Ostermundigen

Eine grosse Schwester auf Zeit

OstermundigenDie sechzehnjährige Helai Karimi kam vor anderthalb Jahren aus Kabul nach Ostermundigen. Jetzt hat sie als Erste in ihrer Klasse eine Lehrstelle. Auch dank einer Studentin, die ihr zur Seite steht.

Studentin Manuela Vadlja (links) hat Helai Karimi im Rahmen eines Mentoring-Programms in der Grundschule unterstützt. Nun hat Helai eine Lehrstelle gefunden.

Studentin Manuela Vadlja (links) hat Helai Karimi im Rahmen eines Mentoring-Programms in der Grundschule unterstützt. Nun hat Helai eine Lehrstelle gefunden. Bild: Beat Mathys

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Das ist eine schöne Geschichte. Sie handelt von einem zuversichtlichen Teenager, einer engagierten Juristin und einer Organisation, die aus wenig viel macht.

An den 13. März 2013 erinnert sich Helai Karimi genau. «Es war alles neu und ganz anders», sagt sie über den Tag, an dem sie mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern aus Afghanistan in der Schweiz ankam. Der Vater arbeitet bereits seit über zwanzig Jahren als Kochgehilfe in Bern. Vor achtzehn Monaten klappte es endlich mit dem Visum für die Ausreise seiner Familie. Jetzt lebt sie in Ostermundigen wieder zusammen.

Helai wuchs in Kabul auf und sprach bei der Ankunft Dari und Paschtu, aber kein Wort Deutsch. Während zwölf Wochen konnte sie einen Deutschkurs für Neuankömmlinge besuchen. Danach wurde sie in die achte Klasse der Realschule Dennigkofen aufgenommen.

Ein Angebot von der Uni

Im Herbst kam eine Vertreterin der Organisation «Rock your Life» an die Schule und orientierte über ihr Angebot: Schweizer Studierende stellen sich zur Verfügung, um benachteiligten Jugendlichen in der Zeit der Berufswahl als Mentorinnen und Mentoren beizustehen.

Nur zwei aus der Klasse waren interessiert: Helai und ein Junge aus der Türkei meldeten sich an. Bald darauf fand an einem Samstag das Treffen statt, an dem die Mentoring-Paare gebildet werden. Bei diesem «Matching» lernte die damalige Studentin Manuela Vadlja die quirlige Afghanin kennen. Am Abend hatten sich die beiden füreinander entschieden.

Manuela Vadlja gefällt die Idee, dass Studenten jungen Leuten mit erschwerten Startbedingungen auf die Beine helfen, indem sie sich Zeit für sie nehmen. Vielleicht spielte mit, dass sie als gebürtige Kroatin von ihren Eltern weiss, wie wichtig der Kontakt zu Einheimischen ist. Sie selbst ist Schweizerin und in Zollikofen aufgewachsen. Inzwischen arbeitet sie als Juristin im Wirtschaftsbundesamt Seco.

Eine grosse Schwester

Seit dem «Matching» haben sich Manuela Vadlja und Helai Karimi regelmässig getroffen. Sie haben Freizeit zusammen verbracht. Mal haben sie über die Schule gesprochen, mal waren sie gemeinsam shoppen oder Schlittschuh laufen. Die Mentorin ist keine Aufgabenhilfe und auch keine Ersatzmutter. «Eher eine grosse Schwester», sagen beide übereinstimmend. Stolz wie eine grosse Schwester ist Manuela Vadlja etwa, wenn sie darauf hinweist, dass Helai in der Mathematik demnächst möglicherweise bereits auf Sekundarschulniveau angehoben wird.

Helai Karimi hat auch Eltern, die sich kümmern, und Lehrkräfte, die sie unterstützen. Vor allem aber hat sie einen ansteckenden Optimismus und Eigeninitiative. Sie möchte einmal Ärztin werden wie ihre Tante und ihr Onkel in Kabul. Als in der Schule die Berufswahl zum Thema wurde, besorgte sie sich mehrere Schnupperstellen für ihr erstes Berufsziel Pharma-Assistentin.

In der traditionsreichen Central-Apotheke Volz am Zytglogge gefiel es ihr so gut, dass sie sich bewarb. Mit ihrer Mentorin zusammen feilte sie am Bewerbungsschreiben. Jetzt hat Helai als Erste in ihrer Klasse bereits eine Lehrstelle: Sie solle noch das zehnte Schuljahr absolvieren und könne im Sommer 2016 anfangen, schrieb die Lehrmeisterin zurück.

Idee aus Deutschland

«Ich wusste zum Beispiel erst gar nicht richtig, was eine Lehrstelle ist», sagt Helai Karimi auf die Frage, wofür eine Mentorin gut ist. Es sind oft die scheinbar einfachen, selbstverständlichen Dinge, bei denen eine grosse Schwester hilfreich ist.

«Rock your Life» wurde 2009 in Deutschland gegründet, wo sich bereits über 3000 Studierende engagieren. Seit einem Jahr ist die Organisation mit Unterstützung der Jansen PrimeSteps Foundation sowie der Stiftungen Mercator und Ernst Göhner auch in der Schweiz tätig. Die angehenden Mentorinnen und Mentoren werden in drei Workshops ausgebildet und profitieren ihrerseits vom Netzwerk der Organisation. In der Schweiz sind Standortvereine in Zürich, Bern, Basel und St. Gallen im Aufbau.

Der Hauptsitz von «Rock your Life» befindet sich in Bern. Die Organisation sucht zurzeit Studierende, die sich zum Mentor ausbilden lassen.

Rock your Life, Kramgasse 5, 3011 Bern; 031 312 60 21; schweiz.rockyourlife.org. (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.10.2014, 09:13 Uhr

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