Bern

Ein Gesamtkunstwerk feiert heute ohne Kunst Geburtstag

BernDas Stadtberner Volkshaus feiert seinen 100. Geburtstag. Von der einstigen Pracht im Innern des Hauses ist bis heute nur ein Bild übriggeblieben. Die Fassade hat überlebt. Das Restaurant wurde umgebaut und heisst neu wieder Volkshaus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wer vor dieser Volkshausfassade steht, muss von einem wunderfrohen Glauben an die Zukunft erfüllt werden.» – «Es ist ein Neubau, nicht aus Sandstein, sondern aus Eisen und Dreck, der frech und frei seine eigene Melodie heruntergeigt.»

Derart enthusiastisch meldete sich vor 100 Jahren die Schweizerische Zeitschrift für Baukunst, «Das Werk», in einem Separatdruck. Der Neubau des Berner Volkshauses 1914 aus «Eisen und Dreck» war der erste Eisenbetonbau in der Innenstadt. Das Haus an der Zeughausgasse mit der monumentalen Fassade trägt die Handschrift des Berner Architekten Otto Ingold. Im gleichen Jahr baute er am Dörfli für die Landesausstellung in Bern mit, und in den 1920er-Jahren war er an der Wohnsiedlung Weissensteingut beteiligt.

«Ein kühner Wurf»

Otto Ingold galt als einer der bedeutendsten und fortschrittlichsten Architekten. An der 44 Meter langen Fassade des Neubaus streben 12 Halbsäulen gen Himmel. Der einzige Schmuck der strengen Front bilden die vier Figuren des deutschen Bildhauers Bernhard Hoetger. Der Darmstädter sympathisierte später mit den Nazis, seine eigene Kunst wurde allerdings als «entartet» deklariert. Hoetger floh in die Schweiz, wo er 1949 (in Interlaken) starb. Das Volkshaus beschrieb der Arbeiterführer und SP-Nationalrat Robert Grimm vor 100 Jahren als «kühnen Wurf, als Fortentwicklung des alten bernischen Baustils, wie ihn bis jetzt kein Architekt gewagt hatte» – und dass der Bau «die Kraft und Stärke der Arbeiterbewegung stimmungsvoll versinnbildlicht». Genosse Grimm wurde damals von Gleichgesinnten gebeten, sich auch in der Innerschweiz für ein Volkshaus starkzumachen. Als er sich in Nidwalden auf die Suche nach einem passenden Objekt machte, geriet der SPler aber an die Lätzen. «Für Grimm haben wir eine Kugel, aber keinen Saal», soll ihm mitgeteilt worden sein.

Architekt Otto Ingold schuf mit dem Berner Volkshaus ein Gesamtkunstwerk. Denn nicht nur auf eine eindrückliche Fassade legte er Wert, auch das Innenleben des Hauses sollte seinesgleichen suchen. Für die Ausschmückung der Säle und Räume verpflichtete Ingold unzählige namhafte Bildhauer, Maler und Glaskünstler. Etienne Perincioli schmückte die Eingänge und Partien im Schützengässchen, Emil Cardinaux malte im Restaurant die Mauerbilder, im grossen Saal waren die Kunstmaler Viktor Surbek und Max Brack am Werk, von Ernst Linck kamen die Glasfenster. Und über den Säulen des Theatersaals grüssten zwei Masken von Walter Mettler – «kein Geringerer hat sie modelliert, anderswo hätte man sich für diese Kleinigkeit mit irgendeinem Gipser beholfen», schrieb die Architekturzeitschrift «Das Werk».

Im Haus befanden sich ein 800-plätziger Theatersaal (später mit Kino), ein 300-plätziger Speisesaal, ein riesiges Restaurant, Lese- und Bibliothekssäle, 10 Vereins- und 52 Hotelzimmer sowie ein öffentlich zugängliches Volksbad mit 25 Badewannen.

