Ein Holzwürfel statt Baumzimmer

Bern

Die Berner Tour de Lorraine steht heuer ganz im Zeichen des eigenen Quartiers – die Organisatoren wollen sich gegen die Gentrifizierung wehren. Gleichzeitig entsteht auf der Centralweg-Brache ein Modell für günstiges Wohnen.

Die Lorraine-Bewohner Sandra Ryf und Martin Bracher gehören zum Verein «Hier baut die Lorraine».

Die Lorraine-Bewohner Sandra Ryf und Martin Bracher gehören zum Verein «Hier baut die Lorraine».

(Bild: Susanne Keller)

Die Pflanzen in den mobilen Gärten sind braun und erfroren, einige sind unter einer Eisschicht eingeknickt. Das Einzige, was in den letzten Tagen auf der Centralweg-Brache gewachsen ist, ist ein hölzerner Kubus. «Mit der Box wollen wir zeigen, wie man günstigen Wohnraum schaffen könnte», erklärt Sandra Ryf vom Verein «Hier baut die Lorraine». Damit kämpfen Lorrainebewohner einmal mehr gegen «Luxusbauten» der Stadt auf der Brache.

Im Mai 2013 hatte der Stadtrat dem Bau des 8,8 Millionen Franken teuren Projekts «Baumzimmer» zugestimmt. Diesen Entscheid hob er im September jedoch überraschend wieder auf: Auf der Brache sollen stattdessen Wohnungen für Personen mit tiefen und mittleren Einkommen gebaut werden. Der Gemeinderat wurde beauftragt, dem Stadtrat ein neues Projekt vorzulegen. Eine Beschwerde der FDP gegen diesen Beschluss ist noch hängig.

«Sowieso teuer»

Ob Baumzimmer oder nicht: «Wenn heute konventionell gebaut wird, kommt es sowieso teuer», ist Ryf überzeugt. «Egal ob die Stadt oder eine Wohnbaugenossenschaft dahinter steckt.» Der Verein wünscht sich deshalb eine Überbauung von einer Genossenschaft, die vom Quartier getragen und mitgestaltet wird. «Es kann einfach nicht sein, dass zurzeit in der Lorraine Dreieinhalbzimmerwohnungen für 3000 Franken und mehr vermietet werden.»

Neue Vision

Ihre Vision für die Centralweg-Brache hat der Verein nun für alle sichtbar aufgebaut: «So könnte ein Prototyp eines kostengünstigen Wohnkörpers aussehen», sagt Ryf und streicht über die Holzplatten. Die Box wurde ökologisch gebaut und ist klein – «verdichtetes Wohnen ist wichtig», erklärt sie. Das Design stammt vom Ostschweizer Huldreich Hug, der mit dem Kubus bei einem Wettbewerb in Köln einen Preis für besonders nachhaltig entwickelte Wohnkörper gewann. Günstig musste das Design auch sein: Eine Wohneinheit durfte nicht mehr als 25'000 Euro kosten. Die Pläne der Teilnehmer sind für alle frei zugänglich. «So kann man das Geld für einen Architekten oder einen Planer zusätzlich sparen», sagt Ryf.

Finanziert wird die Berner Box primär mittels Crowdfunding. Bisher sind auf der Plattform Wemakeit.ch rund 7200 Franken zusammengekommen, 10'000 sollen es werden. Die Schreinerei Holzlabor, auch sie aus der Lorraine, hat den 5 53-Meter-Kubus gratis aufgebaut. Nun werden drei Monate lang auf der Brache alle Projektentwürfe des Wettbewerbs ausgestellt, danach wird die Box abgebaut. «In einer halben Stunde wird mit dem Kran alles weggeräumt sein», sagt Ryf.

«Vor die Haustüre schauen»

Die Wohnbaubox gehört zu einem von mehreren Projekten, die gegen die Gentrifizierung der Lorraine ankämpfen. Auch die globalisierungskritische Veranstaltung Tour de Lorraine mischt mit – obwohl sie normalerweise eher globale Themen wie Rohstoffhandel oder Weltwirtschaftskrise aufgreift

Heuer setzt sie den Fokus auf die Lorraine: «Wir wollten bei uns vor die Haustüre schauen», erklärt die Medienverantwortliche Rebecka Domig. Aufgrund der steigenden Mieten würden Menschen an den Rand gedrängt, «konkret an den Randweg». Und die Lorraine sei kein Einzelfall: Auch Städte wie Zürich oder Berlin kennen das Problem.

Während der Tour de Lorraine gibt es Konzerte, Workshops und Vorträge zum Thema – morgen und am Samstag werden zudem die Quartierbewohner zur Diskussion eingeladen.

Zukunftsforum Lorraine: Donnerstag 18.30 Uhr, Gibb, Lorrainestrasse 5. Alle Veranstaltungen: www.tourdelorraine.ch.

Berner Zeitung

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