Früh geförderte Kinder sind besser im Kindergarten

Stadt Bern

Die 4 Millionen Franken, welche die Stadt in den letzten fünf Jahren ins Frühförderungsprojekt Primano investiert hat, zeigen Wirkung: Die Kinder kommen im Kindergarten besser zurecht.

Als Chandra (Name geändert) vor einem Jahr in den Kindergarten kam, konnte er selber die Schuhe anziehen, mit einer Schere Figuren ausschneiden, allein aufs WC gehen, Purzelbäume schlagen. Und er hörte interessiert zu, wenn die Kindergärtnerin eine Geschichte vorlas. Diese Dinge sind nicht selbstverständlich: Immer öfter klagen Stadtberner Kindergärtnerinnen, dass Kinder Mühe damit haben, die einfachsten Anforderungen im Kindergarten-Alltag zu erfüllen.

Besonders häufig kommt das bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien vor. Chandra kommt aus einer solchen Familie: Zu viert wohnt die tamilische Familie in einer 2-Zimmer-Wohnung. Der Vater ist arbeitslos. In solchen Verhältnissen werden Kinder oft zu wenig gefördert bei der Entwicklung ihres Verhaltens, ihrer Sprache und ihrer Bewegungsabläufe.

Besuch mit Spielzeugkiste

Chandra erhielt schon als Zweijähriger Unterstützung von der Stadt: Eine tamilische Landsfrau kam mit einer Kiste voller Spielzeug regelmässig auf Hausbesuch, spielte und plauderte mit Chandra. Und sie zeigte Chandras Mutter, wie sie dasselbe tun kann. Die Hausbesucherin ist von der Stadt Bern für diese Tätigkeit angestellt und geschult worden.

Später ging Chandra in die Spielgruppe. Und auch diese ist ins Förderprojekt einbezogen. Dort lernen die Kinder zum Beispiel, dass es gesünder ist, den Durst mit Wasser zu löschen als mit Cola. Und dass sie in der Schweiz bedenkenlos vom Hahnen trinken dürfen.

Vor fünf Jahren hat die Stadt Bern mit dem Frühförderungsprojekt Primano begonnen. Es kostete bisher 4,4 Millionen Franken. Ein Viertel davon bezahlte die Stadt. Für den Rest kamen der Kanton, der Bund und Stiftungen auf. Bisher wurden 133 Familien mit gut 400 Kindern unterstützt. Die Stadtbehörden haben ausgerechnet, dass zum Beispiel die Hausbesuche 9000 Franken pro Familie kosten.

«Zuerst säen, dann ernten»

Ursprünglich ging die Stadt davon aus, dass das Förderprojekt nur halb so teuer sei. Trotzdem betonte die zuständige Gemeinderätin Edith Olibet (SP) gestern an einer Medienorientierung: «Die Frühförderung lohnt sich. Auch finanziell. Wir müssen zuerst säen, damit wir später ernten können.» Die geförderten Kinder hätten bessere Chancen auf eine gute Bildung und damit ein geringeres Risiko, dereinst auf Sozialhilfe angewiesen zu sein.

Das Institut für Psychologie der Uni Bern hat die Erfahrungen von Kindergärtnerinnen und des Stadtberner Gesundheitsdienstes ausgewertet und kommt zum Schluss: Die Kinder aus benachteiligten Familien sind im Kindergartenalter geschickter, neugieriger und sie können besser sprechen, wenn sie im Frühförderungsprojekt waren. Die Kindergärtnerinnen haben auch festgestellt: Eltern aus dem Frühförderprojekt sind interessierter und machen mehr mit als andere.

Nächstes Jahr ist die Versuchsphase des Projekts abgeschlossen. Edith Olibet hofft, dass die Stadt das Projekt von den vier bisherigen Versuchsquartieren Bethlehem, Bümpliz-Weidmatt, Holligen-Brunnmatt und Wittigkofen-Murifeld auf die ganze Stadt ausdehnen wird. Die Stadtberner SP fordert mittels Vorstoss im Stadtrat, das Projekt langfristig weiterzuführen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...