Durch diesen Stollen floh einst Karajan

Ein mysteriöser Stollen führt vom Kulturcasino bis zur Aare hinunter. Steckt die CIA dahinter? Eine Spurensuche.

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Die gepanzerte Tür steht zwischen meterdicken Mauern, versprayt, alt. Auf dem Frickweg in Bern, unterhalb der Altstadt und ein paar Meter über der Aare, ist sie die Zeugin einer dunklen Vergangenheit. So scheint es. Ist sie der Anfang eines geheimen Tunnelsystems unter der Altstadt? Das Tor zur Berner Unterwelt, in der einst ein Netzwerk von aufständischen Patriziern den Widerstand vorbereitet hat?

Der gemeine Verschwörungstheoretiker sieht allein in dieser Tür Stoff für Skandalgeschichten, nein ganze Romane. Der Blick schweift nach oben. Von hier sieht der Bau, der dort steht, aus wie eine Festung: das Kultur­casino. Gleich daneben das Von-Wattenwyl-Haus an der Herrengasse 23. Eine geschichtsträchtige Adresse – mit eigenem Eintrag auf der englischen Wikipedia-Seite. Während des Zweiten Weltkriegs war dort Allan Dulles am Werk, der amerikanische Spion, der von Bern aus den deutschen Widerstand gegen die Nazis im Untergrund unterstützt und hier zahlreiche Aufständische empfangen hat. Der spätere CIA-Chef soll in Bern bestens vernetzt gewesen sein: Damit niemand sah, wer bei ihm ein und aus ging, liess er die Strassen­laternen in der Nähe des Hauses löschen.

Die Anfrage bei der Eigentümerin, der Burgergemeinde, bestätigt: Es existiert ein Stollen vom Kulturcasino zur Panzertür im Mattequartier, der mit weiteren Liegenschaften verbunden ist. Nur: Weshalb gruben die Burger einen Gang in den Aarehang? Diente der Stollen als Fluchtweg für Agent Dulles, liess er abtrünnige Deutsche des Nachts durch die Matte ungesehen davonhuschen? Wer könnte da besser Auskunft geben als Historikerin Katrin Rieder, die sich für ihre Dissertation «Netzwerke des Konservatismus» durch die Archive der Burgergemeinde gewühlt hat. Sie hat darin aufgedeckt, dass einzelne Bernburger beste Beziehungen zu den nazifreundlichen Frontisten-Gruppierungen pflegten. Unterstützten die Burger auch die amerikanische Spionage während des Zweiten Weltkriegs? Rieder ist nichts dergleichen bekannt. «Kontakte waren in dieser Zeit insbesondere zur deutschen Botschaft gepflegt worden», schreibt sie. Sie könne sich aber vorstellen, dass der Stollen zum mittelalterlichen Ehgrabensystem gehört habe, der Abwasser in die Aare geführt habe.

Kulturcasino-Chef Ivo Adam und der burgerliche Leiter Unterhalt und Technik, Stephan Horisberger, laden zur Begehung. Durch die Baustelle im Kulturcasino, durch Schutt und Staub, geht es ins zweite Untergeschoss. Wir sind froh um unsere Helme, hier wird radikal rückgebaut. Das Casino hat nicht nur einen grossen Grundriss und ein stattliches Dach, auch in Richtung Erdinneres ist es durchaus weitläufig. Im Jahr 1940 wurde unter dem Gebäude ein grosser Luftschutzkeller für 350 bis 500 Personen eingerichtet – unter der Casinoterrasse, die über den Aarehang gebaut ist. Die Zimmer werden im Zuge des Totalumbaus saniert und zu Gästewohnungen für Künstler ge­macht – mit bester Sicht aus dem Fenster auf die Aare­schwelle.

Spionage hin oder her: Zumindest ­einmal wurde der Stollen als ­Fluchtweg genutzt.

