Niederscherli/Bern

Ein Sexshop trotzt dem Internet

Niederscherli/BernIn einer Branche, die sich zu einem grossen Teil online abspielt, hat er ein Ladengeschäft eröffnet: Michel Abegg ist überzeugt, mit seinem Sexshop eine Zukunft zu haben.

«Ich kaufte die bestellten Artikel im nächsten Sexshop ein und verkaufte sie mit einer Zehnernote Marge weiter», so Michel Abegg

«Ich kaufte die bestellten Artikel im nächsten Sexshop ein und verkaufte sie mit einer Zehnernote Marge weiter», so Michel Abegg

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Sicher, der Zulauf könnte besser sein. Gerade mal durchschnittlich anderthalb Kunden pro Tag schauen im Erotikshop von Michel Abegg vorbei. Anfang Dezember hat der Niederscherler sein Ladenlokal am Zentweg in Bern eröffnet, und seither versucht er mit bescheidenen finanziellen Mitteln das Geschäft anzukurbeln. Er schickt elektronische Kundenbriefe los, macht Aktionen – wie Mitte Januar, als die Nationalbank den Wechselkurs zum Euro freigab und er prompt mit der Botschaft der Grossen im Detailhandel reagierte: Auch wir gewähren einen Eurorabatt.

Der 24-Jährige geht unbeirrt seinen Weg. Auch wenn sich die Frage zwangsläufig stellt: Wie kommt ein junger Mann auf die Idee, einen Shop in einer Branche zu eröffnen, in der Diskretion alles und das Onlinegeschäft so wichtig ist wie kaum sonstwo? «Ich bereue den Schritt nicht. Die Kunden wollen die Ware anfassen. Und ich will sie beraten.»

Rente als Lebensgrundlage

Um es gleich vorwegzunehmen: Von seinem Shop muss Michel Abegg nicht leben können. Ohne Umschweife gibt er zu Protokoll, dass er wegen einer starken Sehbehinderung eine Invalidenrente bezieht. Dennoch schlägt er den Bogen gleich zurück zu seinem Geschäft – denn angefangen hat er vor vier Jahren just wegen seiner Augen. «Ich wollte nicht nur tatenlos herumsitzen.»

Michel Abegg wohnte damals noch im Kanton Zürich, und er erinnert sich gut an die Frage seines Nachbarn, mit der alles anfing: ob er seine viele freie Zeit nicht nutzen und in den Erotikhandel einsteigen wolle. Flugs stellte er eine Seite ins Internet und versuchte es auf seine Art. «Ich kaufte die bestellten Artikel im nächsten Sexshop ein und verkaufte sie mit einer Zehnernote Marge weiter.» Noch heute staunt er darüber, dass das Geschäft so funktionierte.

Von Grund auf gelernt

Wie die Branche tickt, musste Michel Abegg in der Folge von Grund auf selber entdecken. Dass es dabei immer wieder Rückschläge gab und gibt, sagt er offen. So gelang es ihm auf der einen Seite zwar, sich ein stabiles Netz von Händlern aufzubauen, über das er die Ware beziehen kann. Auf der anderen Seite kommt er trotz allen Bemühens aber nicht so recht vom Fleck.

Den Geschäftsgang bezeichnet er als «ständiges Auf und Ab». Mal verkauft er zwei, drei Wochen lang ganz gut, mal bleibt es zwei, drei Wochen lang mehr als ruhig. In solchen Momenten ist ihm wichtig, einen Partner neben sich zu wissen: «Immer, wenn der eine aufgeben will, findet der andere, es müsse weitergehen.»

Kein Privatleben mehr

Warum er in dieser Situation überhaupt an den Zentweg expandierte? In der gemeinsamen Wohnung in Niederscherli sei der Platz für all die Ware zu knapp geworden, blickt Michel Abegg zurück. Bereits vor der Eröffnung in Bern habe er nicht mehr nur online verkauft: «Immer wieder kamen Leute vorbei und kauften direkt bei uns ein. Wir hatten kein Privatleben mehr.»

Entgegengekommen ist ihm dabei nicht nur, dass er für den Lebensunterhalt auf die Rente abstellen kann. Genauso ins Gewicht fiel, dass er für den Raum im vierten Stock eines alten Industriegebäudes nicht allzu viel zahlt. Und dass er für seine Zukäufe nicht auf Banken zurückgreifen muss, sondern Erspartes oder Geld von Bekannten anzapfen kann – die Miete, rechnet er vor, bringe er auch heute in einem halben Monat zusammen.

Weg von der Rente

Natürlich träumt Michel Abegg davon, irgendwann von der Rente loszukommen und von seinem Shop leben zu können. Und wenn er trotz allem noch scheitert? «Dann habe ich es wenigstens probiert.»

boyshop-die2.ch> (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2015, 07:54 Uhr

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