Ehrenmord: «Die Familienehre liegt zwischen den Beinen der Mädchen»

Eine 66-jährige Türkin muss sich vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland wegen Anstiftung zum Ehrenmord verantworten. Der Staatsanwalt plädierte am Dienstag für sechs Jahre Haft, ihr Pflichtverteidiger forderte einen Freispruch.

Eine 66-Türkin hat ihre Schwiegertochter bei der Familie angeschwärzt. Jetzt steht sie vor Gericht.

Eine 66-Türkin hat ihre Schwiegertochter bei der Familie angeschwärzt. Jetzt steht sie vor Gericht.

(Bild: Keystone)

Ralph Heiniger

Was ist darunter zu verstehen, wenn ein Familienoberhaupt in Anatolien dazu aufgefordert wird, die Familienehre zu säubern? Im Kontext des Falles, der seit Montag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland verhandelt wird, sei diese Aufforderung eindeutig. Die Familienehre könne nur dadurch wiederhergestellt werden, indem die Tochter umgebracht werde. So erklärte es Staatsanwalt Roland Kerner in seinem Plädoyer.

Eine 66-jährige, in Bern lebende Türkin hatte in Briefen den Vater und die Brüder ihrer Schwiegertochter dazu aufgefordert, «die Familienehre zu säubern.» Sie bezichtigte ihre Schwiegertochter – wider besseres Wissen – der vorehelichen Unkeuschheit, des Ehebruchs und der Prostitution. Einen Brief versendete sie sogar an den Gemeindepräsidenten des Wohnorts des Familienvaters in Anatolien. Nur weil es der Schwiegertochter mit Mühe und Not gelang, ihren Vater davon zu überzeugen, dass die Anschuldigungen falsch seien, wurde sie von ihrer Familie nicht umgebracht, so Kerner.

Ehre als wichtigster Wert

Angeklagt ist die Schwiegermutter wegen Anstiftung zum Mord. In ihren Briefen findet man aber keine direkte Aufforderung zu einem Tötungsdelikt. Die Aufforderung an die Familie lautete: Reinigt eure Ehre.

«Die Ehre ist der wichtigste Wert einer Grossfamilie im orientalisch-nordafrikanischen Kulturkreis», führte Staatsanwalt Roland Kerner aus. Wichtiger als das Leben selbst. Und die Ehre sei eng verbunden mit dem Verhalten der Frau. Kerner zitierte zur Veranschaulichung die Autorin und Journalistin Güner Balci: «Die Ehre einer Familie liegt sozusagen zwischen den Beinen der Mädchen.» Ehrenmorde seien in diesem Kulturkreis bis heute keine Ausnahme. Bis 2005 war das Strafmass für Ehrenmord gemäss türkischem Gesetz massiv tiefer als bei einemMord aus anderen Motiven. Ehrenmord sei mitnichten ein Schauermärchen aus alter Zeit, wie dies die Angeklagte glauben machen wollte. Aus einer Umfrage aus dem Jahr 2006 gehe hervor, dass 30 Prozent aller türkischen Studenten Ehrenmord für ein legitimes Mittel halten, um die Familienehre zu säubern.

«Für die Vorwürfe der vorehelichen Unkeuschheit und des Ehebruchs gibt es in dieser Ehrenordnung keine Alternative zum Mord», so Kerner. Weil das ganze Dorf in Anatolien von den Anschuldigungen der Schwiegermutter wusste, stand der Vater in seiner Heimat unter Druck. Er sei in Teehäusern und telefonisch auf seine angeblich liederliche Tochter angesprochen worden.

Für den Staatsanwalt ist klar: Die 66-Jährige wollte den Tod ihrer Schwiegertochter. Er forderte eine Haftstrafe von sechs Jahren.

«Es gibt Zweifel»

Für Pflichtverteidiger Peter Weibel ist die Sachlage weniger eindeutig. Es sei letztlich nicht zweifelsfrei bewiesen, was die Schwiegermutter mit ihren Briefen bewirken wollte. Ausserdem sei es keinesfalls so, dass die Familienehre nur durch Mord wiederhergestellt werden könnte. «Es kommt nicht zwingend zum Ehrenmord. Ansonsten würde es noch viel mehr Ehrenmorde geben.» Er forderte daher einen Freispruch für seine Klientin.

Im Falle einer Verurteilung kommen auch privatrechtliche Konsequenzen auf die Schwiegermutter zu. Ihre Schwiegertochter fordert eine Genugtuung in der Höhe von 3000 Franken.

Bei einer Verurteilung droht der 66-jährigen Türkin zudem die Ausschaffung. Das Gericht fällt das Urteil entweder bereits heute oder ansonsten nächste Woche.

Berner Zeitung

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