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FCB-Fanarbeiter: «Solche Märsche können den Anliegen der Fans schaden»

BernFür FCB-Fanarbeiter Thomas Gander waren die beiden Märsche der Basler Supporter durch Bern auch eine Art politische Demonstration. Der Sozialarbeiter spricht über die Sorgen der Fussballfans – und über die Folgen ihres öffentlichen Auftretens.

Der FCB-Fanarbeiter vor dem St.-Jakob-Park zu Basel: «Ich bewege mich seit den 80er-Jahren im Stadion.»

Der FCB-Fanarbeiter vor dem St.-Jakob-Park zu Basel: «Ich bewege mich seit den 80er-Jahren im Stadion.» Bild: Mischa Christen

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Thomas Gander, sind Fanmärsche, wie sie die FCB-Supporter zuletzt zweimal in Bern zelebriert haben, wirklich nötig?
Thomas Gander: Es ist eine Realität, dass solche Märsche stattfinden. Das tun Fans seit Jahren. Haben Sie im Vorfeld versucht, diese Märsche zu verhindern?
Wir vermitteln zwischen Fans, Behörden und den SBB. Ich verstehe die Behörden, welche die Anreise der Fans möglichst kontrolliert handhaben wollen. Doch diese Herangehensweise ist ziemlich neu und hat auch heikle Komponenten. Alle Fans werden oftmals pauschal als Gefahrenpotenzial angesehen und kollektiv so behandelt. Ein Fanmarsch ist auch eine Reaktion auf die zunehmende Repression gegenüber den Fans.

Die Welt wandelt sich auch für Fussballfans. Auch sie müssen sich an Regeln halten.
Die Szene in den Kurven ist in den letzten Jahren grösser geworden und lebt eine grosse Solidarität untereinander. Sie hat sich zu einer Jugendbewegung entwickelt. Diese Bewegung setzt auch gesellschaftspolitische Zeichen.

Also ist ein Fanmarsch eine politische Demonstration?
Solche Märsche haben verschiedene Ebenen. Der Demogedanke gehört, wie ich beobachte, dazu.

Gegen was genau lehnen sich die Fans auf?
Die Kommerzialisierung des Fussballs spielt hinein. Sie haben Angst, dass sie ihr Fansein nicht mehr so ausleben können, wie sie das zuvor jahrelang getan haben. Der Besuch eines Fussballspiels wird immer mehr zu einem Event, zu einer Art Theatervorführung, die strikt durchorganisiert ist. Dagegen wehren sich vor allem junge Fussballfans in ganz Europa. Zudem hat die Gesellschaft ein immer höheres Sicherheitsbedürfnis. Die Supporter werden ihrer Meinung nach durch unzählige Regeln und Kontrollen in ihrem Freiheitsanspruch eingeschränkt.

Diese Kontrollen hat ein Teil der Fans wegen Ausschreitungen selber zu verantworten.
Da besteht eine Wechselwirkung. Das hat sich gegenseitig hochgeschaukelt. Jedoch sind Fussballfans in den letzten Jahren – auch mit der Euro 08 – vermehrt in den politischen Fokus geraten. Ich erkenne ein Schwarzpeterspiel und eine teilweise polemische Debatte, die weit weg von der Realität geführt wird.

Weshalb sind die FCB-Fans die einzigen, die in Bern einen Fanmarsch durchführen?
Wahrscheinlich, weil sich die FCB-Fanszene wegen ihrer Grösse einen solchen Marsch zutraut.

Ist das kontraproduktiv für die Anliegen der friedlichen Fans?
Die Fans begehen einen Spagat. Solche Märsche können ihren Anliegen schaden. Doch betreffend die Märsche in Bern haben die FCB-Fans, wie ich in ersten Gesprächen vernommen habe, eher das Gefühl, dass diese für ihre Interessen erfolgreich waren. Andere Kreise sehen das wohl anders.

Für die Bewohner der Stadt Bern wars eine Einschränkung.
Ein solcher Fanmarsch kann durchaus beängstigend wirken für Leute, die damit konfrontiert werden. Die Teilnehmer müssen sich gut überlegen, was für Bilder sie in der Öffentlichkeit schaffen. Aber der Umzug war beide Male heterogen zusammengesetzt. Man darf jetzt nicht nur von militanten Teilnehmern reden.

Weshalb distanzieren sich die besonnenen Kräfte nicht?
Das findet statt. Die Debatte übers Verhalten der Fans wird innerhalb der Kurve heftig und emotional geführt. Es mischen sich verschiedene Kräfte in diese Debatte ein. In den letzten Jahren haben die pragmatischen Fans viel zur Gewaltprävention beigetragen. Sie mahnen, das Fanverhalten zu überdenken, damit das Pendel nicht vollständig gegen die Fans umschlägt.

