Frauen zieht es kaum in die Lokalpolitik

Sowohl auf Bundes- wie auf Kantonsebene sind Frauen in den politischen Gremien weniger vertreten als Männer. Das zieht sich auch in den Gemeindeparlamenten der Region Bern weiter. Gründe dafür sind unter anderem mangelndes Interesse.

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29 Prozent, 32 Prozent und 15 Prozent – so sehen die Frauen­anteile im Bundesrat, im Nationalrat und im Ständerat aus. Und auch auf Gemeindeebene haben im Durchschnitt nicht mehr Frauen ein politisches Amt inne, vor allem in den Parlamenten. Diese Situation wurde kürzlich unter anderem an der GGR-Sitzung in Zollikofen deutlich. Man zählte und zählte und zählte und kam auf zwei Handvoll Frauen unter den vierzig Parlamentsmitgliedern.

Nie Bedenken gehabt

Eine der zehn weiblichen Vertreterinnen im Grossen Gemeinderat von Zollikofen ist Marceline Stettler (parteilos/GFL). Die gebürtige Berner Oberländerin erklärt, wie sie in den GGR Zolli­kofen gekommen ist. «Ich habe mich schon immer für die Politik interessiert.» Sie habe nicht einfach die Faust im Sack machen, sondern sich aktiv einbringen und mitdiskutieren wollen. Deshalb habe sie auch sofort zugesagt, als man sie angefragt hatte, für den Grossen Gemeinderat zu kandidieren.

«Bedenken, weil ich eine Frau und damit in Unterzahl war, hatte ich keine», sagt Stettler. Sie sieht aber auch, dass es schwierig ist, neue Kandidatinnen für ein Amt in der Gemeinde zu motivieren. «Viele, vor allem jüngere Frauen, wollen nebst der Kinderbetreuung mit einem Bein im Berufsleben bleiben und haben keine Zeit mehr.» (Siehe auch Zweittext.) Dieser Entscheid sei natürlich nachvollziehbar, findet die GFL-Parlamentarierin, trotzdem sei es schade. «Manchmal ­interessieren sich die Leute nicht sonderlich für die Lokalpoli­tik, aber das betrifft nicht nur Frauen.»

Unterschied in Kommissionen

Marceline Stettler fühlt sich aber im Parlament von Zollikofen als Frau überhaupt nicht benach­teiligt. «Das Seilziehen zwischen den linken und den rechten Parteien ist an den Sitzungen viel eher zu spüren», sagt sie. Sowieso spiele das Geschlecht im GGR eine untergeordnete Rolle, der Inhalt sei wegweisend. «In den verschiedenen Kommissionen hingegen gibt es schon Unterschiede zwischen Männern und Frauen.» Während beispielsweise die Bildungskommission und die Kommission für Soziales und Gesundheit frauenlastig seien, sitzen in der Finanz- und Baukommission deutlich mehr Männer. In Bereichen wie Kultur und Sicherheit sei der Geschlechteranteil hingegen ausgeglichen.

Schwieriges Unterfangen

In Zollikofen sind aktuell von allen acht Parlamenten in der Region Bern am wenigsten Frauen vertreten (siehe Grafik). Gemeindepräsident Daniel Bichsel (SVP) ist sich dessen durchaus bewusst: «Ich nehme die Untervertretung in unserem Grossen Gemeinderat sicherlich wahr», erklärt er. Aber: «Es käme einer Idealvorstellung gleich, wenn die Bevölkerung genau proportional vertreten wäre.» Es sei in Zollikofen wie auch in anderen Gemein­den ein schwieriges Unterfangen, genügend weibliche Kandidatinnen zu den Wahlen vorzuschlagen.

«Alle Parteien werden aber bereits bei der Rekrutierung der Kandidierenden gebeten, möglichst auch Frauen vorzuschlagen.» Neben dem Geschlecht würden die eingebrachten Kompetenzen der gewählten Personen eine mindestens ebenso grosse Rolle spielen, bestätigt ­Daniel Bichsel die Einschätzung der GFL-Parlamentarierin Marceline Stettler. Und er unterstreicht auch: «Zu den Wahlen treten von Anfang an auch weniger Frauen an.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.11.2017, 06:10 Uhr

Frauenmehrheit in der Stadt Bern

In den Parlamenten in der Region Bern sind die Frauen in der Unterzahl (siehe Grafik). Die Stadt Bern ist seit der Sommerpause die grosse Ausnahme: Hier sitzen mehr Frauen als Männer im Parlament. Die insgesamt 80 Sitze verteilen sich auf 41 Frauen und 39 Männer. Damit hat der Berner Stadtrat erstmals eine Frauenmehrheit. Ratsvizepräsidentin Regula Bühlmann (GB) machte die Kolleginnen und Kollegen auf den historischen Moment aufmerksam. Auch im Vergleich mit ­anderen Schweizer Städten liegt Bern bezüglich des Frauenanteils im Parlament an der Spitze, wie die Stadt Bern Ende August ausrechnete. In Zürich etwa ­beträgt der Frauenanteil gut ein Viertel.

Eine Vorreiterrolle übernahm Muri bei Bern, wo bereits im Februar 2005 der «historische Moment» gefeiert werden konnte, als 21 Frauen und 19 Män­ner im Parlament sassen. Eine solch knappe Mehrheit kann ­allerdings relativ rasch wieder kippen, da es während einer ­Legislaturperiode erfahrungsgemäss zu zahlreichen Wechseln kommt. In Bern rückten seit den letzten Gesamterneuerungswahlen im November 2016 nach Rücktritten Ersatzkandidatinnen nach.

Gerade umgekehrt verhält es sich auf kantonaler Ebene. In den Grossen Rat wurden im Jahr 2014 die 160 Mitglieder letztmals neu gewählt: 109 Männer und 51 Frauen. Nach Wechseln in der laufenden Legislatur sitzen aktuell noch 45 Frauen im Kantonsparlament. mm

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