Bern

Grosser Brocken für die kleinen Gemeinschaften im Haus der Religionen

BernNach dem Spatenstich am Europaplatz für die Grossüberbauung mit dem Haus der Religionen gilt es nun für die einzelnen Glaubensgemeinschaften, ihre Kultusräume zu gestalten und zu finanzieren. Kein leichtes Unterfangen.

Hindus begehen ihre Riten und Feste heute im provisorischen Haus der Religionen. Am neuen Ort beanspruchen sie die grösste Fläche.

Hindus begehen ihre Riten und Feste heute im provisorischen Haus der Religionen. Am neuen Ort beanspruchen sie die grösste Fläche. Bild: Stefan Maurer

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der 27.Juni war für den Verein «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» ein «Tag des Glücks», sagte Präsidentin Gerda Hauck. Mit dem Spatenstich hat das Projekt von acht Religionsgemeinschaften mit einem gemeinsamen öffentlichen Teil einen wichtigen Meilenstein erreicht. Der Weg hierher war voller Windungen. Zum einen galt es, mit den verschiedenen Religionsgemeinschaften ein stabiles Beziehungsnetz aufzubauen, um eine solide Vertrauensbasis zu schaffen.

Darüber hinaus hat der Verein in seinen Provisorien an der Schwarztorstrasse und heute an der Laubeggstrasse mit regelmässigen Veranstaltungen und Kursen das Interesse breiterer Kreise geweckt. Zum anderen lagen bisher auf dem Weg zu einem Haus zahlreiche Stolpersteine: Die Religionsgemeinschaften meldeten ihre Wünsche wegen ritueller Einrichtungen an, Bauauflagen und Einsprachen folgten, und der Kampf um die Finanzierung brachte das Projekt beinahe zu Fall. Mit dem Spatenstich hat das Projekt Haus der Religionen «die halbe Strecke zurückgelegt», wie Stiftungsratspräsident Guido Albisetti sagte. Nun folgt die Innenarchitektur.

Während Sikhs, Baha’i und Juden weiterhin ihre eigenen Gotteshäuser benutzen, werden Muslime, Hindus, Aleviten, Christen und Buddhisten eigene Gebets- und Versammlungsräume einrichten. Sie übernehmen ihre Räume im Rohbau und sind selbst für die Innenausstattung, deren Finanzierung und den Unterhalt verantwortlich – je nach Grösse der Gemeinschaft eine grosse Herausforderung.

Die beiden grössten Einrichtungen werden die Moschee mit über 500 und der Hindu-Tempel mit über 800 Quadratmetern sein. Aleviten, Buddhisten und Christen beanspruchen Räume in der Grösse von 160 bis 180 Quadratmetern. Der öffentliche Teil mit Infrastruktur, Cafeteria, Ausstellungs-, Kurs- und Veranstaltungsräumen wird gegen 1300 Quadratmeter einnehmen.

Ein gemeinsames Fundament

Jede Religionsgemeinschaft benötigt für ihre Riten und gemeinsamen Anlässe eigene Einrichtungen mit entsprechenden architektonischen Ansprüchen. Alle befinden sich derzeit noch in der frühen Projektphase. Die Finanzierung von Ausbau und Unterhalt wird für die kleinen Gemeinschaften, insbesondere Aleviten, äthiopische Christen und Buddhisten, ein harter Brocken werden. Trotz der unterschiedlichen Gestaltung der jeweiligen Religionsgemeinschaften denkt man an eine gestalterische Klammer, die die Kultusräume und den Dialogbereich zusammenhält: einen einheitlichen Fussboden, der sinnbildlich das gemeinsame Fundament des Hauses der Religionen darstellen soll.

Umfrage: Wie sollen die Innenräume aussehen?

Aleviten sind im Mittelalter aus dem schiitischen Islam hervorgegangen, leben heute mehrheitlich in der Türkei und werden dort vielerorts diskriminiert. Regeln und Rituale in Gottesdiensten und an Feier- und Fastentagen sind relativ offen. Die alevitische Gemeinschaft, die im Haus der Religionen eigene Räumlichkeiten beansprucht, legt nach Angaben der Sprecherin Neslihan Kiliç in erster Linie Wert darauf, dass sich die Menschen wohl fühlen. Rituell von Bedeutung wird eine kleine Feuerstelle sein – ein Symbol für die Reinheit. Neben dem Versammlungs- und Gebetsraum mit Platz für rund 70 Personen sind eine Kinderecke und eine Bibliothek sowie ein Raum für Religionsunterricht und eine Kochnische vorgesehen. Pläne für die Gestaltung liegen noch nicht vor. Pragmatisch orientieren sich hier Budget und Einrichtung am gesammelten Betrag.