Nur ein Bild hat überlebt

«Ingolds Berner Volkshaus war der einzige Monumentalbau dieser Gattung, der absolut zeitgemäss war», schreibt Bernd Nicolai, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Bern, in einem Artikel. «Es war eines der repräsentativsten Volkshausprojekte, nicht nur in der Schweiz.» Von all dieser Pracht ist heute nichts mehr zu sehen. Allein die Fassade mit Hoetgers Figuren ist geblieben. Und kürzlich ist im Estrich des Hauses das verstaubte Bild «Der Redner» aufgetaucht, das im alten Unionssaal hing und von Eduard Boss, einem Schüler Paul Cézannes, gemalt wurde. Es ist das einzige Bild, das den 100.Geburtstag des Volkshauses erlebt, und es hängt heute im neu umgebauten Restaurant. Wo all die anderen geblieben sind, weiss heute niemand mehr.

«Ein grosser Verlust»

Ein Grossteil der Ausstattung ging bereits bei Umbauarbeiten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. 1971 wurde das alte Restaurant umgebaut und in die 7 Stuben umbenannt. 1981 wurde das Volkshaus dann komplett ausgehöhlt und 2 Jahre später unter dem Namen Hotel Bern wiedereröffnet. Der Name Volkshaus tauchte im Haus nicht mehr auf. Erst seit dem Umbau 2013 heisst zumindest das Restaurant wieder Volkshaus 1914. Der Abbruch des alten Volkshauses vor über 30 Jahren sei «ein grosser Verlust» und aus heutiger Sticht «unhaltbar», meint Jean-Daniel Gross, Denkmalpfleger der Stadt Bern. Allerdings müsse man relativieren und dürfe nicht nur verurteilen. «Es war damals eine Umbruchphase, und immerhin hat man die Fassade erhalten», sagt er.

Früher nur Genossen

Nicht nur architektonisch hat das Volkshaus einen Wandel mitgemacht. Auch die Bedeutung der Institution Volkshaus hat sich im Verlauf der Jahrzehnte geändert. Werner Bernet, Präsident der Volkshaus Bern AG, sagt: «Früher war es wichtiger Treffpunkt der Genossen, der Linken, und ich kenne noch ältere Leute aus dem bürgerlichen Lager, die nie einen Schritt ins Volkshaus getan und dieses im grossen Bogen umgangen hätten.» Heute würden Politikerinnen und Politiker aller Couleur im Haus verkehren. «14 Parlamentarier übernachten regelmässig im Volkshaus, auch Vertreter der SVP», sagt VR-Präsident Werner Bernet.

Und Stadtpräsident Alexander Tschäppät meint: «Das Volkshaus hat nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher, heute ist es ein schickes Lokal für jedermann.» Ein Büezer habe ihm gesagt: «Mir ist es Wurscht, ob es Hotel Bern oder Volkshaus heisst, Hauptsache, es gibt hier wieder Flaschenbier.» Der Mann fand Gehör. Im neuen Volkshaus 1914 gibt es wieder Flaschenbier. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.04.2014, 10:31 Uhr

Artikel zum Thema

Der kleine Alpenblick kann mit Berns Luxushotels mithalten

Bern Im Internet gibt es zahlreiche Seiten, auf denen man Hotels bewerten kann. Welche Berner Hotels sind bei Touristen beliebt? Neben den Luxushäusern sind auch kleine Hotels gefragt. Mehr...

Hotel und Restaurant

Hauptaktionärin des Volkshauses ist die Unia mit 54 Prozent. Weitere Aktionäre sind die Coop-Gruppe (16 Prozent) sowie Gewerkschaften. Das Hotel Bern verfügt über 99 Zimmer und eine 800 Quadratmeter grosse Seminaretage mit acht Räumen. Das Restaurant Volkshaus 1914 bietet 150 Sitzplätze sowie eine neue Apérobar. Angeboten werden traditionelle Gerichte zu moderaten Preisen. Am 1.Mai spielt die Berner Band The Magic Five. Zum 100.Geburtstag gibts spezielle Übernachtungsangebote und ein Jubiläumsmenü.

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Blogs

Schlagerette Aller Anfang ist schwer

Michèle & Friends Drogen konsumieren für Fortgeschrittene

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...