Auch die SBB haben die pragmatischen Gruppen innerhalb der FCB-Fanszene erkannt. Doch es seien die jungen wilden, die den Ton angäben, sagt die SBB-Medienstelle. Teilen Sie diesen Eindruck?
Ich bewege mich seit den 80er-Jahren im Stadion. Dabei beobachte ich immer wieder, dass sich die Jugend in der Fanszene beweisen will. Bisher hat es die Kurve noch immer geschafft, den «Nachwuchs» zu integrieren. Ich glaube, das wird auch jetzt so sein.

Sollten Fangruppen, die so organisiert und zahlreich durch eine Stadt marschieren, eine Demobewilligung beantragen?
Es wäre der Idealfall, wenn solche Märsche bewilligt wären. Das muss unser Ziel sein.

Sollten die FCB-Fans akzeptieren, dass man in Bern für die Anreise zum Stade de Suisse bei der Station Wankdorf aussteigt? Die ganze Organisation ist darauf ausgerichtet. Es hilft der Polizei, ihre Kosten zu senken.
Ja, das sollten sie akzeptieren.

Wie erreicht man, dass sie das in Zukunft wieder tun?
Ich glaube, das geht nur, wenn alle Akteure einen Schritt zurück machen, inklusive der Fans.

Was erwarten Sie von den Behörden?
Der Fan sollte wieder vermehrt als Gast angesehen und dementsprechend behandelt werden. Der Gästesektor etwa im neuen Stadion von Luzern gleicht eher einem Hochsicherheitstrakt. Dagegen ist der Gästesektor im Stade de Suisse fanfreundlich.

Ist es wirklich so schlimm, wenn man als Auswärtsfan in Bern ein Fussballspiel besucht und den offiziellen Anreiseweg benutzt?
Nein, aus meiner Perspektive nicht. Die Berner haben das relativ gut gelöst. Aber der Aufwand mit dem Zaun und dem Gästerückhalt und den vielen Polizisten ist halt schon sehr gross.

Und genau dieser Aufwand wird durch Fanmärsche noch grösser. Die Berner Polizei spricht von 60000 Franken Mehrkosten. Wer soll das bezahlen? Ist es richtig, dass der Staat dafür Steuergelder ausgibt?
Jetzt sprechen sie ein ganz neues Kapitel an. Ich kenne die Berner Verhältnisse zu wenig gut, um mich in die politische Diskussion über die dortigen Sicherheitskosten einzumischen.

Zurück zu den FCB-Fans: Der zweite Marsch am vergangenen Samstag wirkte auf uns ruhiger und geordneter als der erste am 10.April dieses Jahres. Teilen Sie diesen Eindruck?
Der Unterschied war auch für mich auffällig. Beim Vergleich der Fotos fällt auf: Beim zweiten Mal traten die Fans alle in Rot-Blau auf. Beim ersten Mal trugen die Personen in den vorderen Reihen eher dunkle Kleider. Obwohl am zweiten Marsch die gleichen Leute waren, wirkt er so weniger aggressiv. Die mediale Stimmung war vor dem ersten Marsch aufgeheizter als zuletzt.

Gibts einen dritten Marsch der Basler in Bern? Das weiss ich nicht.

Wovon hängt das ab?
Einerseits von internen Prozessen in der Kurve zwischen den verschiedenen Interessen. Andererseits davon, wie sich der Umgang und die Massnahmen gegen Fussballfans entwickeln.

Wie gross ist der Einfluss der Fanarbeiter auf diesen Entscheid?
Wenn wir etwas sagen, hören uns die Fans ernsthaft zu. Es besteht eine Vertrauensbasis. Doch auch wir sind nur eine Stimme unter vielen.

Was raten Sie den Fans?
Ich möchte den Fans nichts über die Medien raten. Aber wir werden uns sicher weiterhin in die Diskussion einbringen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2011, 06:38 Uhr

Zur Person

Thomas Gander (35) Der ausgebildete Sozialarbeiter aus Basel arbeitet je zu 50 Prozent für die Fanarbeit Basel und die Fanarbeit Schweiz. Zudem hat er ein Nachdiplomstudium in Konfliktanalyse und -bewältigung gemacht. Zur Fanarbeit fand er über Abschlussarbeiten zum Thema Fanverhalten und als er für ein Uniforschungsprojekt eine Fanszene begleitete.

olizei ermittelt gegen FCB-Fans

Rund um die beiden FCB-Fanmärsche am 10.April und am 16.Juli wurden Presseleute von Basler Supportern eingeschüchtert und attackiert. Eine Privatperson hat deswegen Anzeige erstattet. Die Kantonspolizei Bern ermittelt gegen die unbekannte Täterschaft aus der FCB-Fanszene wegen Nötigung und Landfriedensbruch.

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