Ein Youtuber wird zum Unidozenten

Youtube ist heute bei Schülern der beliebteste Nachhilfelehrer. Unidozent Matthias Stürmer geht im Unialltag neue Wege. Wie, zeigte er am Donnerstag am Forum Spirit of Bern.

Gute Lehre mit Videos: Der Berner Universitätsdozent Matthias Stürmer hat Youtube-Videos in seinen Unterricht eingebaut.

Gute Lehre mit Videos: Der Berner Universitätsdozent Matthias Stürmer hat Youtube-Videos in seinen Unterricht eingebaut. Bild: Christian Pfander

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Eltern wissen es: Kommt ein Schüler bei einer ­Mathematik­aufgabe nicht mehr weiter, geht er in aller Regel an den Computer und sucht auf der Videoplattform Youtube nach einem geeigneten Lehrfilm. Und meistens findet er einen Film, der ihm den Lösungsweg für die Aufgabe aufzeigt. Diese Erfahrung machen heute viele Eltern von Oberstufenschülern und Gymnasiasten.

Doch auch an den Universitäten sind Lernvideos ein Thema. Der Berner Universitätsdozent Matthias Stürmer nutzt die Stärken von Videos mittlerweile ganz gezielt in seinem Unterricht. Am Forum Spirit of Bern erklärte er gestern den 920 Anwesenden, wie er den Unterricht völlig umgekrempelt hat. Die Universität Bern hat ein entsprechendes ­Pilotprojekt unterstützt.

Die Digitalisierung stellt auch die prominenten Gäste des Forums vor Herausforderungen: Was würden sie studieren würden, wären sie nochmals jung?

Dozent wählt Videos aus

Matthias Stürmer hat ein Unterrichtsprogramm nach dem Prinzip des «umgekehrten Klassenzimmers» entwickelt. «Beim traditionellen Unterricht erklärt der Dozent vor der Klasse den Unterrichtsstoff. Die Studenten vertiefen die Materie zu Hause mit Aufgaben», erklärt Stürmer. Beim «umgekehrten Klassenzimmer» lernen die Studenten den Stoff anhand von Videos. Und im Unterricht lösen sie in kleinen Gruppen Programmieraufgaben.

Zusammenfassung von der Veranstaltung «Spirit of Berne» im Berner Kursaal. Quelle: Spirit of Berne

Doch mit den Videos ist es so eine Sache, wie Youtube-Nutzer wissen. Gibt man einen Such­begriff ein, gibt es Hunderte, wenn nicht Tausende Suchresultate. Für die Studenten stellt sich da die Frage, welches Video den Lernstoff am besten erklärt. Hier kommt Universitätsdozent Stürmer ins Spiel: «Ich habe Videos ausgewählt, welche den Stoff am besten vermitteln», erklärt er.

Stürmer, der an der Universität die Stelle für digitale Nachhaltigkeit leitet, hat das Lernvideo im Rahmen des Unterrichts von Programmiersprachen zusammengestellt. «In diesem Bereich gibt es verschiedene professionelle Youtuber, welche qualitativ hochstehende Videos erstellt ­haben», erzählt Stürmer. Einer von ihnen ist der Deutsche Denis Panjuta, dessen Videos Stürmer seinen Studenten empfohlen hat.

Denis Panjuta ist einer von unzähligen Anbietern von Youtube-Tutorials wie diesem (Quelle: Youtube).

Es braucht auch Humor

Ein Erfolgsrezept von guten Lehrvideos hat Stürmer bereits ausgemacht: «Wenn die Youtuber auch etwas Humor ­haben, lernt es sich leichter», sagt er. Die Erfahrungen hätten eines gezeigt: «Während es bei einer Vorlesung ein Unterrichtstempo gibt, hat ein Video den Vorteil, dass es sich zurückspulen lässt, wenn man ­etwas nicht verstanden hat», erklärt Stürmer. So könne jeder Student in seinem eigenen Lerntempo lernen.

