Frauenlauf: Das gemeinsame Kind steht auf eigenen Füssen

Bern

Dank Jacqueline Ryffel und Verena Weibel hat 1987 erstmals der Frauenlauf stattgefunden. Die beiden gründeten den inzwischen grössten Frauensportanlass der Schweiz. Dafür haben sie eine Auszeichnung erhalten.

Die Gründerinnen des Frauenlaufs Verena Weibel (links) und Jacqueline Ryffel zeigen das T-Shirt 2012.

Die Gründerinnen des Frauenlaufs Verena Weibel (links) und Jacqueline Ryffel zeigen das T-Shirt 2012.

(Bild: Urs Baumann)

Herzliche Gratulation. Sie wurden von European Athletics mit dem Women’s Leadership Award für ihren Einsatz für die Leichtathletik geehrt. Wie hat Sie diese Auszeichnung berührt? Verena Weibel: Ich betrachte sie als Anerkennung dafür, dass der Frauenlauf in der Schweiz doch einiges bewegt hat.

Was hat Sie damals bewogen, einen Lauf ausschliesslich für Frauen auf die Beine zu stellen? Jacqueline Ryffel: Zum Beispiel die Tatsache, dass am Grand Prix von Bern oder am Murtenlauf kaum Frauen starteten. Wir wollten einen Lauf organisieren, der kürzer und damit machbar ist für Frauen, die mit Kindern, Haushalt und Teilzeitarbeit ausgelastet sind. Anfangs gab es nur eine 5-Kilometer-Strecke. Heute gibt es auch einen Lauf über 10 Kilometer und eine Walking-Kategorie. Weibel: Wir wollten es Frauen ermöglichen, losgelöst von jeglichem Druck Sport treiben zu können. Uns gefiel auch die Vorstellung, dass die Väter während des Laufs an der Strecke stehen und die Kinder hüten.

Ist ein Lauf, der Männer ausschliesst, überhaupt noch zeitgemäss? Ryffel: Es scheint nach wie vor einem Bedürfnis zu entsprechen, sonst würden nicht jedes Jahr zwischen 4000 und 5000 Frauen neu dazukommen und zum ersten Mal überhaupt starten. Der Frauenlauf ist für viele ein Einstieg für eine spätere Teilnahme an anderen Läufen. Weibel: Der Frauenlauf ist ein Traditionsanlass, kein Geschlechterwettkampf.

Was ist denn so anders an einer reinen Frauensportveranstaltung? Ryffel: Die Stimmung und die Motivation der Frauen ist grundsätzlich anders. Gesundheit, Erlebnis und Spass stehen im Vordergrund, nicht die Leistung. Weibel: Dieser Lauf ist etwas Besonderes. Er ist festlich und für viele ein Antrieb zu einem gezielten und regelmässigen Training. Das gilt allerdings sowohl für Frauen als auch für Männer.

Die Schwärmerei für den Frauenlauf hat den Beiklang «Frauen sind bessere Menschen». Sind sie das? Ryffel: Tatsache ist, dass Frauen anders empfinden als Männer.

Wäre es im Zeichen der Gleichberechtigung denkbar, eine Kategorie Männer einzuführen? Ryffel: Warum etwas ändern, was Erfolg hat? Es gibt in der Schweiz fast 500 andere Läufe mit gemischten Kategorien. Weibel: Ich wurde schon oft gefragt, ob es den Frauenlauf in dieser Form immer geben wird. Ich denke, es braucht ihn noch – und das wird vorläufig so bleiben.

Die Teilnehmerzahlen sprechen für sich. Am ersten Lauf nahmen 2330 Läuferinnen teil, 2011 waren es schon weit über 14000. Woran liegt das? Weibel: Weil der Frauenlauf ein Happening ist, ein Frauentag, ein Anlass, den sehr viele schätzen. Er motiviert die ganze Familie. Ryffel: Dass das so ist, bestätigen uns auch viele Männer. Sie danken uns, dass wir ihre Frau zum Sporttreiben motivieren konnten. Viele Paare geniessen nun dank des Frauenlaufs das gemeinsame Sporttreiben.

Der Frauenlauf ist Ihr Kind. Es ist erwachsen geworden. Gefällt Ihnen, wie es sich entwickelt? Weibel: Persönlich habe ich ganz einfach Freude an diesem Kind. Der Frauenlauf begeistert immer noch viele. Was wollen wir mehr? Ryffel: Ich habe dieses Kind losgelassen, als es 16 Jahre alt war. Ich sehe seine Entwicklungen – neue Strecken, neue Kategorien – nur positiv und bin stolz auf dieses Kind.

Berner Zeitung

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