Ein YB-Debakel – und kein Berner Jubeltag

Der FC Luzern versetzte den Titelhoffnungen von YB einen heftigen Dämpfer. Mit dem 5:1 Sieg qualifizierten sie sich für den Europacup. Die Young Boys hingegen müssen nun am Sonntag gegen den FC Basel gewinnen um Meister zu werden.

Fabian Ruch

Ja, doch, gefeiert wurde am Donnerstagabend kurz nach 22 Uhr im Gersag-Stadion zu Emmenbrücke schon. Allein: Es war kein Meisterfest der Young Boys. Der FC Luzern und seine Anhänger freuten sich nach dem 5:1-Heimsieg gegen YB über die Europa-League-Qualifikation. «Europa, wir kommen», war das Motto der spontanen Party. Von den enttäuschten Berner Zuschauern war ein trotziges «Hopp YB» zu vernehmen, doch die Rückreise traten sie niedergeschlagen und um eine schwere Desillusion reicher an.

Ein Teil der Gästefans wird in Emmenbrücke zusammengepfercht in einen Sektor, Tiere haben auf einem Transport vermutlich angenehmere Bedingungen. Sie verhalten sich aber auch klüger als jene YB-Supporter, die gestern pausenlos Pyromaterial abbrannten. Und so nehmen die Young Boys nicht nur eine monumentale Niederlage mit nach Hause, sondern werden auch noch eine hohe Busse wegen Fehlverhaltens der eigenen Anhänger erhalten.

Vor der Partie war das Gersag-Stadion ganz in Berner Hand gewesen. Beinahe die Hälfte der 8700 Zuschauer sympathisierte mit den Young Boys, man sprach euphorisch und Berndeutsch, die Stimmung war von Vorfreude geprägt, es lag etwas in der Luft, hätte man meinen können. Die YB-Fans sangen und tanzten, sie waren bestens gelaunt, es war ein wenig wie an einer Chilbi. Und auch die äusseren Bedingungen hätten zum ersten YB-Meistertitel seit 24 Jahren gepasst. Man fühlte sich im Gersag-Provisorium ungefähr wie 1986, Infrastruktur und Komfort sind wie aus längst vergessenen Zeiten. Und beim Fussmarsch durch den Wald ist die Gefahr gross, dreckige Schuhe zu bekommen. Aber immerhin sind die Schalensitze auf der Haupttribüne prächtig gelb-schwarz gestrichen, manch ein Besucher aus der Bundesstadt nahm das als willkommenes Omen auf.

Es wäre ja auch eine zu hübsche Pointe gewesen, wenn sich Vladimir Petkovic ausgerechnet beim FC Luzern zum Meistertrainer gekürt hätte. Wenige Stunden bevor Petkovic am 10. August 2008 im Stade de Suisse als neuer YB-Trainer präsentiert worden war, hatte er einen Anruf der Luzern-Verantwortlichen erhalten. Der FCL kam bei seiner Trainersuche bei Petkovic zu spät, der 45-Jährige führte die Young Boys zügig vom Tabellenende an die nationale Spitze – aber nicht zum Meister. Noch nicht?

Vladimir Petkovic war am Donnerstag edel und ganz in Schwarz gewandet zum möglichen Berner Jubeltag erschienen, und so gesehen passte seine Kleidung (farblich) zum fürchterlichen YB-Debakel in Emmenbrücke. Über eine Brücke müssen die Young Boys jetzt noch gehen, am Sonntag gegen den FC Basel. Und man darf davon ausgehen, dass die Berner in der Finalissima wieder ihr Sonntagsgesicht präsentieren werden. Am Auffahrtsabend waren sie gegen den FC Luzern unverständlicherweise nicht bereit, sie enttäuschten von der ersten Minute an – und waren erst zu einer Minireaktion bereit, als der Match längst entschieden war und die Luzerner in den Verwaltermodus umgestellt hatten.

Eine erste Überraschung hatte es bereits vor Spielbeginn gegeben, beim Blick auf die YB-Aufstellung. Trainer Petkovic schonte die Stammkräfte Emiliano Dudar und Henri Bienvenu, weil beide Leistungsträger bei der nächsten Verwarnung gesperrt gewesen wären – und damit gegen den FCB. Basels Trainer Thorsten Fink setzte aus dem gleichen Grund gegen Xamax gleichzeitig ebenfalls mehrere Titulare auf die Bank. Petkovics Poker aber ging gestern überhaupt nicht auf, denn nicht zum ersten Mal in dieser Spielzeit wirkte die Defensive der Young Boys ohne Stabilisator Dudar wacklig und vieles, aber gewiss nicht meisterlich. Nicht nur bei Standardsituationen der Luzerner herrschte bei den Young Boys die grosse allgemeine Verunsicherung.

Nach 79 Sekunden erzielte Nelson Ferreira nach wunderbarem Angriff das 1:0 für Luzern, bald führten die Gastgeber 2:0, zur Pause 3:0 und kurz nach dem Seitenwechsel 4:0. Cristian Ianu, Burim Kukeli und erneut Ianu waren die Torschützen, und am Ende konnten die Young Boys froh sein, nur 1:5 verloren zu haben. Der eingewechselte Nico Siegrist konterte kurz vor Schluss den 30. Saisontreffer Seydou Doumbias mit dem fünften FCL-Tor. Zuvor hatte Alberto Regazzoni – wie passend – einen Foulpenalty für YB verschossen. Und so resultierte schliesslich die höchste Saisonniederlage für die Young Boys als Ergebnis eines beschämend schwachen Auftritts.

Bereits übermorgen haben die Berner die ultimative Gelegenheit zur Korrektur, nach einem Heimsieg gegen Basel würde die gestrige Leistung niemanden mehr interessieren. Weil der FCB gestern Xamax locker 3:0 schlug, müssen die Young Boys gewinnen, um den Meistertitel doch noch zu holen. Vielleicht aber wird Dudar am Sonntag ja das Bollwerk in der Defensive sein und Bienvenu der Siegschütze – und Petkovic zum Meister des taktischen Pokerspiels aufsteigen. Zwei Tage bis zum Showdown YB - FCB, der alle offenen Fragen endgültig klären wird.

Berner Zeitung

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