Erstklässler mit 36

Der Asylsuchende Habib Rahman Abdolshah aus Afghanistan, eben noch Analphabet, lernt Lesen und Schreiben. Auf Deutsch. Wie es ist, wenn man mit 36 Jahren zum ersten Mal im Leben einen Test schreiben muss.

<b>Deutsch lernen ist zurzeit sein Lebensinhalt:</b> Jeden Morgen setzt sich Habib Rahman Abdolshah eine Dreiviertelstunde vor Schulbeginn ins Schulzimmer und übt Schreiben.

Deutsch lernen ist zurzeit sein Lebensinhalt: Jeden Morgen setzt sich Habib Rahman Abdolshah eine Dreiviertelstunde vor Schulbeginn ins Schulzimmer und übt Schreiben. Bild: Raphael Moser

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«H-A-B-I-B R-A-H-M-A-N», Buchstaben für Buchstaben malt der kleine Mann mit dem Kapuzenpulli auf das Blatt, «A-B-D-L-», beim Nachnamen gerät die Reihenfolge durcheinander. Für den ersten Test seines Lebens hat Habib Rahman Abdol­shah einen Platz ausgewählt, der bei Schulkindern unbeliebt ist: erste Reihe, mittleres Pult, vor dem Tisch der Prüfungsaufsicht.

Nun kämpft er, 36-jährig, aus Afghanistan, bis vor kurzem Analphabet, gegen das Personalienblatt, auszufüllen vor dem Deutschtest, Niveau A1, Zertifizierung nach europäischem Referenzrahmen.

Erstklässler mit 36

Seit Anfang Juli geht Habib Rahman Abdolshah beim Projekt Mazay in die Schule. Von Montag bis Freitag, jeden Morgen drei Stunden. Das erste Mal in seinem Leben hat er täglich Unterricht.

«Jemand, der mit Mitte dreissig in die Schweiz kommt und nicht einmal in seiner Muttersprache lesen und schreiben kann, hat kaum Chancen, sich in unser System zu integrieren», sagt Dominik Galliker, Gründer von Mazay und Abdolshahs Lehrer. «Doch Habib versucht beharrlich, das Gegenteil zu beweisen.»

«Sie haben 25 Minuten Zeit für Lesen, Teil 1», kündigt die Prüfungsaufsicht die nächste Aufgabe an. Angeboten wird der Test von der Flüchtlingshilfe der Heilsarmee. Er ist streng reglementiert, die Antworten müssen auf ein separates Blatt übertragen werden, die Kreuze genau ins dafür vorgesehene Kästchen. Für Abdolshah, der immer noch übt, wie man auf eine Linie schreibt, ist das eine Herausforderung.

Sicherheit für ein Jahr

Warum Habib Rahman Abdol­shah geflüchtet ist, hat er nie erzählt. Er sagt, er habe in Afghanistan eine Frau und ein Kind gehabt und sei Bauer gewesen. Frau und Kind seien tot. Und er, er ist nun hier.

«Wenn jemand sagt: ‹Habib, das ist falsch›, ich bin nicht traurig. Dann ist gut. Weil ich lerne.»Habib Rahman Abdolshah, Deutschschüler bei Mazay

Seit dem 20. Juli 2018 ist Habib Rahman Abdolshah vorläufig aufgenommen in der Schweiz. Ausweis F, gültig für ein Jahr, zweieinhalb Jahre hat er darauf gewartet. Er ist der Erste in der Mazay-Klasse, der einen positiven Bescheid erhalten hat, alle haben sich mit ihm gefreut.

Arbeitsbewilligung erhalten

Zum Beschäftigungsprogramm, an dem Habib Rahman Abdolshah als Asylsuchender teilgenommen hat, hat er mit einem F-Ausweis keinen Zugang mehr. Seine dortige Chefin bedauert dies. «Habib ist ein ausserordentlich guter Hilfsarbeiter, er ist zuverlässig, kam in zweieinhalb Jahren nie zu spät, und das Wichtigste: Er ist motiviert.»

