Eine lange Leitung

Radelfingen

Die Topografie in Radelfingen macht ein Abwasserprojekt kostspielig. Die Grundeigentümer befürchten, dass sie sich beteiligen müssen, obwohl sie bereits in private Klärsysteme investiert haben.

Fürchtet die finanziellen Konsequenzen des ARA-Projekts: Erika Tschannen. Foto: Raphael Moser

Fürchtet die finanziellen Konsequenzen des ARA-Projekts: Erika Tschannen. Foto: Raphael Moser

Simone Lippuner

Oberruntigen. Eine von acht Dorfschaften, die zur weitläufigen Gemeinde Radelfingen mit ihren 130 Strassenkilometern gehören. Ein paar Höfe, Stöckli, Neubauten, gut 30 Personen leben hier. Es gibt noch drei aktive Landwirtschaftsbetriebe.

An diesem milchigen Tag Anfang März nutzen die Bauern das trockene Wetter und bringen die Jauche aus. Die roten und grünen Traktoren bilden bunte Farbtupfer zwischen den braunen Äckern. Es sieht idyllisch aus. Doch genau das Thema Jauche ist in Oberruntigen derzeit ein eher heikles.

Die Gemeinde muss in den Ortschaften Oberruntigen, Matz­wil und Oltigen die Abwasseranlagen sanieren oder neu erstellen (siehe Box unten). Das Problem dabei: Die weitläufigen Weiler bestehen zu einem grossen Teil aus Einzelhöfen in hügeligem Gelände. Das macht das Abwasserprojekt komplex und kostspielig.

«Aufgrund der schwierigen Topografie und der weit­räumigen Anordnung der zu sanierenden Ortschaften und Einzelliegenschaften sind Pumpenschächte mit Druckleitungen vorgesehen», schreibt der Gemeinderat.

Zweites Problem: Die Oberruntiger haben bereits viel Geld in private Klärsysteme oder die Vergrösserung der Jauchegrube investiert, dies auf Anforderung des Kantons. Einige von ihnen befürchten nun, durch den Anschluss an die ARA-Leitung ein zweites Mal zur Kasse gebeten zu werden.

Doppelt bezahlen?

Zum Beispiel Erika Tschannen aus Oberruntigen. Sie ist in Oltigen aufgewachsen, hat vor mehr als zehn Jahren mit ihrer Familie in Oberruntigen ein Haus gebaut und kennt das Gemeindegebiet wie ihre Hosentasche. «Bisher ist es so, dass das Hausabwasser auf Höfen mit Tieren in die Jauchegrube eingeleitet wird, meist auch jenes des zum Betrieb gehörenden Stöckli», weiss sie.

Bei anderen Gebäuden erfolgt die Abwasserreinigung mittels Zwei- oder Dreikammersystem in einer privaten Klärgrube, der Überlauf fliesst in die Aare. Neue oder sanierte Bauten verfügen über eine moderne eigene Kleinkläranlage. «Bei landwirtschaftlichen Gebäuden mit Wohnungen wurde die Jauchegrube gemäss Anforderungen des Kantons entsprechend grösser ausgelegt, so auch bei uns.»

Grundsätzlich befürworte sie den ARA-Anschluss, sagt die Oberruntigerin. «Ich befürchte aber, dass wir nun ein zweites Mal für die Abwasserentsorgung bezahlen müssen.» Zumal der Ausbau bedingt durch die Länge der Leitungen und die Pumpeinrichtung sicher teuer sein werde.

Tschannen führt weiter ein ökologisches Argument ins Feld: Bei Bauernhöfen mit Rindvieh oder Schweinen diene das Hausabwasser der Hofgruppe zugleich zum Verdünnen der Jauche. «Fällt dieses weg und muss Jauche in einer niederschlagsarmen Zeit ausgetragen werden, müssen wir Sauberwasser in die Jauchegrube einleiten.»

Eine Mischrechnung

Die Gemeinde führt am kommenden Montag einen Infoanlass durch. Im Vorfeld erteilen die Behörden keine weitere Auskunft. «Alles, was wir derzeit sagen können, steht im Gemeindeblatt, zusätzliche Infos gibt es vor Ort», sagt Tonia Moosmann vom Bausekretariat.

Im «Radelfinger» steht, dass die jeweiligen Weiler in öffentliche und private Sanierungsgebiete eingeteilt wurden. Die Finanzierung wird daher eine Mischrechnung sein. «Die Beurteilung, ob eine Liegenschaft an das öffentliche Kanalisationsnetz anzuschliessen hat, erfolgte anhand von Zumutbarkeitsabklärungen.»

Dies bestätigt Stefan Mürner vom Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern (AWA). «Wo der Anschluss ans öffentliche Kanalisationsnetz aufgrund der geografischen Lage technisch nicht machbar oder finanziell nicht zumutbar ist, wird die Situation individuell gelöst», sagt Mürner. Also beispielsweise mit einer Kleinkläranlage. Grundsätzlich jedoch sei Oberruntigen ein öffentliches Sanierungsgebiet, heisst: Die Gemeinde baut die Leitung, die Privaten zahlen die Hausanschlüsse.

Nicht zumutbar

Die Geschichte um die Abwasserentsorgung in Radelfingen sei eine sehr lange, sagt Stefan Mürner. «Es wurden in den letzten zehn Jahren zig Varianten geprüft.» Die vorliegende sei die beste Lösung, denn: «Die Abwassersituation in den Weilern ist unbefriedigend und entspricht teilweise nicht mehr den Gewässerschutzvorschriften.»

Dies gelte es in den ländlichen Gebieten grundsätzlich zu bereinigen. Die Überbauungsordnung zum Abwasserprojekt befindet sich noch beim AWA zur Vorprüfung. An der Gemeindeversammlung vom Dezember sollen die Einwohner über den Baukredit befinden.

Als Nächstes folgt nun der Infoanlass. Erika Tschannen, ihr Partner, ihr Bruder und viele weitere Betroffene werden ihn gespannt und mit vielen Fragen ­besuchen. «Natürlich hat das Projekt auch Vorteile», sagt Tschannen bei einem Gang über die Felder rund um ihr Haus. Wer über ein besonders veraltetes Klärsystem verfüge, sei sicher froh um eine neue Leitung. «Es kommt schon vor, dass es bei bestimmten Wetterlagen im Sommer im Dorf ziemlich stinkt.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt