«Einen ‹Füdi-Tätsch› gibts nie»

Wo wohnt der Samichlous? Welchen Zweck hat die Rute? Warum trägt er keinen gelb-schwarzen Mantel? Diese und weitere Fragen beantwortet der Samichlous im Interview.

Heute ist ihr Tag: Der Samichlous und sein Schmutzli sind im Dauerstress.

Heute ist ihr Tag: Der Samichlous und sein Schmutzli sind im Dauerstress.

(Bild: Urs Baumann)

Markus Ehinger@ehiBE

Der Samichlous ist jetzt im Dauerstress. Er besucht Familien und Firmen. «Gerade waren wir bei einem Unternehmen in Bern», erzählt der Samichlous. «Der Schmutzli kam mit seiner Rute zu nahe an die Kerzen des Weihnachtsbaums, und prompt fing sie Feuer.» Seit dreissig Jahren ist er für die Samichlous-Zunft Bern auf Achse. Manchmal mit, manchmal ohne Esel. Er betont, dass man ihn duzen soll. «Umgekehrt duzen wir auch alle Leute.» Er ist ein witziger Samichlous, der aber auch mal ernst wird.

Wo wohnt der Samichlous?
Samichlous: Im Forst. Wir haben dort ein Haus, das wir während der Chlouse-Zeit nutzen dürfen. Sonst sind wir unterwegs, schauen, was die Kinder so machen, und gehen in die Ferien, wie alle andern Leute auch. Wenn wir die Mäntel nicht tragen und der Bart rasiert ist, erkennt uns niemand.

Der Samichlous trägt also nur zur Chlouse-Zeit einen Bart?
Ja. Den Schnauz habe ich während des ganzen Jahres, aber den Bart haue ich ziemlich radikal ab.

Heutzutage ist es in, einen Bart zu tragen. Wie fühlt man sich so als Trendsetter?
Das ist natürlich ein sehr gutes Gefühl, auch wenn es mir bis jetzt nicht bewusst war, dass wir Trendsetter sind. Gerade im Winter ist ein Bart übrigens sehr «gäbig». Man braucht kein Halstuch, das Essen wird gefiltert.

Immer häufiger sagen Leute auch hier «Weihnachtsmann». Was ist der Unterschied zwischen dem Weihnachtsmann und dem Samichlous?
Die Kinder fragen uns ab und zu, ob wir mit dem Rentier und dem Schlitten zu ihnen gekommen seien. Dabei handelt es sich aber um den Kollegen in Amerika. Der ist am 24. Dezember unterwegs. Und ich sage den Kindern jeweils, sie sollten sich vorstellen, wie ich ausschauen würde, wenn ich den Kamin «runtergefräst» käme.

Was steht in deinem dicken Buch, das du stets dabeihast?
Nebst Bildern und vielen Geschichten, die wir jeweils erzählen, finden sich auch Versli. Und natürlich schreiben wir ins Samichlouse-Buch über Kinder, die wir besuchen.

Hast du ein Beispiel?
Hier haben wir ein Mädchen, das die fünfte Klasse besucht. Hier lese ich, dass es gut in der Schule ist. Es ist neugierig, mag Kinder und reist gerne. Und dann hats auch noch ein paar Punkte drin, die einen halt nicht so freuen: Unordnung im Zimmer, sie hört manchmal nicht so gut zu.

Für was ist eigentlich die Rute, Schmutzli?
Schmutzli: Wenn wir zum ersten Mal eine Familie besuchen, zeigen wir, für was die Rute da ist. Die Kinder meinen, dass es einen «Füdi-Tätsch» gibt, wenn sie nicht brav gewesen sind. Wir korrigieren sie und sagen, dass das nicht wahr ist. Wir zeigen ihnen, dass wir die Rute brauchen, um den Schnee von der Schulter zu wischen, bevor wir in die warme Stube kommen.

Braucht es heutzutage ein Careteam, wenn der Samichlous dem Kind die Leviten liest?
Wir lesen keinem Kind die Leviten. Der Samichlous kann sowieso nicht mit einem Besuch alles korrigieren, was die Eltern während eines Jahres «verchachelet» haben. Salopp gesagt ein Beispiel, das immer mal wieder kommt: Mich nervt es, wenn ich einem Kind sagen soll, es sei ein Bettnässer. Dieses Problem kann der Samichlous nicht lösen, es liegt viel tiefer. Ich nehme auch keinem Kind den Nuggi weg. Eltern sollen nicht mit uns drohen. Wir sind auch kein Erziehungsmittel. Unser Motto: Wir sind zwei Freunde, die einmal pro Jahr zu Besuch kommen.

Ist der Samichlous heute noch eine Respektsperson?
Früher hatte man Angst vor dem Samichlous. Heute besuchen wir Familien, in denen uns die Kinder vor Freude geradewegs anspringen, wenn wir in die Wohnung kommen. Das ist eigentlich auch schön, denn sie sollen ja nicht vor uns wegrennen.

Habt ihr ein Lieblingsversli?
Samichlous: Uns gefallen alle neuen Versli – und das passiert erstaunlicherweise immer öfter. Ich glaube, das hat mit diesem Internetz zu tun. Mit diesem Internetz fangen die Kinder die Versli ein.

Wie schafft es der Samichlous, alles über alle Kinder zu wissen? Hast du Kontakte zur NSA oder zum Geheimdienst?
Klar, ich habe überall Webcams installiert. Nein, im Ernst: Wie gesagt sind wir im Sommer nicht so angezogen wie jetzt und können unerkannt unterwegs sein und zum Beispiel mit Kindergärtnerinnen oder Lehrpersonen Kontakt aufnehmen. Und dann ist es einfach so: Kinder sind ehrlich! Gerade gestern habe ich eines gefragt, wie es so sei mit dem Gehorchen. Das Mädchen antwortete: «Nicht so gut, ich höre manchmal nicht so gut zu.»

Geht ihr mit der Zeit und nutzt auch Facebook, Twitter und Co.?
Wir haben im Forst keinen Strom. Jemand hat für uns eine Website gemacht. Für alle Schreibarbeiten haben wir den Bürochlous.

Momentan seid ihr im Stress. Kommt ihr noch zum Schlafen?
Ja, einfach spät. Die Chlouse-Zeit beginnt am ersten Advent und dauert bis etwa Mitte Dezember.

Warum trägt der Samichlous einen roten und nicht einen gelb-schwarzen Mantel?
Ich weiss, worauf die Frage abzielt. Aber den Samichlous interessieren die Gelb-Schwarzen nicht gross. Ich «stüpfe» lieber Tannzapfen im Wald rum. Im Ernst: Der rote Mantel ist einfach eine alte Tradition wie auch, dass der Schmutzli einen dunklen Mantel trägt. Und der Schmutzli hat übrigens nichts mit einer dunkelhäutigen Person zu tun. Sein Gesicht ist von der Arbeit schmutzig.

Berner Zeitung

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