Einige Türen weiter stehen wir in einem feuchtwarmen Gang, und jetzt geht es steil nach unten. Das ist er also, der Stollen. Nur die Taschenlampe von Stephan Horisberger erhellt den Gang – wobei er unten dann doch den Lichtschalter findet und sich zeigt: Bei Licht betrachtet ist die Angelegenheit nicht ganz so mysteriös. Der Gang mündet in einen weiteren Stollen, der in bestem Zustand ist: Seit der Sanierung der Burgerbibliothek sieht auch er aus wie neu. Er führt die Abwasserleitungen der nahen Burgerbibliothek. Unter der ­Bibliothek war früher ein grosser Zivilschutzbunker untergebracht – und dieser ist schliesslich des Rätsels Lösung: Die gepanzerte Türe ist der Zugang zum Bunker, der erst in den 60er-Jahren gebaut wurde. Der schöne Thriller zerfällt also im profanen Wahnsinn des Kalten Kriegs.

Dass die amerikanische Spionage damit zu tun hat, ist also unwahrscheinlich, zumal es keinen direkten Zugang von Dulles Berner Quartier gegeben hat. Der Stollen selbst gab es aber bereits vor den Bunkerbauten – das bezeugen alte Dokumente, der ihn als «Quellengang» bezeichnet. Historikerin Rieder lag also nicht ganz falsch mit ihrer Vermutung, allerdings wurde wohl nicht Abwasser abgeführt, sondern Frischwasser gefasst.

Spionage hin oder her: Zumindest einmal wurde der Stollen als Fluchtweg genutzt. Am 20. Oktober 1980 leitete Herbert von Karajan, Dirigentenikone mit NSDAP-Vergangenheit, die Berliner Philharmoniker, die im Kulturcasino zu Gast waren. Gespielt wurde Mahlers Fünfte. Vor dem Casino kam es zu wilden Protesten, sie standen am Anfang der Berner 80er-Jahre-Jugendunruhen. Karajan wurde nach dem Konzert über den Stollen in die Matte geführt, wo er vom Chauffeur abgeholt und in Sicherheit gebracht wurde. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.12.2017, 06:38 Uhr

Casino-Sanierung: Reichen die 74 Millionen?

74 Millionen lässt sich die Burgergemeinde Bern die Sanierung ihres Kulturcasinos kosten. Das sieht nach einem komfortablen Budget aus. Zum Vergleich: Die Stadttheatersanierung hat insgesamt 50 Millionen Franken gekostet. Das Casino kostet so viel mehr, weil die Burgergemeinde bei der Kernsanierung keine halben Sachen macht. Sie baut das Gebäude auf die ursprüngliche Architektur zurück. Von 1906 bis 1908 wurde es von Paul Lindt und Max Hofmann erbaut. Seither wurde viel Technik eingebaut und viel Stückwerk betrieben. Damit will die Burgegemeinde aufräumen.
Weil allein der Rückbau der Bühne viel mehr koste als budgetiert, seien sogar die 74 Millionen zu knapp kalkuliert, heisst es nun hinter vorgehaltener Hand. Die Burgergemeinde Bern arbeite bereits an einer Verzichtsplanung, sagt ein In­sider.

Die Burger dementieren. «Der Umbau schreitet gut voran, die geplanten Termine können eingehalten werden, und die Kosten bewegen sich im Budgetrahmen», sagt Sprecherin Stefanie Gerber Frösch. Im Budget sei ein Posten für Unvorhergesehenes mit einem Betrag von 6,1 Millionen Franken aufgeführt. Zudem habe die Burgergemeinde Bern eine weitere Reserve von 3 Millionen Franken eingeplant. «Im Rahmen der Reserven konnten wichtige Optimierungen im Bereich der Bühnen vorgenommen werden.»

Im Sommer 2019 soll das Casino in neuem altem Glanz erstrahlen – mit neuster Gebäudetechnik und beheizt mit Fernwärme. Im ursprünglichen Charme soll das Konzerterlebnis noch grösser werden. mfe

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