Riggisberg

Fachleute reden Klartext: «Migrationsdienst ist überfordert»

RiggisbergNach der Schlägerei in Riggisberg spitzt sich die Kritik am Migrationsdienst zu. Der Kanton agiere planlos, unprofessionell und überfordert, sagen Fachleute.

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Das Ansehen des Migrationsdienstes leidet. Der Kanton weiss nicht wohin mit all den Asylsuchenden, setzt Gemeinden unter Druck, geht nicht auf Vorschläge ein, irritiert selbst seine Partner – und nun fühlt sich sogar die Bevölkerung verschaukelt.

Je länger, je mehr drängt sich die Frage auf: Ist der Migrationsdienst überfordert? «Scheinbar», sagt die Flüchtlingshilfe. «Ein wenig», ein Politiker. «Eindeutig», ein ehemaliger Mitarbeiter der Heilsarmee, die unter anderem das Zentrum Riggisberg führt.

Der Bumerang

Wörter wie «Erfolgsgeschichte» haben schon einige in Erklärungsnot gebracht. Sie können auf einen zurückkommen wie ein Bumerang, dann, wenn aus der Erfolgsgeschichte ein Flopp wird.

Iris Rivas, die Leiterin des Migrationsdienstes, hat von einer Erfolgsgeschichte gesprochen, Anfang August, als die Medien durch das Asylzentrum Riggisberg geführt wurden. Innerhalb weniger Wochen war die Truppenunterkunft bereit gemacht worden für rund 150 Asylsuchende. Rivas lobte die Solidarität der Riggisberger.

«Unverzeihlicher Fehler»

Nun, vier Wochen später, schweigt sie. Denn am Montag kam es beim Asylzentrum zu einer Massenschlägerei. Gestern kam heraus: Der Migrationsdienst hatte offenbar sechs Männer in Riggisberg einquartiert, die andernorts schon negativ aufgefallen waren.

Beat Meiner von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe spricht von einem «unverzeihlichen Fehler». «Da haben die Behörden leichtfertig einen riesigen Schaden angerichtet. Bei den Flüchtlingen und ihren Betreuern, aber auch bei der Bevölkerung von Riggisberg.»

In anderen Kantonen gebe es extra Einrichtungen für unverträgliche Personen. Dort untergebracht zu werden, sei eine echte Strafe. «Dass Bern nicht längst über eine solche Infrastruktur verfügt, ist schlicht unprofessionell», so Meiner.

Warum nicht vorbereitet?

Beat Meiner war der Erste, der das Berner Asylwesen kritisierte. Bereits im Juli wunderte er sich darüber, dass Bern «Asylalarm» auslösen musste. Man hätte voraussehen können, dass die Zahl der Asylgesuche steige, sagte er. Mittlerweile sind weitere Kritiker dazugekommen. Sie können nicht verstehen, warum sich der Kanton nicht vorbereitet hat.

Es folgten kleinere Pannen: Der Kanton überrumpelte die Gemeinde Ostermundigen mit der Ankündigung, sie müsse Unterkünfte zur Verfügung stellen – ohne dass die Gemeinde vorher angehört wurde.

Moosseedorf wollte bei einer schnellen Lösung helfen, der Migrationsdienst aber liess die Gemeinde über Wochen warten, wie Gemeindepräsident Peter Bill damals kritisierte. Und Grossrat Reto Müller (SP) sagt, die regionale Asylkommission Emmental-Oberaargau erhalte vom Migrationsdienst «null Informationen, wenn wir sie nicht hartnäckig einfordern».

«Inkompetent und arrogant»

Sogar aus den Reihen der Organisationen, die für den Kanton Asylunterkünfte betreiben, ist Kritik zu hören. Am deutlichsten drückt sich bisher Martin Junker aus, der bis Mitte Jahr als Bereichsleiter Kollektivunterkünfte bei der Heilsarmee arbeitete. Junker kritisiert gegenüber dem «Bund» die «ungeschickte Kommunikation», wirft dem Migrationsdienst sowie der Polizei- und Militärdirektion vor, sie agierten mit der «sattsam bekannten, wenig bekömmlichen Mischung von fachlicher Inkompetenz und Arroganz». Das Wort «überfordert» geht in seiner Schelte schon fast unter. Wenn Verantwortliche die Vorzeichen einer Flüchtlingswelle nicht lesen könnten, «sind sie nicht an der richtigen Stelle», so Junkers Fazit.

Rivas will reden

Offen bleiben die Hintergründe. Ob die Probleme des Migrationsdienstes bei der Führung liegen, bei der Struktur oder ob schlicht zu wenig Geld und Personal vorhanden ist.

Diese Zeitung hat die Verantwortlichen des Migrationsdienstes gestern mit den Vorwürfen konfrontiert und nach den Gründen gefragt. Wie bei praktisch allen Anfragen in den letzen Wochen hiess die Antwort: «Wir nehmen keine Stellung.» Mit einem Unterschied: Leiterin Iris Rivas will endlich aktiv kommunizieren. Sie hat für nächste Woche ein Interview in Aussicht gestellt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.09.2014, 10:33 Uhr

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