur Musik: Der Gospelchor Liebefeld in Aktion.

In Bewegung zur Musik: Der Gospelchor Liebefeld in Aktion. Bild: PD

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Sind die Gospelchöre die Kirchenchöre der heutigen modernen Zeit?

Am Wochenende feiert der Gospelchor Liebefeld Geburtstag. Die rund 50 Sängerinnen und Sänger blicken auf 20 Jahre Vereinsgeschichte zurück. Entstanden ist er 1998 aus einer spontanen Initiative des damaligen Quartierpfarrers heraus, und seither bringt er regelmässig afroamerikanisch geprägte Musik in den Vorort im Süden der Stadt Bern.

Gospel, sinniert Präsidentin Bettina Inderbitzin, sei eine sehr ansprechende Musik, «die einfach ‹fägt›». Man singe nicht nur Melodien, sondern könne sich zu den Rhythmen auch bewegen. «So entsteht eine Wechselwirkung zum Publikum, zuweilen klatschen die Zuhörerinnen und Zuhörer begeistert mit» – die Begeisterung ist ihr nur zu gut anzuhören, wenn sie von den magischen Momenten spricht, in denen der Funke überspringt.

Kirchenchöre gingen ein

Andreas Marti ist Dirigent des Thomaschors, wie sich der rund 30-köpfige klassische Kirchenchor im Gebiet Liebefeld, Köniz und Schliern neuerdings nennt. Dazu ein profunder Kenner der Kirchenmusik, und aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im schweizerischen Kirchengesangsbund weiss er: Allein in den 35 Jahren von 1980 bis 2015 sind in der Deutschschweiz tatsächlich ein Drittel aller reformierten Kirchenchöre von der Bildfläche verschwunden.

Dass die Kirche deshalb schon bald ohne den Gesang der Kirchenchöre auskommen muss, glaubt er aber nicht, im Gegenteil. Chöre, die professionell geleitet würden, organisatorisch mit der Zeit gingen und nicht zuletzt auch über ein grösseres Einzugsgebiet verfügten, könnten sehr wohl bestehen.

Für den Thomaschor sind die Bedingungen schon deshalb gut, weil in den drei Könizer Ortsteilen 17'000 Leute wohnen. Der Chor selber übt nicht nur für seine regelmässigen Konzert- und Gottesdienstauftritte, sondern packt hin und wieder ein grösseres Projekt an. Damit zieht er auch Aussenstehende an, die sich nur für diese einmalige Sache verpflichten müssen – und zuweilen doch hängen blieben.

Beim Repertoire haben sich die Gewichte ein Stück weit verschoben. Statt der üblichen barocken Komponisten wie Johann Sebastian Bach oder Heinrich Schütz kommen vermehrt Vertreter der Romantik wie Felix Mendelssohn zum Zug. Ihre Werke stehen der heutigen Zeit musikalisch wie textlich näher.

«Dem Thomaschor», stellt Andreas Marti zufrieden fest, «gelingt es gut, sich stetig zu erneuern.» Wer dies nicht schafft, gerät dagegen nur zu rasch in einen Abwärtsstrudel, denn: Sobald ein Chor die verschiedenen Stimmlagen nicht mehr ausgewogen besetzen kann, tönt er schlecht. Das wiederum demotiviert die Sängerinnen und Sänger, und dann ist das Ende oft nicht mehr weit.

Gospelmusik tickt anders

Sind die Gospelchöre die Kirchenchöre der heutigen modernen Zeit?

Nicht nur Andreas Marti räumt der traditionellen kirchlichen Chorarbeit durchaus eine Zukunft ein. Auch Bettina Inderbitzin will als Vertreterin des Gospelchors nicht von einem Entweder-oder reden, sondern findet, dass «beides durchaus seinen Platz hat». Obwohl die afroamerikanisch geprägte Gospelmusik der hiesigen, von emotionaler Zurückhaltung geprägten Kultur ein Stück weit fremd ist, wie sie offen eingesteht.

Bemerkbar macht sich dies vor allem beim Einüben der Choreografien. Sie selber, erzählt sie, lasse sich sehr gern von der Musik mitreissen. Nicht allen im Chor falle es aber gleich leicht, sich frei zu bewegen. Im Takt zu klatschen oder Schrittfolgen zu befolgen, sei «eine stete Herausforderung» und mache «viel Aufbauarbeit» nötig.

Im Gottesdienst tritt diese Andersartigkeit besonder hervor. Inderbitzin erwähnt die Chöre in Amerika, dem Geburtsland des Gospels, zeigt sich beeindruckt vom Wechselgesang mit der Gemeinde, der dort üblich ist. Dass solches im Umfeld einer viel stilleren Predigt hierzulande kaum so stattfindet, findet sie auch nicht weiter tragisch. Es gehe ja gar nicht darum, die grossen Vorbilder aus dem Geburtsland des Gospels eins zu eins zu kopieren: «Wir sind Europäer, haben auch ein ganz anderes Temperament.» 

Das ändert nichts an der Kraft, die sie aus ihrer Musik schöpft. Es sei immer toll, auf der Bühne zu stehen, den Blick in den Saal schweifen zu lassen und mit dem Publikum Kontakt aufnehmen zu können, sagt sie. Richtig. Der Kopf ist dann genauso frei wie die Hände – denn Gospel singt man auswendig.

Jubiläumskonzerte: Heute Freitag und morgen Samstag, 19.30 Uhr, sowie übermorgen Sonntag, 17 Uhr, Thomaskirche Liebefeld. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2018, 09:49 Uhr

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