Sie hat deshalb beim Amt für Migration eine Arbeitsbewilligung beantragt: «Die Anstellung ist kompliziert, doch ich finde, wenn Habib arbeiten will – und Arbeit gibt es genug –, dann soll dies möglich sein.»

Der Antrag wurde genehmigt, und nun wird Abdolshah weiterhin Nachmittag für Nachmittag gebietsfremde Pflanzen wie die Armenische Brombeere ausgraben und daraus Haufen für Igel und Vögel aufschichten. «Die Arbeit ist anstrengend und liegt nicht allen. Doch Habib ist ausdauernd und kräftig», sagt die Chefin.

Zehnmal der gleiche Satz

Mit derselben Ausdauer, mit der Habib Rahman Abdolshah Brombeersträucher ausgräbt, übt er schreiben. Jeden Morgen sitzt er eine Dreiviertelstunde vor Schulbeginn im Klassenzimmer. «Ich komme immer früher, denn: Was mache ich zu Hause?», erklärt er. Zu Hause, das ist ein Zimmer in Neuenegg, das er mit einem anderen Mann teilt.

Zwei Schreibblöcke hat er bisher gefüllt, die Seiten vorne und hinten beschrieben, zuerst mit einzelnen Buchstaben, dann mit Wörtern. Auf dem zweiten Block schreibt er auch Sätze, manchmal zehnmal den gleichen. «Einmal nicht geht rein, sechs-, siebenmal geht rein», erklärt er und zeigt auf seinen Kopf.

Ein Brief mit sieben Wörtern

«Herr Abdolshah, Sie müssen sich ein bisschen beeilen.» Der Mann, der die Prüfungsaufsicht macht, klingt leicht besorgt. «Sie haben noch 12 Minuten und müssen noch einen Brief schreiben, vergessen Sie das nicht.» Habib Rahman Abdolshah schüttelt den Kopf.

Sein Finger folgt den Wörtern auf dem Aufgabenblatt, mit den Lippen formt er stumm Silben. Im dritten Teil der A1-Prüfung soll er einen Brief verfassen, einen Brief, in dem er erklärt, dass er im Sommer in Deutschland Deutsch lernen möchte.

Er schreibt: «Guten Tag. Ich möchte in Ferin gehen.» «Schreiben auch Sie noch Ihren Namen aufs Lösungsblatt, für mehr reicht es leider nicht mehr», sagt die Prüfungsaufsicht. Die zwei Falten zwischen Abdolshahs Augenbrauen werden tiefer, er, der sonst immer fröhlich aussieht, wirkt jetzt bekümmert.

Der letzte Teil des A1-Tests ist eine mündliche Prüfung. Name, Vorname, Alter, Wohnort, Herkunftsland und Hobbys, Habib Rahman Abdolshah muss sich vorstellen. «Mein Hobby ist Deutsch lernen und mit den Leuten sprechen», sagt er, ohne zu zögern. «Das ist aber schön», erwidert die Prüferin, «und jetzt, Herr Abdolshah, buchstabieren Sie bitte Ihren Nachnamen.» Und da ist es wieder, das Durcheinander.

Eine Woche später sind die Resultate da. Habib Rahman Abdolshah hat 28 von 60 möglichen Punkten, 10 beim Lese-, 4 beim Hörverstehen, 14 beim Sprechen, 0 beim Schreiben. Kein A1-Zertifikat für den kleinen Mann mit dem Kapuzenpulli. Abdolshah ist enttäuscht. Doch dann besinnt er sich auf sein Motto.

«Wenn jemand sagt: ‹Habib, das ist falsch›, ich bin nicht traurig. Dann ist gut. Weil ich lerne.» Habib Rahman Abdolshah hat ein neues Ziel. Seine Geschichte wird in der Zeitung stehen, und er will den Artikel lesen. B-U-C-H-S-T-A-B-E-N F-Ü-R B-U-C-H-S-T-A-B-E-N. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.11.2018, 12:09 Uhr

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