«Eine Kulturstrategie ist was für die Medien»

Bern

Veronica Schaller, die Leiterin der städtischen Abteilung Kulturelles, äussert sich zu den Lehren aus dem Beinahedebakel um den Stadttheaterkredit und zur Debatte um die Kunsthalle.

Veronica Schaller sagt, sie arbeite lieber im Hintergrund.

Veronica Schaller sagt, sie arbeite lieber im Hintergrund.

(Bild: Raphael Moser)

Wolf Röcken

Veronica Schaller, nach grosser Unruhe sagte der Stadtrat Ja zum Sanierungskredit für das Stadttheater. Welche Lehren ziehen Sie aus dem Beinahedebakel? Veronica Schaller: Zuerst einmal bin ich sehr dankbar, dass das Ja deutlich ausfiel. Es gab Bedenken, dass wir zu wenig Geld haben und dass man nicht genau weiss, was gemacht wird. Aber 45 Millionen Franken sind sehr viel Geld. Wir werden einen deutlichen Mehrwert für das Theater und fürs Publikum realisieren.

Das ist kaum bestritten. Problematisch war der Umgang mit dem Bericht von Emch+Berger. Dieser zeigt Probleme auf, wurde der vorberatenden Kommission und den Stadträten aber lange vorenthalten. Es war ein internes Papier. Solche sollten erst vom Adressaten gelesen und auch kommentiert werden können, bevor sie in den politischen Prozess kommen.

Würden Sie ein solches Papier den Entscheidungsträgern aus heutiger Sicht früher und vor allem ohne öffentlichen Druck zugänglich machen? Ich bin nicht zuständig für dieses Papier, bin eine Beteiligte unter vielen anderen. Bei der nächsten Indiskretion werden die Verantwortlichen versuchen, die Adressaten rasch zu informieren, und anschliessend auch die zuständigen Gremien in Kenntnis setzen. Aber wollen wir nicht lieber in die Zukunft schauen?

Das Thema ist wichtig. Stadtrat Michael Köpfli (GLP) warf Ihnen vor, Sie hätten sich mit Händen und Füssen dagegen gewehrt, dass das Papier öffentlich wird. Das ist nicht so. Ich setzte mich dafür ein, dass das Papier nicht unkommentiert rausgeht, sondern erst zum Gemeinderat geht. Man muss bedenken, dass die Sommerferien dazwischenkamen. Ohne die Pause wäre das Papier schneller bei den Kommissionsmitgliedern gewesen.

Noch einmal: Was ist Ihre Lehre aus dem Fastdebakel? Die Erfahrung zeigt, dass man mit Indiskretionen Misstrauen schüren kann. Es wäre schade für das Projekt, wenn sich dies wiederholen sollte.

Das Sanierungsprojekt ist ein Sinnbild der Stadtberner Kulturpolitik: Es wird gewurstelt nach dem Prinzip Hoffnung – ohne Konzept. Und niemand will schuld sein, wenn was schiefläuft. Diesen Vorwurf weise ich zurück. Eine Sanierung, auch wenn es um ein Kulturhaus geht, hat nichts mit Kulturförderungspolitik und ihren Abläufen zu tun. Die Debatte ist, wenn schon, ein Sinnbild für die komplexe Kulturpolitik in Bern, da es verschiedene Partner, Entscheidungsträger und Geldgeber gibt und nicht einer alleine entscheiden kann. Das ist ein Problem, an dem wir oft kauen.

Umso wichtiger wären Transparenz und eine erkennbare Strategie. Letztmals hatte Bern aber für 2008–2011 eine Kulturstrategie. Seither fehlt eine solche. Ich selber verwende den Begriff «Kulturstrategie» nicht. Denn die Stadt macht nicht Kultur, sie fördert sie. Das von Ihnen zitierte Papier hiess «Strategie der Kulturförderung», nicht «Kulturstrategie». Dieser Unterschied ist mir wichtig. Im Übrigen hat der Gemeinderat kürzlich einen entsprechenden parlamentarischen Vorstoss beantwortet und festgehalten, dass er den Standort der städtischen Kulturpolitik neu definieren und die Verteilung der Mittel auf die verschiedenen Förderbereiche hinterfragen will. In welcher Form das geschehen soll, hat er noch offengelassen.

