Geschichten von A wie Abraham bis V wie Viktoria

Zehn Jahre nach seinem ersten Erfolg gewinnt Tadesse Abraham zum dritten Mal den Grand Prix von Bern – erstmals als Schweizer. Viktoria Pogorielska lässt ihren drei Frauenlauf-Siegen den prestigeträchtigsten Triumph in der Bundesstadt folgen.

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Jörg Christen ist nicht auf den Mund gefallen. Die Herausforderung jedoch, mit welcher sich der Berner konfrontiert sieht, scheint von Jahr zu Jahr grösser zu werden. Seine Aufgabe besteht darin, den Spitzenathleten des Grand Prix im Startbereich zwei, drei Fragen zu stellen, sie auf diese Weise den Massen am Strassenrand vorzustellen. Vorjahressieger Tadesse Abraham wird vors Mikrofon gebeten, dabei mit lautstarkem Beifall willkommen geheissen.

Martina Strähl erscheint ebenfalls zum Kurzgespräch. Die für den LV Langenthal antretende Solothurnerin ist als Bergspezialistin bekannt, der coupierte Parcours ist nach ihrem Geschmack. Und sonst? Die dreifache Frauenlauf-Gewinnerin Viktoria Pogorielska aus der Ukraine kommt nicht infrage, weil sie kein Englisch spricht. Viktor Röthlin, der bekannteste unter den 31300 Teilnehmern, trat nach der EM 2014 in Zürich zurück; er steht bei der 34.Auflage des Berner Klassikers als Tempomacher für sehr schnelle Hobbyläufer im Einsatz.

Maja Neuenschwanders Rolle lässt sich mit Liveberichterstatterin umschreiben. In regelmässigen Abständen wird sie anhalten, über eine Minikamera respektive die Internetplattform Twitter ihre Eindrücke auf der Strecke schildern. Mitte April gewann die 35-Jährige überraschend den Wien-Marathon; noch immer beginnt die EM-Neunte von Zürich zu lächeln, wenn sie auf den Triumph angesprochen wird. Der Effort in Österreich hat jedoch reichlich Substanz gekostet, ein GP-Start im Elitefeld war daher kein Thema.

Neuenschwander landet trotzdem bei Interviewer Christen, als einzige Berner Protagonistin. Immer wieder hat die Region erfolgreiche Läufer hervorgebracht, man denke an Markus Ryffel und Sandra Gasser, an Anita Weyermann und Christian Belz. Die Zukunft sieht düster aus, nach Neuenschwander droht die Leere. Es sei denn, Delia Sclabas setze ihren aussergewöhnlichen Steigerungslauf fort. Wobei es vermessen wäre, eine 14-Jährige zur Hoffnungsträgerin zu erklären.

Tadesse Abraham hat das 10-Meilen-Rennen jederzeit unter Kontrolle. Auf dem Thunplatz wird der seit elf Monaten mit Schweizer Pass ausgestattete Eritreer nur noch vom Kenianer Patrick Ereng begleitet. Auf der andern Seite der Monbijoubrücke kommt es beinahe zur Kollision: Ein Grillfestteilnehmer, bereits etwas angeheitert, überquert mit sechs, sieben Bierflaschen in der Hand die Quartierstrasse, notabene zwischen den in rasantem Tempo das Terrain ebnenden Spitzenfahrzeugen.

Im Aufstieg zur Dreifaltigkeitskirche fällt die Entscheidung: Abraham beschleunigt, Ereng vermag das Tempo nicht zu halten. Kurz darauf – es geschieht einmal mehr in der Münstergasse – überholt der EM-Neunte von Zürich die schnellsten der sieben Minuten vor den Männern gestarteten Frauen. Im Ziel beträgt der Vorsprung des 32-Jährigen auf den Kenianer Bernard Matheka 47 Sekunden. Dessen eingebrochener Landsmann Ereng wird mit fast einer Minute Rückstand Dritter. Welch Unterschied zum Vorjahr, als Abraham Ereng um einen Hauch zu distanzieren vermochte.

