Experten teilen Elternängste nicht

Liebefeld

Multikulturelle Schulen wie das Hessgut im Liebefeld müssen für den Lernerfolg der Kinder kein Nachteil sein. Viel entscheidender sei das Elternhaus, sagen zwei Fachleute.

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Lucia Probst

Es ist die Angst vieler Schweizer Eltern: Sie befürchten, ihr Kind könnte weniger lernen, wenn es an Schulen wie im Liebefelder Hessgut viele ausländische Mitschüler hat, für die schon alleine die deutsche Sprache eine Herausforderung ist.

«Ich teile diese Angst nicht», sagt Erwin Sommer, Leiter des kantonalen Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung. «Für den Schulerfolg gibt es wichtigere Faktoren, als wer mit einem im Schulzimmer sitzt.» Viel wesentlicher seien die Lehrperson und die Eltern, ist Sommer überzeugt.

Schulklassen seien heutzutage längst nicht nur in Bezug auf die Herkunft der Kinder ganz unterschiedlich zusammengesetzt, gibt Angela Stienen, Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Bern zu bedenken. Stienen leitet dort am Institut für Forschung und Entwicklung die Abteilung Schule und Gesellschaft.

Vielfältig seien auch die Familienmodelle, Einkommensverhältnisse und Lebensstile, führt sie aus. Und verweist auf die Forschung. Diese habe gezeigt, dass kein direkter Zusammenhang zwischen dem Anteil fremdsprachiger Kinder und dem Lernerfolg einer Klasse bestehe. «Viel zentraler als die Herkunft ist die Frage, ob ein Kind in einer Familie aufwächst, die über genügend materielle, soziale und persönliche Ressourcen verfügt, um es zu fördern.»

Auf die Kinder zugeschnitten

Entscheidend ist aber auch die Lehrperson. «Sieht jemand die Verschiedenheit der Kinder primär als Belastung, wird es schwierig», findet Erwin Sommer. Auch wer Mühe habe, sich auf Neues einzulassen, sei an einer multikulturell geprägten Schule wohl nicht am richtigen Platz.

Sommer wie Stienen betonen, dass es gerade an diesen Schulen moderne Unterrichtsformen braucht – sprich vor allem einen individualisierten Unterricht. «Er muss auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Ressourcen der Kinder zugeschnitten sein», sagt Angela Stienen.

Das stelle hohe Anforderungen an die Lehrkräfte und damit auch an ihre Ausbildung. Und das braucht zusätzliche Mittel. «Wir sind uns dessen bewusst», sagt Erwin Sommer. «Eine Schule wie das Hessgut erhält von uns mehr Ressourcen für Deutschunterricht und Zusatzlehrkräfte.»

Herausfordernd kann für Lehrkräfte die Elternarbeit sein. «Es ist sehr wichtig, die Eltern als Partner zu gewinnen», findet Sommer. Ihnen unser Schulsystem zu erklären, sei oft schon schwierig. Stienen beobachtet, dass Migranteneltern für ihre Kinder oft hohe Bildungsansprüche haben.

Viele hätten in ihrer Heimat eine gute Ausbildung absolviert, würden hier aber nur unqualifizierte Arbeit finden, weil ihr Abschluss nicht anerkannt ist. «Solche Eltern fühlen sich von den Lehrpersonen in ihren Ambitionen oft nicht verstanden.» Das könne Konflikte schaffen.

«Das sind sehr gute Werte»

45 Sechstklässer hat das Hessgut in diesem Schuljahr, 38 sind fremdsprachig, 18 von ihnen haben den Übertritt zum Sekniveau geschafft. Von den 7 Deutschsprachigen werden 6 auf Sekniveau zur Schule gehen. Der Sekanteil liegt damit bei rund 53 Prozent, ein Jahr zuvor lag er bei 50 Prozent.

In ganz Köniz lag er für 2011 bis 2013 bei 65 Prozent. Für Erwin Sommer ist diese Differenz nicht beunruhigend. «Das sind sehr gute Werte für das Hessgut, es gibt im Emmental und im Oberland Gemeinden mit einem viel geringeren Ausländeranteil, die weit tiefere Quoten haben.» Sommer fügt aber sogleich an, es gebe keine Standards, die einen direkten Vergleich der Quote zulässig machten.

Sie kenne das Hessgut-Schulhaus nicht, sagt Angela Stienen. Allgemein hätten Studien aber gezeigt, dass Schweizer Kinder bei gleicher Leistung eher für den Übertritt in eine weiterführende Schule empfohlen würden als ausländische. Erwin Sommer ortet einen weiteren Nachteil: «Das Übertrittsverfahren ist sprachlastig, das macht es für Fremdsprachige schwierig.»

Problem oder Potenzial?

Sommer sieht auch viele Chancen in multikulturell geprägten Schulen. «Es ist normal für diese Kinder, verschieden zu sein.» Solche interkulturelle Kompetenzen seien heutzutage gefragt.

Angela Stienen verweist auf die International School of Berne in Gümligen – die Privatschule werbe mit Mehrsprachigkeit und Nationenvielfalt. «An öffentlichen Schulen hingegen wird das als Problem und nicht als Potenzial wahrgenommen.»

Für viele Kinder hingegen sei die sprachliche und kulturelle Vielfalt in ihrer Lebenswelt längst Normalität, so Stienen. «Sie schätzen es, ihr Beziehungsnetz auszuweiten und schnappen auch andere Sprachen auf.»

Berner Zeitung

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