Ein Weihnachtsbuffet, das Bauch und Seele wärmt

Bern

Seit 27 Jahren serviert Wirt Pesche Michel über die Weihnachtstage im Casa Marcello ein Gratisbuffet. Die Beiz mit der Hausnummer 19 an der Aarbergergasse ist ziemlich voll – und einige Gäste sind es auch.

«Merci vieumau, Chef»: Der Casa-Marcello-Wirt bereitet die Poulets für seine Gäste vor. Auch in diesem Jahr servierte er seinen Gästen über die Festtage ein Gratisbuffet.

«Merci vieumau, Chef»: Der Casa-Marcello-Wirt bereitet die Poulets für seine Gäste vor. Auch in diesem Jahr servierte er seinen Gästen über die Festtage ein Gratisbuffet.

(Bild: Iris Andermatt)

Beim Loeb-Egge in der Stadt Bern singen junge christliche Menschen Weihnachtslieder und verteilen Glühwein und Weihnachtsguezli. Jack’s Brasserie im Schweizerhof ist praktisch leer, an einem Tisch sitzt allein ein älterer Herr. Weiter unten, in der Aarbergergasse, wird das schnelle Eindunkeln von einer ungewöhnlichen Stille begleitet, die Luft ist 3 Grad kalt.

Es ist Weihnachten, der 25.Dezember, die meisten Beizen sind geschlossen. Das Casa Marcello aber hat geöffnet, denn das Casa Marcello hat immer geöffnet, 365 Tage im Jahr, jeden Tag von 9 bis 3.30 Uhr. Im Casa Marcello wird es auch diese Nacht nicht heilig und nicht still. Die Beiz mit der Hausnummer 19 an der Aarbergergasse ist ziemlich voll, und einige Gäste sind das auch, obwohl der Abend noch jung ist.

«Hier tun sich Abgründe auf»

«Jeder ist willkommen, ein Hort und eine Familie für alle», steht auf der Website. Das mag gerade in der besinnlichen Zeit ein bisschen nach Sozialkitsch tönen, aber der Wirt meint es ernst. Pesche Michel serviert seit 27 Jahren an Weihnachten ein Gratisbuffet, drei Abende lang, und die Leute kommen, seit 27 Jahren. Viele Randständige, Menschen mit Alkohol- oder anderen Drogenproblemen, aber nicht nur. An einem runden Tisch sitzen Thomas, Henä und Theo, Stammgäste, alle über 40, und trinken Cola und Tee. Henä wird später am Abend für Nez rouge im Einsatz stehen und Leute rumchauffieren, die zu viel getrunken haben. «Was Gemeinnütziges halt», sagt der Emmentaler, der eigentlich Mechaniker ist. Von Weihnachten hält er nichts. «Dieses ganze Kommerzzeugs», sagt er. Seine Familie feiert, ohne ihn.

Auch Thomas, der in Bern als Projektleiter arbeitet, ist nicht aus Not hier. An Heiligabend habe er im kleinen Rahmen mit der Familie gefeiert, «vor allem für die Kinder», wie er sagt. Doch er und seine Schwiegereltern, das passe nicht, darum findet das grosse Familienfest an diesem Abend ohne ihn statt. Also sitzt Thomas da, mit seinen Kumpels, trinkt eine Cola und geniesst es, «die Realität, die Gegensätze zum Leben ausserhalb der vier Wände» zu erleben. «Hier tun sich auch Abgründe auf, das Casa Marcello ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wir leben quasi in einem Kastensystem, und es täte vielen Menschen gut, ab und zu hier reinzuschauen.»

In der Beiz gibts nur zwei Regeln. Erstens: Du kannst zwar dein eigenes Essen mitbringen, aber es gilt eine Konsumationspflicht. Die meisten wählen Bier, es gibt hausgemachtes, wöchentlich eine neue Kreation. Und zweitens: Duzis ist obligatorisch. «Viele haben das nicht begriffen», sagt Henä, «und das hat immer wieder zu schwierigen Diskussionen geführt.» Darum habe Pesche, der Wirt, reagiert. Beim Eingang hängt jetzt ein Schild, auf dem steht: «Wir legen Wert auf Gleichheit. Jeder duzt jeden.»

«Danke für dä Luxus, Pesche»

Es ist kurz nach 18 Uhr, als die Musik ausgeht und Britney Spears verstummt («Oops! I Did It Again!») – offenbar ein Signal für die Gäste, dass nun Essenszeit ist. Das Buffet kommt gut an, währschafte Kost, alles gratis. Bis etwa 23 Uhr kommt laufend neues Essen, die Angestellten, an diesem Abend sind es vier, tischen jetzt Geschnetzeltes auf, mit Gemüse, Reis oder Teigwaren. «Lueg emau dä Luxus aa», ruft ein männlicher Gast, als er an der Reihe ist, und sagt zu Pesche: «Merci veumau, Chef!» Eine jüngere Frau, die schon ein bisschen wankt, kommt zum Chef herüber und umarmt ihn zum Dank. «Jeder kennt hier jeden», sagt der Chef, «es sind die gleichen Gesichter wie immer, die man heute Abend hier sieht, und viele waren schon gestern, an Heiligabend, da.»

Auf den Tischen brennen Weihnachtskerzen, doch Weihnachten scheint weit weg und egal. Hier geht es nicht um Besinnlichkeit, sondern für viele um eine warme Mahlzeit und die tägliche Ration Alkohol und Gesellschaft. Früher hat Pesche auch die Getränke offeriert, doch «das ist dann natürlich eskaliert». Heute eskaliert vorerst nichts und niemand, im Fumoir herrscht aber dicke Luft. «Arschloch» schreit eine zum anderen, «Schlampe» ist seine Antwort. Geschenke werden hier keine verteilt. «Höchstens mal ein Bier», sagt Thomas vom runden Stammtisch. «Doch das kann für einige hier drin ein grosses Geschenk sein.»

Berner Zeitung

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