«Es ist frustrierend, dass wir keinen Schritt weitergekommen sind»

Bern

Hat Bern ein kulturelles Überangebot? Welche Subventionen könnte man sich schenken? Die Stadträte Nicola von Greyerz (SP) und Pascal Rub (FDP) diskutieren über die Malaise der Berner Kulturpolitik.

«Man sollte die Veranstalter endlich dazu bringen, besser zusammenzuarbeiten:» FDP-Stadtrat Pascal Rub im Gespräch mit SP-Stadträtin Nicola von Greyerz auf der Redaktion der Berner Zeitung.<p class='credit'>(Bild: Andreas Blatter)</p>

«Man sollte die Veranstalter endlich dazu bringen, besser zusammenzuarbeiten:» FDP-Stadtrat Pascal Rub im Gespräch mit SP-Stadträtin Nicola von Greyerz auf der Redaktion der Berner Zeitung.

(Bild: Andreas Blatter)

Oliver Meier@mei_oliver

Herr Rub, auf welches Kulturangebot könnte Bern getrost verzichten?
Pascal Rub: Auf die Tanzsparte im Stadttheater.

Weshalb?
Rub: Tanz gibt es in der Dampfzentrale. Und ich finde es richtig, dass der Tanz so ausgerichtet wird, wie es in der Dampfzentrale geschieht. Da braucht es nicht auch noch die klassische Tanzsparte im Stadttheater.

Frau von Greyerz, Sie werden diesen Vorschlag sicher begrüssen als Vorstandspräsidentin der Dampfzentrale...
Nicola von Greyerz: (lacht) Man kann das schon diskutieren. Vor einigen Jahren lag der politische Entscheid in der Luft, die Tanzsparte im Stadttheater abzuschaffen. Ich fand es dann etwas seltsam, wie das Thema plötzlich vom Tisch war.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät war für die Streichung der Sparte. Aber der kantonale Kulturdirektor Bernhard Pulver sprach sein Machtwort dagegen.
Rub: So wurde es zumindest kommuniziert.

von Greyerz: Ich meine, man muss die Dinge auseinanderhalten. Konzert Theater Bern hat ein Tanzensemble, die Dampfzentrale ist ein Gastspielbetrieb. Deshalb würde ich nicht ohne weiteres sagen: Den Tanz im Stadttheater können wir uns sparen. Wir haben dann kein Haus mehr mit einem festen Ensemble. Aber wenn Konzert Theater Bern nun auch beginnt, Gastspiele zu machen, dann wird es sicher schwieriger für die Dampfzentrale, sich abzuheben.

Herr Rub, eigentlich dachte ich, Sie würden die Kunsthalle nennen. Schliesslich haben sich Ihre Jungfreisinnigen diesbezüglich aus dem Fenster gelehnt.
Rub: (lacht) Die Kunsthalle wird von vielen Freisinnigen unterstützt. Ich glaube, die Kunsthalle bringt der Kulturstadt Bern sehr viel. Aber man darf und soll darüber diskutieren, wie viel man von den knappen Mitteln dort investieren muss. Insofern habe ich den Vorstoss der Jungfreisinnigen begrüsst.

Frau von Greyerz, auch die SP hat in einem Postulat geschrieben, man müsse die Kunsthalle genauer unter die Lupe nehmen. Ich dachte erst, das Postulat sei von der FDP...
von Greyerz: Man muss das Postulat genau lesen. Wir finden es falsch, dass in der kulturpolitischen Diskussion nur der finanzielle Fussabdruck der Institutionen im Zentrum steht.

Was heisst das?
von Greyerz: Man stellt die Eintrittszahlen ins Verhältnis zu den Subventionen und sieht dann: Jeder Kunsthalle-Eintritt kostet den Steuerzahler recht viel Geld.

Eben.von Greyerz: Aber das ist nur ein relevanter Aspekt unter mehreren. Dreht sich die Diskussion nur um dieses finanzielle Kriterium, ist das nicht nur einseitig und falsch, sondern auch total langweilig. Man muss die gesamte, inhaltliche Leistung und die Ausstrahlung einer Institution anschauen. Da schneidet die Kunsthalle gut ab.

Rub: Das Problem, Frau von Greyerz, ist: Wenn man das Pferd von dieser Seite aufzäumt, kommt man nicht vorwärts. Man wird an jeder Kulturinstitution etwas Gutes finden. Aber mit 30 Millionen Franken können wir nicht alle unterstützen. Kulturpolitik hat für mich drei Kernaufgaben: 1. Sie muss Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich Kultur entfalten kann. 2. Sie muss Kultur direkt unterstützen. Die wichtigste Aufgabe aber ist eigentlich: 3. Kulturpolitik muss Nein sagen können.

