Palazzo Wyler: Kunst mit Ablaufdatum

Bern

Die Künstlerin Renée Magaña hat ihr Atelier vorübergehend vom Waisenhausplatz ins Berner Wyler-Quartier verlegt: In einem leer stehenden Wohnhaus arbeitet sie an einem ortsspezifischen Kunstwerk.

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Stefanie Christ@steffiinthesky

«Ich sehe eine rote Tür, und ich will sie schwarz anmalen.» Diese Songzeile aus dem Rolling-Stones-Klassiker «Paint It Black» verfolgt derzeit Renée Magaña. Nicht nur, weil sie die entsprechende Platte kürzlich wiederentdeckt hat und seither regelmässig abspielt. Sondern auch, weil sie gerade damit beschäftigt ist, Türen und Wände, Boden- und Deckenplatten an der Wylerringstrasse 77 schwarz zu streichen. Die in Bern lebende Künstlerin verfremdet zudem die Architektur im leer stehenden Zimmer, indem sie mit weisser Farbe auf dem schwarzen Grund neue Kanten zieht. Diese erwecken – von einer LED-Lampe zum Leuchten gebracht – den Eindruck eines dreieckigen Raums.

Früher diente das Zimmer womöglich einem Kind als Rückzugsort, einem Pärchen als Liebesnest, einem Fussballfan als Fernsehzimmer. Nun wird es von der Künstlerin als dreidimensionale Leinwand benutzt. Magaña ist eine von 19 Kunstschaffenden und 4 Jungkuratoren, die im ehemaligen Wohnhaus, das am 1.März abgerissen wird, arbeiten. «Palazzo Wyler» nennen sie das vom Künstler Boris Billaud initiierte, temporäre Kunstprojekt. «Ich finde es befreiend, machen zu können, was ich will – in der Gewissheit, dass mein Kunstwerk mit dem Abriss zerstört wird», sagt die 42-jährige Magaña.

Der Tod im Bild

Bekannt für ihre grossformatigen Gemälde, auf denen Knochen zum Totentanz oder sich windende Leiber zum diabolischen Ringelrein antreten, nutzt sie die Zeit an der Wylerringstrasse, um zu experimentieren und neue künstlerische Ausdrucksformen zu finden: «In der Kunstausbildung hat man mir die Farbe Schwarz ausgetrieben. Nun habe ich zu ihr zurückgefunden.» Ironischerweise heisst der von ihr verwendete Farbton «Beinschwarz», da er früher aus gemahlenen Gebeinen gewonnen wurde. Gebeine, wie man sie auf Magañas Gemälden immer wieder findet. So auch in ihrer aktuellen Arbeit «Abstract Corporeal Thought (in a Room)». Doch im Gegensatz zu frühen Werken bewegt sich die Künstlerin im «Palazzo Wyler» vom Figurativen hin zum Abstrakten: Die weissen, in Öl gemalten «Zimmerkanten» bestehen beim genauen Hinsehen aus ineinandergreifenden Skelettteilen, die sich zu einem morbiden Ornament fügen.

Wie solche Skelettteile genau aussehen, weiss Magaña von ihren umfangreichen Studien. Ob ausgegrabene Überreste auf einem Gefangenenfriedhof, Vogelskelette oder ausgekochte Rehköpfe – die aus den USA stammende Künstlerin mit mexikanischen Wurzeln hat keine Berührungsängste mit dem Tod. Und sie winkt lachend ab, wenn man ihr eine makabere Ader oder gar Todessehnsucht unterstellt. «In Mexiko feiern die Menschen den Tag der Toten, in Los Angeles, wo ich aufwuchs, gibt es Friedhöfe, die ans Disneyland erinnern. Erst als ich 1987 mit meiner Schweizer Mutter nach Bern zog, begegnete mir eine bestimmte Reserviertheit gegenüber dem Thema.»

Künstlernetzwerk im Wyler

Zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wurde die Künstlerin, als eine Freundin 14-jährig bei einem Reitunfall ums Leben kam. Sie und 16 andere verstorbene Bekannte und Verwandte porträtierte Magaña, die an der Hochschule der Künste in Bern studierte, für die Serie «R.I.P. Really Important Persons» (Wirklich wichtige Personen) – eine Anspielung auf die verbreitete Grabinschrift R.I.P. (Rest in Peace/Ruhe in Frieden).

Magañas Bilder entstehen im Atelier, doch immer wieder sucht die Künstlerin den Weg nach draussen, sucht den Kontakt zu anderen Kunstschaffenden. «In Bern gibt es zahlreiche Künstlercliquen, die zusammen Projekte durchführen», stellt sie fest. Das Schöne am «Palazzo Wyler» sei, «dass für einmal ganz unterschiedliche Gruppen zusammengefunden haben». Das ungewöhnliche Künstlertreffen gipfelt dieses Wochenende in einer Ausstellung mit Performances, danach heisst es: «Palazzo Wyler», R.I.P.

Berner Zeitung

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