«Es war der pure Wahnsinn»

Bern

Am Donnerstagabend gaben die Toten Hosen in einer Berner WG ein geheimes Konzert. Am Tag danach sind die Freunde noch am Aufräumen – und können noch nicht ganz fassen, was gestern passiert ist.

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Bänz Lundsgaard Hansen wirkt noch etwas benebelt. Zum einen, weil er nur wenige Stunden geschlafen hat - zum anderen, weil gestern die Toten Hosen bei ihm im Dachstock gespielt haben. «Irgendwie begreifen wir noch gar nicht, was passiert ist. Es ist wie im Film», sagt er, und lacht.

Dieser Film fing bereits im Dezember 2011 an, als die Toten Hosen einen Wettbewerb ausschrieben, bei dem sich jedermann für eines von insgesamt 19 geheimen Konzerten in der eigenen Wohnung bewerben konnte. Bänz Lundsgaard Hansen entschloss sich, mit drei Freunden einen Bewerbungsfilm zu drehen: «Wir haben Bier gebraut, Billard gespielt und Bern gezeigt», erklärt er. Unter 4000 Bewerbungen kamen sie in die Endrunde, und nachdem der Tourmanager den Dachstock inspiziert hatte, folgte Anfangs Februar endlich der Anruf: «Macht euch bereit: Die Hosen kommen.»

Toten Hosen-Bier

Viel vorbereiten für das grosse Konzert mussten die Vier nicht. «Wir bekamen eine Liste mit Essensvorschlägen fürs Znacht und Zmorge», erzählt Jakob Stuhlert. Auch ein Bauingenieur besuchte die WG, um die Stabilität des Dachbodens zu testen. Anschliessend verstärkte der Fachmann die Decke von unten mit 24 Eisenstützen, damit alle 130 Gäste zu der Musik hüpfen konnten. «Beim Konzert selber stand ein Crewmitglied die ganze Zeit unten», sagt Bänz Lundsgaard Hansen. «Teilweise wirkte er richtig besorgt: Die ganze Decke hat gebebt.» Am nächsten Morgen zeugen noch einige Risse an den Rändern der Decke vom Konzert, Gipsbruchstücke liegen am Boden. 80 Liter Toten Hosen-Bier hat Bänz Lundsgaard Hansen zudem extra für den Abend hergestellt. «Alles wurde weggetrunken», sagt er lachend.

Garantieren mussten sie auch, dass im Vorfeld nichts an die Presse gelangt. Dass es tatsächlich bis zum Abend selbst ein Geheimnis blieb, können die Vier selber nicht ganz glauben. «Wir haben das genaue Datum unseren Kollegen zwar bewusst erst spät bekannt gegeben», sagt Samuel Schnydrig. «Trotzdem erstaunt es mich, dass nichts durchgesickert ist.»Umso grösser ist das Interesse der Presse nun einen Tag nach dem einzigen Mystery-Konzert in der Schweiz: Das Handy von Bänz Lundsgaard Hansen klingelt am Nachmittag unablässig. «Unglaublich», sagt er. «SF, Tages Anzeiger, Walliser Bote...»

Campino an der Decke

Das Konzert selber loben die Vier in den höchsten Tönen. Das zweistündige Set sei «der pure Wahnsinn» gewesen. Campino habe sich mit den Beinen an den Balken festgeklammert und sei über das Publikum gebaumelt. Die Menge habe getobt, getanzt, gehüpft und gekreischt. Bewusst habe die Band im Vorfeld verlangt, dass keine Bühne aufgestellt werde: «Sie wollten mit dem Publikum auf einer Augenhöhe sein.» Auf der Setliste figurieren viele der grössten Hits der deutschen Band, so etwa «Hier kommt Alex» oder «Bonnie und Clyde». Die Freunde werden still und schütteln den Kopf. «Der Wahnsinn», sagt Jakob Stuhlert nochmals.

Auch von den Hosen selbst schwärmen sie. Nach dem Konzert hätten sie mit ihnen und den Gästen gefeiert, um vier Uhr sei der letzte bei ihnen ins Bett gekracht. «Wir haben bei unseren Freundinnen übernachtet und unsere Betten ihnen überlassen», lacht Samuel Schnydrig. Am Morgen dann ein kleines Morgenessen in der WG, und weg waren sie. Was noch geblieben ist, sind viele leere Bierflaschen, einige Risse in der Decke, etliche blaue Abfallsäcke und das leicht benebelte Grinsen in ihren Gesichtern.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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