Frau von Greyerz, die SP ist schlecht im Neinsagen.
Rub: Sie hat ja auch das Ja im Parteilogo

von Greyerz: (lacht) Ich bin mit meiner Partei nicht immer einig. Das ist tatsächlich ein Punkt, wo ich denke: Es geht in eine falsche Richtung, wenn man alles unterstützen will.

Kürzlich hat die SP mit der SVP einen Vorstoss durchgeboxt, der die Subventionierung des Theaters Matte fordert.von Greyerz: Sollen Institutionen, an denen mehrheitlich Laien partizipieren, staatliche Gelder bekommen? Ich finde Nein. Wenn wir diese Türe auch noch öffnen, dann bekommen wir ein massives Problem.

Auch bei der Diskussion um die Unterstützung der Cappella, Berns Kleinkunstbühne, sind Sie nicht auf der Parteilinie...
von Greyerz: La Cappella hat ihre Berechtigung, genauso wie das Theater Matte. Aber inwieweit staatliche Mittel da gerechtfertigt sind, ist eine andere Frage. Wenn ich richtig informiert bin, macht La Cappella keine Koproduktionen, sie trägt also kein eigenes Risiko. Da müsste man noch einmal genau hinschauen.

Rub:Wenn Sie sich in der Fraktion nicht durchsetzen können, Frau von Greyerz, nützen solche Überlegungen wenig. Man muss handeln. Konsequent handeln. Der Kulturmarkt reguliert sich nicht selber. Auch wenn einige von der SVP meinen, das sei so. Man muss Bedürfnisse und Wünsche zurückweisen können. Wir von der FDP sind die Einzigen, die Nein sagen und die Bösen sein können.

Aber Herr Rub, auch Ihre FDP war in der Vergangenheit nicht konsequent. Als der Gemeinderat 2010 die Subventionen des Kinos Kunstmuseum kürzen wollte, war es am Ende Ihre Partei, die sich entscheidend dagegen eingesetzt hat.
Rub: Die Kürzung wäre damals zur Unzeit gekommen. Es standen Veränderungen an, es gab ein Projekt für die Zukunft. Dem musste man eine Chance geben.

Jetzt ziehen die Betreiber ins Kino Rex und haben hochfliegende Pläne. Ein Risikoprojekt.
Rub: Für mich klingt das Projekt vielversprechend. Aber man wird sicher genau hinschauen müssen.

Wie sehen Sie das, Frau von Greyerz?
von Greyerz: Klar, es ist ein Risikoprojekt. Aber ich finde, der Mut muss honoriert werden. Der Kredit für den Umbau ist richtig. Und auch Betriebssubventionen sind richtig.

Also das bekannte SP-Lied.von Greyerz: Natürlich ist es auch uns bewusst, dass wir uns nicht alles leisten können und dass es auch nicht sinnvoll ist, alles zu machen. Umso wichtiger ist es, dass man nicht nur darüber diskutiert, welche Institution wie viel Geld erhalten soll.

Sondern?
von Greyerz: Was wir eigentlich für eine Kultur wollen. Und welche Institution was leisten soll. Diese inhaltliche Diskussion vermisse ich in Bern.

Rub: Ich bin jetzt sieben Jahre im Stadtparlament, und wir haben noch nie über kulturelle Inhalte, über Ausrichtungen und Zielsetzungen diskutiert. Wir reden über Baukredite, über Investitionen, über Leistungsverträge. Dort gibt es zwar inhaltliche Komponenten, aber wirklich ausdiskutiert werden die nicht.

Jetzt wird die nächste Subventionsperiode vorbereitet. Und es sieht nicht danach aus, als ob sich daran was ändern würde.
von Greyerz: Das Problem ist: Jetzt ist der Termindruck wieder extrem gross, und die Diskussion verengt sich wieder auf eine reine Gelddebatte. Ich frage mich allerdings auch, ob es wirklich die Aufgabe des Parlaments ist, eine kulturpolitische Debatte zu führen. Die Konzeptarbeit jedenfalls ist Sache der Regierung und der Verwaltung. Das Parlament hat den Auftrag gegeben. Und damit sind wir beim bekannten Punkt: dass die Stadt kein Kulturleitbild hat. So ein Leitbild macht man nicht von heute auf morgen. Aber man muss es machen, so wie es Basel beispielhaft gemacht hat.

In Bern stellt sich die Verwaltung auf den Standpunkt, ein solches Papier sei bloss was für die Medien, und die Kulturschaffenden müssten die Richtung vorgeben.
Rub: Es ist die ureigene Aufgabe der Abteilung Kulturelles, die konzeptionelle Arbeit zu leisten. Es ist frustrierend, dass wir in den letzten Jahren keinen Schritt weitergekommen sind. Ich muss leider sagen: Ich habe zu den schärfsten Kritikern des früheren Kultursekretärs gehört. Er hat auch nicht konzeptionell, strategisch gehandelt. Aber er hat wenigstens gehandelt. Viele Vorwürfe würde ich heute nicht mehr in dieser Schärfe formulieren, nachdem ich nun weiss, wie die Alternative aussieht.

