Bern

Gesucht: Botschafter für Kultur

Bern«Kultur soll selbstverständlicher werden», fordert Christian Pauli, Präsident des Vereins der Berner Kulturveranstalter bekult. Im Interview erklärt er, was die Kulturschaffenden und die Politik dazu beitragen können.

«Small but different»: So stellt sich Christian Pauli das Berner Kulturleben in Zukunft  vor.

«Small but different»: So stellt sich Christian Pauli das Berner Kulturleben in Zukunft vor. Bild: Beat Mathys

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Christian Pauli, wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich für die Berner Kultur wünschen?
Christian Pauli: Dass sie im Alltag selbstverständlicher wird, so wie in Genf oder Luzern. Dann wünsche ich mir Kulturereignisse, über die man spricht. Deshalb sollte die Kultur auch provokativer werden. Und mein dritter Wunsch: Sie sollte sich besser vernetzen.

Woran merken Sie, dass die Kultur in Bern nicht selbstverständlich ist?
Wir haben in Bern eine enorme kulturelle Vielfalt. Aber ich beobachte vor allem in der Politik, teilweise auch in der Bevölkerung, eine Skepsis gegenüber kostenintensiven Leistungen – nach dem Motto: Muss das sein? Brauchen wir das wirklich?

Vielleicht hängt diese Skepsis auch mit der Anspruchshaltung von Kulturschaffenden zusammen: Man hört sie oft über zu wenig öffentliche Gelder klagen.
Was würden Sie tun, wenn Sie zu viel zum Sterben, aber zu wenig zum Leben hätten? Das ist kein Klagen um des Klagens willen! Fakt ist, dass viele kulturelle Bereiche ohne Subventionen inexistent wären, sei dies Theater, Tanz, Klassik oder Jazz. Die subventionierten Institutionen wollen eine ansprechende Arbeit machen und brauchen dafür genügend Geld. Da sind wir nicht anders als andere. Die Bauern kämpfen auch für einen fairen Milchpreis.

Die Stadt gibt jährlich knapp 34 Millionen Franken für Kultur aus. Weshalb ist das nicht genug?
Für eine kleine Stadt ist dieses Budget beachtlich. Wenn man die Kulturausgaben aber schweizweit vergleicht, und dieser Vergleich drängt sich bei einer Hauptstadt nun mal auf, dann sind die Mittel knapp. Auch das ist wieder eine Frage des Berner Kulturverständnisses.

Fehlt der Berner Kultur also eine politische Lobby?
Ja. Traditionell werden die grossen Kulturinstitutionen vom freisinnigen Bürgertum getragen. Es gehört zu dessen Selbstverständnis, dass man sich mit Kultur präsentiert, auch mit zeitgenössischer, und diese zum Beispiel auch als Mäzen fördert, wie etwa in Basel. Mir scheint, der Berner Freisinn habe diese Tradition aufgegeben. Hier setzen sich die Linken für vergleichsweise konservative Häuser wie das Stadttheater ein – das ist eigenartig.

Wie steht bekult zu der von Stadt und Kanton angeordneten Fusion zwischen Stadttheater und Symphonieorchester?
Wenn Bern ein gut finanziertes und eigenständiges Musik- und Theaterangebot der beiden Flaggschiffe hat, profitiert auch die freie Szene davon. Die beiden Institutionen sollten sich inhaltlich aber noch öffnen, ihr Programm sollte frischer und flinker werden.

Mit dieser Fusion hat die Politik ein Signal gesetzt. Gleichzeitig hat man den Eindruck, die Geldgeber haben sich erst eingeschaltet, als nichts mehr ging.
Soll ich wieder klagen? (lacht) Man kann auch mal würdigen, dass die Politik nun aktiv nach Lösungen sucht. Genauso wie der Stadtpräsident nun für die Kultur und ihre Vielfalt einsteht.

Müsste die Politik nicht auch Visionen haben?
Eher längerfristige Strategien, zum Beispiel: Wo soll das Stadttheater in zehn Jahren stehen? Kulturschaffende reagieren allergisch darauf, wenn sich die Politik zu sehr in inhaltliche Fragen einmischt. Meiner Meinung nach sind Visionen primär eine Aufgabe der Kulturszene.

Wie sehen die Visionen von bekult aus?
Das Label Kulturstadt soll offensiver verkauft werden. Deshalb braucht Bern eine Art Kulturbotschafter, der dem kulturellen Leben ein Gesicht gibt und Kulturschaffende mit der Wirtschaft vernetzt. Die Vernetzung wollen wir auch untereinander vorantreiben, um die kulturelle Vielfalt besser zu nutzen: Small but different – so stelle ich mir das Berner Kulturleben vor. Wir denken über bestimmte Aktionen nach, aber auch über eine für alle Veranstalter gemeinsame Ticketverkaufsstelle, damit die Kultur im Alltag präsenter wird. Unser erstes Ziel muss jedoch sein, dass die Subventionsverträge 2012–2015 vom Stadtrat und Volk angenommen werden.

Der Stadtpräsident möchte das Kulturbudget halten, obwohl die Stadt in den nächsten Jahren sparen muss. Haben Sie einen Plan B, sollte die Kultur Kürzungen hinnehmen müssen?
Falls Kürzungen unumgänglich sind, haben wir den Wunsch geäussert, dass die Stadt mit uns darüber spricht. Alle Institutionen haben knapp genug. Da kann man nicht einfach linear kürzen, sondern gezielt und mit einer längerfristigen Strategie vor Augen.

Welche Bilanz ziehen Sie denn nach knapp eineinhalb Jahren bekult?
Wir haben gemerkt, dass das Bedürfnis nach Austausch gross ist. Bekult zählt denn auch 63 Mitglieder, das sind fast alle Berner Veranstalter. Inzwischen deponieren wir unsere Anliegen auch regelmässig bei der Stadt. Gleichzeitig waren die Erwartungen am Anfang vielleicht allzu hoch, was der Verein mit seinem kleinen Budget alles leisten sollte. Deshalb würde ich meinen: Die Zündung ist passiert, aber erst jetzt können wir grössere Aufgaben angehen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.09.2010, 08:43 Uhr

Die Fakten

Der Verein Bekult, der die Interessen der Berner Kulturveranstalter gegenüber der Politik vertritt, wurde im Juni 2009 gegründet. Er zählt 63 Mitglieder. Die Kulturverträge 2012–15 hat die Stadt mit den einzelnen Institutionen eben ausgehandelt. Im Dezember kommt das Gesamtpaket in den Gemeinderat. Über Subventionen, die höher sind als 75'000 Franken pro Jahr, beschliesst nächstes Jahr der Stadtrat.

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