«Einschränken lasse ich mich nicht»

Schwarzenburg

Zwei Bernerinnen wollen dieses Jahr Miss Handicap werden. Andrea Berger aus Schwarzenburg galt einst als medizinischer Sonderfall – jetzt möchte sie sich als Botschafterin für Menschen mit einer Behinderung einsetzen.

«Es geht ja nicht in erster Linie um das Aussehen»: Andrea Berger stellt sich im Oktober der Miss-Handicap-Wahl.

«Es geht ja nicht in erster Linie um das Aussehen»: Andrea Berger stellt sich im Oktober der Miss-Handicap-Wahl.

(Bild: Stefan Anderegg)

Christian Zeier@ch_zeier

So stellt man sich eine Botschafterin vor. Offen, reflektiert, mal nachdenklich, mal lachend, stets freundlich und bedacht. Wenn Andrea Berger über ihr Leben spricht, kann man schon mal vergessen, dass sie erst 20 Jahre alt ist. Wenn sie von ihrer Behinderung erzählt, kann man sich gut vorstellen, dass sie Ende Oktober ihr Ziel erreicht. Im KKL in Luzern möchte die Schwarzenburgerin zur Miss Handicap gekrönt werden. Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass sie zusammen mit Nadine Breuer aus Zollikofen (siehe Box) und vier weiteren Frauen um den Titel kämpft.

Interessant für die Medizin

Im Alter zwischen 2 und 4 Jahren wurde bei Andrea Berger periphere Polyneuropathie diagnostiziert. Die Erkrankung des Nervensystems führt zu Funktionsstörungen in betroffenen Körperregionen – bei der Schwarzenburgerin sind die Einschränkungen vor allem an den Händen und Füssen sichtbar. Anders als in den meisten Fällen stagnierte die Krankheit und ging dann sogar zurück. «Die Ärzte kannten keinen ähnlichen Fall, das machte mich für die Medizin besonders interessant», sagt Andrea Berger. Für sie selbst seien die Hintergründe der Erkrankung aber nicht relevant: «Ich bin mit der Behinderung aufgewachsen, sie ist Teil meines Charakters. Für mich und mein Umfeld ist das ganz normal.»

Dennoch möchte sich Andrea Berger dafür einsetzen, dass die Lücke zwischen Menschen mit und solchen ohne Behinderung geschlossen wird. Die Wahl versteht sie als Chance, einer grossen Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie nicht anders ist als der grosse Rest. Sie ist auf eine öffentliche Schule gegangen, wird dieses Jahr die KV-Lehre abschliessen und hat bereits einen Job gefunden. «Ich habe Ziele und Träume wie alle anderen. Einschränken lasse ich mich nicht.» Das Problem sei, dass manche Leute nicht wüssten, wie sie mit einer Behinderung umgehen sollen. «Dabei wäre es so einfach: Begegnet uns mit Respekt und ohne Berührungsängste.»

Gemeinsames Ziel

Sie selbst werde immer wieder auf ihre sichtbare Behinderung an Händen und Füssen angesprochen – die Leute hätten Fragen oder möchten helfen. «Früher war das nicht einfach für mich, heute gebe ich aber gerne Auskunft», sagt Andrea Berger. Dass die Miss- und Mister-Handicap-Wahl die körperlichen Behinderungen hervorhebt und damit die Andersartigkeit sichtbar macht, stört sie nicht: «Es geht ja nicht in erster Linie um das Aussehen oder den Wettbewerb», sagt die Schwarzenburgerin. «Letztlich sind wir zwölf Kandidaten, die ein gemeinsames Ziel haben.»

Auftritt im SRF

Um dieses Ziel zu erreichen, hat sie sich vor zwei Monaten im Berner Hotel Schweizerhof einer Jury gestellt. «Beim Casting war ich schon einen Moment lang nervös», sagt Andrea Berger. Aber dann stand sie hin, redete drauflos – und beeindruckte die Jury. Einige Tage darauf klingelte das Telefon, sie war dabei. Soeben wurden die insgesamt zwölf Kandidatinnen und Kandidaten nun der Öffentlichkeit vorgestellt. Die SRF-Sendung «Glanz&Gloria» begleitete die Gruppe bei ihrem ersten Fotoshooting in Knies Kinderzoo in Rapperswil: Alle Finalistinnen und Finalisten liessen sich mit einem Tier ihrer Wahl ablichten. Andrea Bergers Wahl fiel auf das Totenkopfäffchen. «Das sind zierliche und aufgestellte Lebewesen», sagt sie. «Ganz wie ich selbst.»

Finale am 25.Oktober im KKL Luzern

Berner Zeitung

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