Buddhisten haben nach zweijähriger Vorarbeit nun einen Architekten beauftragt, genauere Pläne auszuarbeiten. Zu den Herausforderungen gehört, dass Buddhisten aus dem Tibet, aus Vietnam, Thailand, Sri Lanka und der Schweiz ihre unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut bringen müssen, sowohl baulich wie auch finanziell. Die Gemeinschaften sind heute meist in kleineren Gruppen organisiert. Laut Sprecher Marco Röss werden die Räume am Europaplatz neutral gehalten. Neben einer Tempelnische mit Buddhastatue und Altar sollen ein grösserer Mehrzweckraum, eine Info-Ecke und eine Bibliothek entstehen. Sofern bewilligt, ist eine Einzimmerwohnung für einen Geistlichen geplant. Das Kostendach für den Ausbau schätzt Röss auf 120'000 Franken. Dazu kommen Miet- und Nebenkosten von rund 2000 Franken pro Monat.

Christen teilen ihre Räume zwischen der Herrnhuter Brüdergemeine, die seit Beginn an der Entstehung des Hauses der Religionen beteiligt ist, und der äthiopisch-orthodoxen Kirche, die bisher in der Nydegg- und der Petruskirche Unterschlupf gefunden hat. Letztere wird rund 30 von 174 Quadratmetern in Anspruch nehmen für die Ikonostase, eine mit Ikonen gestaltete Wand, hinter der sich noch ein begehbarer Raum befindet, der nur für den Priester zugänglich ist. Die restliche Fläche dient nach Angaben von Sprecher Martin Bauer unterschiedlichen Zwecken wie Gottesdiensten, Festen und Bildungsveranstaltungen. Während die äthiopische Gemeinschaft mit der Geldsammlung grosse Mühe verzeichnet, ist die Herrnhuter Brüdergemeine mit 165'000 Franken durch Beiträge der Landeskirchen und aus eigener Kasse abgesichert.

Hindus beanspruchen mit 800 Quadratmetern die grösste Fläche unter den fünf Glaubensrichtungen. Bereits im heutigen Provisorium des Hauses der Religionen existiert ein intensiv genutzter Raum für Riten und Feste. Für zehn Gottheiten sollen Schreine entstehen, integriert in einem Tempel von rund 500 Quadratmetern. Dazu kommen Räume für Seminare, Yoga, Meditation sowie für Kultur- und Sprachunterricht für Kinder und Jugendliche. Von zentraler Bedeutung wird laut Sprecher Murali Thiruselvan die vegetarische Küche sein, die weder mit Fleisch noch mit Tierprodukten wie Eier in Berührung kommen darf. Für die gesamte Innenausstattung rechnet die Hindu-Gemeinschaft im Haus der Religionen mit 2 Millionen Franken. Thiruselvan zeigt sich zuversichtlich, jeder habe eine Familie, und viele sähen eine Gabe für einen Tempel als Pflicht.

Muslime benötigen als zweitgrösste Gemeinschaft rund 500 Quadratmeter. Die Moschee liegt auf zwei Etagen, die Gebetsräume für Frauen und Männer sind miteinander verbunden. Regie führt der Muslimische Verein Bern, der heute in einem Keller an der Hochfeldstrasse Gottesdienste und Veranstaltungen organisiert. Die meisten Mitglieder stammen aus dem Balkan. Vom Muslimischen Verein Bern war am Montag, Dienstag und Mittwoch niemand erreichbar. Deshalb gab David Leutwyler, Mitarbeiter des Hauses der Religionen, Auskunft. Geplant sind ein 200 Quadratmeter grosser Gebetsraum für die Frauen und ein etwa 300 Quadratmeter grosser für die Männer. Bei der Planung wurde die Ausrichtung der Moschee gegen Mekka – mit einem kleinen Kompromiss – berücksichtigt. Weiter sind Büroräumlichkeiten und ein Café in der Moschee geplant. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.07.2012, 06:45 Uhr

Artikel zum Thema

Ein «europaweit einzigartiges» Bauprojekt wird Realität

Bern Ein Zentrum, in dem fünf Religionsgemeinschaften beten und sich begegnen: Das wird jetzt in Bern Realität. Denn am Mittwoch wird am Europaplatz der Spatenstich für das lange geplante Haus der Religionen vorgenommen. Mehr...

Das Haus der Religionen in Bern ist abgesegnet

EuropaplatzDas Haus der Religionen erhält 2,2Millionen Franken aus dem Lotteriefonds. Der Grosse Rat genehmigte gestern den Beitrag. Mehr...

Millionen des Parlaments retten Haus der Religionen

Der bernische Grosse Rat hat am Donnerstag einen Beitrag von 2,2 Millionen Franken an das Haus der Religionen in Bern gesprochen. Damit dürfte das Projekt nun auf die Zielgerade einbiegen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Bernerzeitung.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...