Dennoch: In der Kulturszene ist die Rede von einem Vakuum und davon, dass es rumort, weil niemand weiss, wo es hingehen soll mit der Kultur in der Stadt. Diesen Vorwurf habe ich im Stadtrat gehört, in der Kulturszene aber noch nie. Und ich lege die Hand dafür ins Feuer, dass sich noch kein Kulturschaffender gehemmt fühlte, Kultur zu schaffen, nur weil es keine Kulturstrategie gibt. Ein solches Papier ist was für Politik, Öffentlichkeit und Medien, nicht für Kulturschaffende. Ich halte die Diskussion rund um Kultur in Bern ganz und gar nicht für dramatisch.

Wo nehmen Sie diese Stimmung wahr? Ich habe viele Kontakte mit Kulturschaffenden.

Sie halten eine Kulturstrategie für unnötig? Ich habe mir eine Sammlung Kulturpositionspapiere anderer Städte angelegt. Ich glaube nicht, dass das jemand von A bis Z gelesen hat. Solche Papiere sind wichtig, wenn etwas neu aufgebaut wird. Aber in einem laufenden Umfeld mit unveränderter Grosswetterlage braucht es das kaum.

Konkret: Für Bern gibt es keine neue Kulturstrategie. Was wir machen müssen, und das steht oben auf der Agenda, ist eine Standortbestimmung mit Blick auf 2016. Dann tritt das kantonale Kulturförderungsgesetz in Kraft, mit einigen Unbekannten für die Stadt. Diese Standortbestimmung muss im Sommer 2014 vorliegen.

Die Zeit drängt also bereits. Ich kanns nicht ändern. Der Entscheid des Regierungsrats, welche Institutionen künftig von Stadt, Kanton und Regionsgemeinden getragen werden, steht noch aus. Davon hängt einiges ab, auch die Standortbestimmung.

Wer arbeitet daran mit? Der erste Schritt wird sein, dass wir für uns selber wissen, was wir wollen. Das heisst: die Abteilung Kulturelles, die Kommissionen, die Präsidialdirektion. Und dann werden wir weitere Kreise ziehen mit Kulturschaffenden, weiteren Engagierten in Politik und in der Öffentlichkeit.

Ist danach klarer, wo es hingehen soll mit der Kultur? Es wird nicht alles anders werden. Soll es auch nicht, denn ich halte das kulturelle Angebot in Bern für ausgezeichnet, umfangreich, vielfältig, qualitativ hochstehend. Die einzelnen Institutionen zeigen Profil, und in vielen Projekten der Zusammenarbeit entsteht ausgezeichnet Neues. Zudem: Wir arbeiten nicht auf der grünen Wiese, sondern haben Institutionen und Kulturschaffende mit einer Geschichte, die man nicht umstossen muss.

Stadtpräsident Alexander Tschäppät sagte in dieser Zeitung, Sie würden eine Kulturstrategie aktiv mitgestalten. Nun klingts anders. Es gibt die Erwartung, dass die Abteilung Kulturelles nun sagt, wie es weitergeht mit der Kultur in der Stadt. Ich denke, diese Erwartungen kann keine Kulturabteilung erfüllen. Es sind die Kulturschaffenden, die Verantwortlichen der Institutionen, die die Richtung vorgeben. Wir sind zuständig für Rahmenbedingungen und können Initiativen unterstützen.

In Kulturkreisen heisst es, man nimmt Sie kaum wahr. Die Kultur soll im Rampenlicht stehen. Mich braucht es nicht in der Öffentlichkeit. Ich arbeite lieber im Hintergrund.

Sie drücken sich vor strategischen Entscheiden. Zum Beispiel?

