Heute vor 50 Jahren brach in Bern die Yeah-Yeah-Euphorie aus

Am 27. August 1965 fand Berns erstes grosses Popkonzert statt. Die Lokalmatadoren The Black Caps und The Morlocks mieteten sich im Kultur-Casino ein und bescherten der Beamtenstadt eine krachende Party.

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1965 war ein gutes Jahr für die Popmusik: Bob Dylan steckte das Kabel seiner Gitarre in einen Verstärker und startete mit «Like a Rolling Stone» zum Höhenflug. Die Rolling Stones landeten mit «Satisfaction» einen gesellschaftskritischen Tophit, The Who wollten gemäss «My Generation» lieber sterben als alt werden, und die Beatles entdeckten die LP als Ausdrucksmittel: Pop war überall.

Rendezvous der Platzhirsche

Auch in Bern. Zwar setzten die hiesigen Pioniere noch auf kruden Garagen-Beat, und etwas Avantgarde war höchstens in ihren verwegenen Outfits auszumachen. Nach krachenden Beatpartys im Dancing Bierhübeli und im übel beleumundeten Gambrinus-Keller schien die Zeit reif für die «Besetzung» eines bürgerlichen Musiktempels:

Die Wahl fiel auf das Casino, wo die Klassiker den Ton angaben und andere Musikstile im besten Fall geduldet waren. Als Jazzkönig Louis Armstrong 1955 hier spielte, war das Haus ausverkauft. Gleiches wollten Berns Beatmusiker mit einem Yeah-Yeah-Festival erreichen – und so ein Zeichen setzen.

Um den Bürgern und Beamten den Beatles-Marsch zu blasen, machten die Konkurrenten The Black Caps («Im Fieber der Stones») und The Morlocks («Berner Beatles») gemeinsame Sache.

Die Generalplanung übernahm Willy «Widu» Weber, der als Sprengkünstler ideale Voraussetzungen für ein explosives Fest mitbrachte. Das Casino war zu mieten, allerdings mit Auflagen: Um Tumulten vorzubeugen, wurde behelmte Polizei und eine Gruppe von muskelunruhigen Akkordmaurern aufgeboten, natürlich auf Kosten der Veranstalter. So kolportierte es jedenfalls Paul Anderegg, der verstorbene Sänger der Black Caps.

«Bärn muess chläbe»

Am 27.August 1965 war es so weit: Das Casino war ausverkauft. Selbst die Plätze hinter der Bühne waren besetzt. Dem denkwürdigen Fest der Berner Jugend war eine beispiellose Propagandaaktion vorausgegangen – und das im Zeitalter vor Social Media. Überall wurde wild plakatiert. Jede Band klebte ihr eigenes Poster, getreu Widu Webers Motto: «Giele, Bärn muess chläbe!»

Die Erinnerungen an den Anlass selber sind verblasst. Einzelne Protagonisten erinnern sich an eine Berner «Beatle-Mania» mit kreischenden Groupies. Andere bleiben nüchterner. Die Bieler Combo The Next Four, die den Job der «Anheizerband» übernahm, erinnert sich an technische Probleme und fehlende Erfolgserlebnisse, obwohl die Sänger vorher eine nikotinfreie Woche eingelegt hatten.

Die Morlocks und die Black Caps hätten sich das Terrain gerne brüderlich aufgeteilt, doch sie wurden von The Sevens torpediert: Mit Argwohn stellten Berns Platzhirsche fest, dass die Basler Profiband nicht nur längere Haare und eine wohlgeordnete Garderobe hatte – sie spielte auch besser: ein wiederkehrendes Motiv in den bern-baslerischen Beziehungen, allerdings heute auf anderem Terrain.

100 Franken Materialschaden

Seis drum: Im Spätsommer 1965 schwelgte Bern in der Yeah-Yeah-Euphorie. Dank eines gesitteten Publikums zogen die Akkordmaurer unverrichteter Dinge von dannen, und zwei beschädigte Wiener Sessel à je 50 Franken fielen auch nicht ins Gewicht.

Prompt wurden die Black Caps und The Morlocks übermütig: Sie starteten Profikarrieren, die allerdings bald am real existierenden Showbusiness zerschellten. Am Erfolg der Okkupation des Klassiktempels durch die Beatbrüder gab es dennoch nichts zu rütteln. «S het ghoue, oder?», fragte Paul Anderegg triumphierend.

Berner Zeitung

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