«Frau Liechti, was ist Stenografie?»

Bern

Die 93-jährige Trudi Liechti aus Bern erzählt zwei Schülern aus ihrem Leben. Für «Zeitmaschine TV» machen Leo Müggler und Robin Uçar einen Kurzfilm über das Leben der ehemaligen Stenografin.

Zuhören, lachen, staunen: Robin Uçar und Leo Müggler (r.) interviewen Trudi Liechti.

Zuhören, lachen, staunen: Robin Uçar und Leo Müggler (r.) interviewen Trudi Liechti.

(Bild: Urs Baumann)

«Wie haben Sie den Zweiten Weltkrieg erlebt, Frau Liechti?», fragt der 13-jährige Leo Müggler die 93-jährige Frau, die neben ihm im Sessel sitzt. Sie lächelt, ihre Augen funkeln. «Soll ich gleich mit Erzählen beginnen? Ich war damals eine Schülerin», sagt sie. Der 14-jährige Robin Uçar kon­trolliert nochmals kurz, ob der Tablet-Computer aufnimmt.

Und Trudi Liechti erzählt: «Also am besten ist mir in Erinnerung, wie plötzlich von einem Tag auf den andern keine Lehrer mehr da waren. Dann haben Pensionierte den Unterricht übernommen. Am Samstag hatten wir keine Schule mehr. Und oft froren wir am Montag in den kalten Schulzimmern. Auch die Autos waren weg, weil die Armee sie alle eingezogen hatte. Der Hausarzt fuhr deshalb gemütlich auf dem Velo mit seinem Köfferli auf dem Gepäckträger herum.»

Eine Website voller Kurzfilme

Trudi Liechti erzählt weiter. Leo Müggler und Robin Uçar hören zu, lächeln und staunen abwechslungsweise. Die Burgerspittel-Bewohnerin, die sie interviewen, ist ganz anders, als sie gedacht hatten. Die beiden Schüler waren auf alle möglichen Schwierigkeiten vorbereitet: Auf Gespräche mit Menschen, die dement sind, sich immer wiederholen oder nicht gut hören. Alles völlig un­nötig: Trudi Liechti erzählt witzig und spannend, sie erinnert sich an alles. Ab und zu fragt sie nach: «Interessiert euch das?» Natürlich interessiert es die beiden Schüler. Denn Trudi Liechti ist ihre Zeitzeugin.

«Zeitmaschine TV» heisst das Projekt, an dem ihre Klasse, die 7c der Hochfeldschule, arbeitet. Auf der gleichnamigen Website im Internet werden in ein paar Wochen die Kurzfilme abrufbar sein, die sie aus den Erzählungen von Trudi Liechti und deren alten Fotos und Dokumenten zusammenschneiden.

Lauter solche kurze Zeitreisen, die sich Schüler von alten Menschen erzählen lassen, sind auf der Website schon abgelegt: Hans Kupferschmied erzählt, wie er vor 65 Jahren mit dem Velo in drei Wochen nach Stockholm gefahren ist – nachdem er bei einem Velohändler in Aarberg einen ­Kilometerzähler gekauft hatte. Andere schildern ihre Erinnerungen an Lehrer: Gschtrublet und kläpft hätten sie und auch mal einen Schlüssel nach schwatzhaften Schülern geworfen.

Trudi Liechti hingegen beschreibt die Lebensmittelgutscheine, die ihre Familie bekam, als das Essen während des Kriegs rationiert wurde. Während des Erzählens zieht sie ein Plastikmäppli mit alten Märkli hervor: Es sind Mahlzeitencoupons und Seifenkarten, welche sie über die Jahrzehnte aufbewahrt hat.

Stenografin bei der UBS

Trudi Liechti war zu dieser Zeit ein Schulmädchen, das im Monbijouschulhaus Socken für die Soldaten in den Bergen gestrickt hat. Später besuchte sie die THB. «Das war die Töchterhandelsschule Bern», erzählt sie Leo und Robin und zeigt aus dem Fenster ihres Zimmers im Burgerspittel am Bahnhofplatz hinüber zur Bankfiliale der UBS. «Dort, in dieser Bank habe ich als Sekretärin stenografiert.» Was das sei, fragen die beiden Schüler. «Damit könnte ich heute keinen Franken mehr verdienen», erklärt Trudi Liechti lächelnd.

Sogleich zieht sie die dicht ­beschriebene Seite eines alten Stenoblocks hervor. «Mit dieser Schnellschrift habe ich notiert, wenn mir der Chef einen Brief diktiert hat. Dann habe ich alles auf der Schreibmaschine abgetippt», erklärt Trudi Liechti. «Einige Kolleginnen von der THB», plaudert sie weiter, «die haben so gut stenografiert, dass sie die Debatten des Nationalrats stenografieren durften. Das musste dann genau stimmen.» Trudi Liechti blieb nicht Sekretärin bei der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG). Sie heiratete. Und zwar ihren «Schuelschatz».

«Was interessiert euch noch? Wollt ihr einen Orangensaft?», fragt Trudi Liechti. Kurze Zeit später stellt sie zwei Fläschli neben die Mahlzeitencoupons und die alten Fotos, die sie hervorgesucht hatte. Dazwischen liegen 80 Jahre. Leo Müggler und Robin Uçar setzen sich nun an die Arbeit, diese 80 Jahre zu überbrücken: Fünf Minuten lang wird Trudi Liechti ihre Erlebnisse schildern. Dabei werden die alten Märkli und die Fotos eines jungen Mädchens auf dem Berner Münsterplatz zu sehen sein.

Berner Zeitung

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