Bei Antworten auf die Fragen, wo Schwerpunkte gesetzt, aus- oder abgebaut werden sollen. Oder bei Fragen, ob Betriebe gut positioniert sind. Etwa die Kunsthalle. Sie meinen, ob die Kunsthalle weiter existieren soll?

Was ist Ihre Meinung? Selbstverständlich braucht Bern eine Kunsthalle, mitfinanziert mit öffentlichen Geldern. Das ist eine sehr wichtige Institution, nicht nur für den Bereich der Bildenden Kunst. Hier ist zeitgenössische Kunst erfahrbar, hier passiert die Auseinandersetzung, hier wird Risiko eingegangen.

Ist es für Sie tabu, einer Institution die Subventionen ganz zu streichen? Nein.

In welchem Fall? Etwa wenn der Betrieb das Geld nicht mehr nötig hat. Oder weil er nicht mehr in der Lage ist, mit dem Geld umzugehen, Stammpublikum vergrault und kein neues gewinnt.

In der Kritik steht zurzeit die Kunsthalle, weil sie wenig Publikum anlockt. Können Sie das nachvollziehen? Es ist erst mal gut, dass über die Kunsthalle debattiert wird. Ich wünschte mir gar eine heftigere Diskussion. Aber generell: Sie können als Definition für die Bedeutung einer Kulturinstitution nicht einfach die Anzahl Besucher mit den Subventionen aufrechnen. Nicht jede Kultur kann und muss das grosse Publikum ansprechen. Die Kultur in Bern zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Kunsthalle gibt – und etwa ein Theater an der Effingerstrasse. Beide werden gefördert, beide sind von grosser Bedeutung.

Das klingt wie ein allgemeines Plädoyer für den Bestand. Das können Sie so sehen. Aber man muss trotzdem immer fragen, ob wir das Richtige subventionieren, ob wir mit unserer Praxis aktuell genug sind. Und dann braucht es nicht nur neue Ideen, sondern vor allem Leute, die sie umsetzen. Es muss jemand kommen, der sagt, ich mache das. Die Abteilung Kulturelles kann das nicht.

Und woher käme das Geld für neue Ideen, wenn es jetzt schon knapp ist? Zum Beispiel aus dem Topf der zeitgenössischen Kultur. Das wäre eine Frage der Schwerpunktsetzung.

Damit sind wir wieder beim Thema Strategie. Wer macht diese Schwerpunktsetzung? Die Kulturschaffenden mit ihren Ideen sowie die Kulturförderungskommissionen, die mit ihren Budgets recht frei umgehen können. Die Abteilung Kulturelles wiederum setzt sich dafür ein, dass diese Budgets möglichst nicht kleiner werden.

Ein Schwerpunkt könnte es sein, Geld bei grossen Institutionen zu reduzieren und mehr in die freie Szene zu investieren. Das lässt sich nicht einfach trennen. Freie Szene heisst auch Schlachthaus und Dampfzentrale. Dort können Künstler dank der Subventionen auftreten. Ich sehe keine Notwendigkeit, dort grundsätzlich etwas zu ändern. Ausser dass es Institutionen gibt, die in meinen Augen über deutlich mehr Geld verfügen müssten. Gerade wenn man sie mit ähnlichen Institutionen in anderen Städten vergleicht.

Welche? Etwa Konzert Theater Bern. Und bei allen Institutionen würde ich mir wünschen, dass sie mehr Eigenkapital hätten, um mehr Risiken eingehen zu können.

Mit Blick auf all die Sparforderungen ist das eine kaum realistische Erwartung. Vielleicht gibt es auch Möglichkeiten, mit gleich viel Geld mehr zu tun. Und dann wird die Stadt dank dem neuen kantonalen Kulturfördergesetz ja einige Millionen weniger ausgeben müssen für Kultur. Es gibt gute Gründe dafür, dass ein Teil dieses Gelds auch wieder der Kultur zugutekommt.

Berner Zeitung

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