Ein Glöckchen spukt auf Schloss Holligen

Die Türe 14 unseres Adventskalenders liegt versteckt an einer stark frequentierten Verkehrsachse: Die Rede ist vom Schloss Holligen.

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Die Aussenfassade aus Sandstein schimmert grünlich, die Wände sind kahl, die schmucklose Holzpforte mit einem Wappen der Besitzerfamilie Herport aus dem 18.Jahrhundert wirkt abweisend. Christophe von Werdt, Präsident der Turmstiftung Schloss Holligen, holt einen Schlüssel mit einem daumendicken, S-förmigen Schlüsselbart aus der Hosentasche und öffnet die Tür. Im Innern offenbart sich eine andere Welt. Hinter der Tür des quadratischen Turms vom Schloss Holligen sind vor allem Schätze aus dem 18. bis 20.Jahrhundert verborgen. Doch auch die alte Garde wartet auf: Gleich beim Eintreten empfangen Ritterrüstungen den Besucher.

Man spürt: Dieser Turm hat über 500 Jahre hinter sich. Mit den verschiedenen Besitzerwechseln in seinen ersten 300 Jahren änderte sich auch der Baustil. Jeder hinterliess seine Spuren, hier einen Anbau, dort den Wohntrakt oder den runden Treppenturm. Was in jenen Epochen gerade en vogue war, stand auch hier im Schloss.

Die letzten grossen Veränderungen endeten Mitte des 19.Jahrhunderts: Kurz vor 1800 hiessen die Hüter des Schlosses von Mutach. In dieser Zeit kamen ein Waschhaus, eine Familiengruft und ein grosser englischer Landgarten mit eigener Allee dazu. Nach 1840 hat sich im und um das Schloss wenig geändert.

Unten üppig

Christophe von Werdt führt über die Wendeltreppe des Treppenturms in den ersten Stock. Die von Mutachs gehören zu seinen Vorfahren, aber durch die Heirat seiner Grossmutter gelangte das Schloss in die Hände der Familie von Werdt. Die Säle im ersten Stock des Turms sind im Gegensatz dazu bunt und üppig. Der dominierende Raum ist der Violette Salon. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Stühle und Sofas aus der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts laden zum Sitzen ein. Der riesige Spiegel, die Stoffe der Möbelpolster, die rot-gold-blau gemusterte Tapete, die rot-goldenen Vorhänge, die bestickte Tischdecke und das Fussbänkchen mit Stickereien – sie alle widerspiegeln den Stil des 19.Jahrhunderts. Die kräftigen Farben lassen eine Sanierung während der letzten zehn, zwanzig Jahre vermuten. «Nein», sagt Christophe von Werdt schmunzelnd, «das ist original.»

oben kahl

Die Etage über dem Violetten Salon hinterlässt einen ganz anderen Stempel: Auf der ganzen Geschossfläche breitet sich der Kornboden aus. Nüchtern weiss gestrichene Wände, eine spurenreiche Holzdecke und unzählige Wandhaken – einst fürs Aufspannen der Wäscheleinen gedacht. Dieser grosse und hohe Raum wird heute für Ausstellungen und Vorträge genutzt. Beim Blick aus den grossen Fenstern lässt sich die Grösse des einstigen Landsitzes erahnen: Bei seiner grössten Ausweitung reichte das zum Schloss gehörende Land auf der Achse Ost–West vom Loryplatz bis zur Freiburgstrasse und auf der Nord-Süd-Achse ungefähr von der Weissensteinstrasse bis zur heutigen Kehrichtverbrennungsanlage.

Eine hartnäckige Legende

Bis ins 20.Jahrhundert und auch in den heutigen Schlossführungen hat sich eine Sage gegen alle von der Vernunft gelenkten Widerstände behauptet: Einer der ersten Schlossbesitzer heiratete eine junge Adelige aus Frankreich. Gewohnt an Schlösser an der Loire, verglich sie Schloss Holligen mit einem Taubenschlag und beklagte sich, dass nicht einmal eine Zugglocke existierte, um die Dienerschaft herbeizurufen. Der Herr des Hauses liess seiner Gattin zuliebe überall Glöckchen einbauen, die sie von ihrem Gemach her bedienen konnte – und schon tyrannisierte sie das ganze Hauspersonal.

Dies geschah einmal mehr in einer kalten Winternacht, als sie gelangweilt das Personal zusammenrief. Eine Magd gebar ohne Hilfe in diesen Stunden ein Kind und verstarb geschwächt am nächsten Morgen. Der Torwächter und Vater des Kindes verfluchte die Herrin, und nun ertönte bei jedem Mondwechsel ein heftiges Glockengeläute. Nach und nach verliessen alle das Schloss. Nur der Fluch soll die Jahrhunderte überlebt haben. So weit die Legende um das Geschehen im frühen 16.Jahrhundert.

Heute Ort für Kultur

Die Fortsetzung folgte 300 Jahre später, im Sommer 1816, als die Glocken wieder läuteten. Alle Versuche, sie zu stoppen, scheiterten. Sogar hoch dotierte Naturwissenschafter waren ratlos. Gleiches geschah noch einmal 1928. Ein kleiner Versuch, eine weitere Wiederholung zu verhindern, wurde gemacht: Das Glöckchen am Eingangstor zum Schlossgelände ist nach der Durchtrennung einer Kette ausser Kraft gesetzt. Bei den Führungen und Veranstaltungen in und um das Schloss können sich also die Besucher heutzutage sicher fühlen.

Berner Zeitung

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