«Die Studenten lernen den Stoff zu Hause mit Videos. Im Unterricht lösen sie gruppenweise Programmier- aufgaben.»Matthias Stürmer
Dozent an der Universität Bern

In der Zwischenzeit hat Stürmer ausgewertet, wie die inno­vative Unterrichtsform bei den ­Studenten angekommen ist. Das Echo war mehrheitlich positiv. Die meisten Studenten schätzen die neue Art zu lernen. Ein Student hatte aber sich daran gestört, dass ihm nicht der Dozent etwas Neues beibrachte, sondern ein Youtuber: «Es fühlt sich so an, wie wenn man bei jemandem nach Hause eingeladen war und der Gastgeber dann sagt, er lasse sich das Essen von einem Restaurant nach Hause liefern», schrieb er.

«Das ist ein interessantes Feedback», räumt Stürmer ein. Doch die meisten Studenten ­gaben sich in ihren Antworten pragmatisch: «Es ist effizient, wenn der Dozent etwas nutzt, das es bereits gibt», schrieb etwa einer. Im Übrigen sei dies nichts Neues: «Bereits in der Vergangenheit haben Universitätsprofessoren bei ihrem Unterricht auf Lehrbücher von anderen Professoren zurückgegriffen», betont Stürmer.

Die Rückmeldungen haben aber auch ergeben, dass nicht alle Lernvideos qualitativ genügten. Vor allem diejenigen fürs Programmieren im dreidimensionalen Raum. «Diese Materie ist intellektuell anspruchsvoll. Aber die Qualität der Videos überzeugt effektiv nicht vollständig», räumt Stürmer ein. Deshalb hat er sich selbst hinter sein neues Mikrofon gesetzt und für diese Programmiersprache eigene Videos gedreht.

Videos in der Volksschule

Stürmer ist überzeugt, dass ­Videos auch in der Volksschule und in den Gymnasien eingesetzt werden können. «Auch auf diesen Stufen ist es wichtig, dass die Lehrpersonen für die Schüler eine Auswahl treffen», sagt er. Ob dies jede Lehrperson für sich selbst, eine Gruppe von Fachlehrern, die Erziehungsdirektion oder ein Lehrmittelverlag tun soll, darüber masst sich Stürmer kein Urteil an. Eine Pionierrolle könnten dabei die Lehrkräfte, welche Informatik unterrichten, spielen. «Gerade beim Erlernen von Programmiersprachen können Lernvideos eine wichtige Rolle spielen. Zum einen bei der Weiterbildung der Lehrkräfte und später dann beim Unterricht der Schüler», betont Stürmer. Seine Botschaft an die Volksschullehrer ist klar: «Habt keine Angst vor den Lernvideos», so sein Fazit. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.02.2018, 21:45 Uhr

Philosoph David Precht

Der bekannteste Referent am Forum Spirit of Bern war der deutsche Philosoph Richard ­David Precht. Der eloquente Redner forderte tief greifende Reformen für den Bildungsbereich. «Die digitale Entwicklung führt zu einer gewaltigen gesellschaftlichen Veränderung», ­sagte er. Im Gegensatz zu den meisten Ökonomen ist er skeptisch, ob es am Ende des Prozesses für alle einen Job geben wird. Laut Precht ist es entscheidend, dass die Leute, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, wissen, wie sie ihren Tag organisieren und Ideen entwickeln. Daraus könnte sich am Ende wieder eine Erwerbsarbeit ergeben.

Zudem ist Precht der Ansicht, dass das Bildungssystem immer noch militärisch geprägt sei. «Alle werden im gleichen Alter gezogen.» Und später gebe es eine Selektion. Doch es sei falsch, von jedem Schüler das Gleiche zu erwarten. Er forderte, dass der Unterricht viel individueller ausgestaltet wird. «Nur so kann die Schule das Potenzial jedes Schülers ausschöpfen», so Precht. sny

Fazit der Organisatoren

Das Forum Spirit of Bern ist ­gestern zum dritten Mal durchgeführt worden. Die treibende Kraft hinter dem Anlass ist Daniel Buser, Professor für Zahnmedizin an der Universität Bern. Er zog gestern ein positives Fazit: «Die Sponsorensuche lief ­erfolgreich. Wir erhielten nur eine Absage», sagte er. Die Sponsoren stellten 500 Teilnehmer. Dazu verkauften die Organisatoren rund 420 Tagestickets. Letzteres sei eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr, so Buser. Das Forum soll im nächsten Jahr erneut stattfinden. «Wir wollen es künftig immer am letzten Donnerstag im Februar durchführen», sagt er. sny

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