Siegerin Viktoria Pogorielska erscheint mit Tetyana Vernygor zur Medienkonferenz. Diese belegte zwar «nur» Rang 7, ist der jüngeren Landsfrau dafür in Sachen Fremdsprachenkenntnisse entrückt. Tadesse Abraham spricht nach seinem dritten Triumph in Bern vom schönsten, weil er erstmals als Schweizer haben laufen dürfen. Er erwähnt den Support seines Kumpels Simon Tesfay auf den ersten fünf Kilometern.

Gemeinsam setzten sie sich vor elf Jahren an der Cross-WM in Belgien von der eritreischen Delegation ab, gemeinsam begannen sie in Uster ein neues Leben – die Verbindung dürfte lebenslang halten. Martina Strähl wird in persönlicher Bestzeit Fünfte, ist sichtlich zufrieden, sagt sinngemäss, sie habe das Maximum herausgeholt.

Viktor Röthlin gelingt die Punktlandung. Der Obwaldner mit der Startnummer 0:59:59 überquert die Ziellinie just nach einer Stunde. Sonderlich erschöpft scheint der Marathoneuropameister des Jahres 2010 nicht zu sein. Er hält fest, die Pacemaker-Funktion sei anspruchsvoller als jene des Vollgas gebenden Spitzenathleten. «Nach dem Aargauerstalden musste ich ziemlich basteln, sonst wäre ich 20 Sekunden zu früh angekommen.»

Pro Woche laufe er noch ungefähr einen Marathon, erwidert der 40-Jährige auf die entsprechende Frage. Das klingt nach viel, beläuft sich aber nur noch auf ein Fünftel jenes Pensums, welches er als Aktiver bewältigte. Maja Neuenschwander, die rasende Reporterin in OK-Diensten, spricht von einer «besonderen Erfahrung», sei sie doch im Normalfall extrem fokussiert und nehme kaum wahr, was sich am Strassenrand abspiele. «Ich erkannte Stimmen, sah bekannte Gesichter. Auf diese Weise saugt man die Atmosphäre ganz anders auf, als wenn man am Limit läuft.»

Markus Ryffel, 1984 in Los Angeles Olympiazweiter über 5000 Meter, amtet beim GP als Athletenvermittler. Die drohende Leere im Bernbiet habe mehrere Gründe, meint der 60-Jährige. Er spricht über die Crossläufe, «unsere harte Winterschule», welche praktisch verschwunden seien. Er erwähnt die Konkurrenz durch andere Sportarten, die Beispiele des Triathleten Andrea Salvisberg und der Orientierungsläuferin Judith Wyder, sagt, «das wären ganz bestimmt auch hervorragende Läufer geworden».

Und der Zürcher Oberländer erinnert sich an seine ersten Jahre in Bern, an die Geschehnisse im Stadtklub STB vor der Vereinsmeisterschaft: «24 Läufer bewarben sich um einen Platz über 1500 Meter oder 5000 Meter. Es wurden Ausscheidungswettkämpfe durchgeführt.» Heute sind die meisten Klubs froh, wenn sie jede Disziplin mit einem halbwegs kompetitiven Athleten besetzen können.

Was Ryffel und seine GP-Funktion anbelangt, lässt sich Ähnliches festhalten wie bei Interviewer Christen: Die Herausforderung, ein hochkarätiges Feld mit heimischen Zugpferden zusammenzustellen, scheint von Jahr zu Jahr schwieriger zu werden. Wobei in diesem Kontext vom Glücksfall Tadesse Abraham gesprochen werden darf. Der Mann, der Massstäbe setzt und Massen zum Jubeln bringt, dürfte noch ein paar gute Jahre vor sich haben.

Nochmals sehen, wie der Kontrahent zurückfällt: Auf der interaktiven Karte von Bernerzeitung.ch/Newsnet können Sie Ihren Lauf am Grand Prix von Bern nochmals verfolgen – und sich mit anderen Teilnehmenden vergleichen.

Hier gehts zum Grand-Prix von Bern.
Hier gehts zum Altstadt-GP.
Hier gehts zu den Nordic Walkern.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 11.05.2015, 06:32 Uhr

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