von Greyerz: Es ist unfair, alles der Abteilung Kulturelles zuzuschieben und zu sagen: Los, sagt, wo es langgeht. Es gibt eine politisch verantwortliche Person

Sie sprechen von Stadtpräsident und SP-Exponent Alexander Tschäppät.
von Greyerz: Ich finde schon, dass es auch die Aufgabe des Stadtpräsidenten wäre, Visionen zu formulieren, Vorgaben zu machen, sich in die Diskussion einzuschalten und den Gedanken stärker zu unterstützen, dass ein Kulturleitbild entwickelt wird. Da könnte er durchaus etwas aktiver sein, muss ich sagen. Das ist schade. Er hat ja gezeigt, dass er durchaus klare Vorstellungen hat.

Rub: Ich habe dem Stadtpräsidenten schon oft vorgeworfen, dass er seine Arbeit im Kulturbereich nicht macht. Er macht zwar jetzt selber mehr Kultur – als Komiker. Aber er macht keine Kulturpolitik.

von Greyerz: Es war allerdings der Stadtpräsident, der Nein sagte zum Kornhaus, zur Cappella, zur Tanzsparte im Stadttheater. Das muss man auch sagen. Aber das waren alles Einzelaktionen, konzeptionell eben wenig eingebettet. Man fragte sich dann immer: «Warum jetzt grad die und die nicht?»

Rub:Stimmt, das war mutig. Aber der Stadtpräsident konnte sich nicht mal in der eigenen Fraktion durchsetzen. Als Aussenstehender fragt man sich dann schon, wie ernst so etwas gemeint ist, wenn man nicht einmal die eigenen Leute überzeugen kann.

Der Stadtpräsident hat auch gesagt, das Kulturangebot in Bern mit über 200 Veranstaltungen sei zu gross.
von Greyerz: Ich habe auch den Eindruck, dass sich die Kulturveranstalter zum Teil kannibalisieren in dieser Stadt.

Rub: Die Feststellung stimmt. Aber sie hat keinen Wert, wenn keine Konsequenzen daraus gezogen werden. Es gibt ein grosses Angebot in der Stadt, aber zu wenig Leute, die sich dafür interessieren. Das würde ja konsequenterweise heissen, dass man sich beschränkt.

Nach welchen Kriterien?
Rub: Die Frage, wie hoch jeder Eintritt subventioniert wird, muss sicher eine Rolle spielen. Das ist das Erfolgskriterium, im Sinne von: Wie viele Leute interessierts? Aber natürlich soll das nicht das einzig mögliche Kriterium sein. Falls ein Veranstalter wenig Publikum hat, muss er andere Kriterien erfüllen, und die müssen genau kontrolliert werden. Falls diese Kriterien nicht erfüllt werden, muss man einen Strich ziehen können.

von Greyerz: Das ist grundsätzlich richtig. Aber dann sind wir wieder bei der inhaltlichen Diskussion, die ich in Bern vermisse. Erst wenn man klare Vorstellungen hat und Erwartungen formuliert, kann man sie auch einfordern. Und man kann auch mal Nein sagen.

Sind Sie für eine stärkere Kontrolle?
von Greyerz: Ich bin immer noch der Meinung, dass Kulturförderung vor allem ermöglichen soll, nicht lenken. Bei den Controllinggesprächen sollte man nicht nur überprüfen, ob die Vorgaben erfüllt wurden. Man müsste auch vermehrt diskutieren, welches Potenzial eine Institution hat, wie sie sich entwickeln könnte und sollte.

Rub: Vor allem sollte man die Veranstalter endlich dazu bringen, besser zusammenzuarbeiten.

Woran denken Sie?
Rub: Die Institutionen können sich nicht mal zusammenraufen, ein gemeinsames Ticketingsystem zu organisieren. Auch beim Marketing wird das Potenzial überhaupt nicht ausgeschöpft: Man kann sich nicht auf gemeinsame Newsletter, auf gemeinsame Plattformen einigen. Zugleich beklagt man sich, man habe zu wenig Publikum. Das geht nicht zusammen.

von Greyerz: Da stimme ich Herrn Rub voll zu.

Frau von Greyerz, zum Abschluss schulden Sie uns noch was.
von Greyerz: Ja?

Sie müssen uns noch sagen, auf welches Kulturangebot Bern getrost verzichten könnte.
von Greyerz: Das ist schwierig.

Vielleicht ein Festival?
von Greyerz: Ok, die Biennale. Die gilt es sicher zu hinterfragen. Das war eine Kopfgeburt, ein verordnetes Konzept von oben.

Das Musikfestival aber auch.
von Greyerz: Vom Prinzip her schon. Aber der Fokus ist dort doch noch klarer. Ich glaube allerdings, dass beide Festivals so nicht funktionieren. Da könnte man wohl Formen finden, die für Bern spannender wären.

Berner Zeitung

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