Drei Meter Lexikon in dreissig Jahren

Rüfenacht

Seit 1985 hat Marco Jorio am Historischen Lexikon der Schweiz gearbeitet – als Chefredaktor. Jetzt ist seine Mission beendet. Am Montag stellt er in Worb sein Lebenswerk letztmals vor.

35'000 Seiten auf 3 Metern Länge: Marco Jorio, Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz, vor der Buchreihe mit dem letzten Band.

35'000 Seiten auf 3 Metern Länge: Marco Jorio, Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz, vor der Buchreihe mit dem letzten Band.

(Bild: Urs Baumann)

Marco Jorio hat Historisches vollbracht. Dreissig Jahre seines Lebens hat er einem Werk gewidmet, das es zuvor in der Schweiz in diesem Ausmass nicht gab: Er war Chefredaktor des Historischen Lexikons der Schweiz. Es besteht aus 41 Bänden in den vier Landessprachen mit total rund 35000 Seiten. Dazu ist im Internet eine unbebilderte elektronische Fassung aufgeschaltet.

Umfangreicher als geplant

Mit dem Erscheinen des letzten Bandes war das Werk im Herbst beendet. Und damit auch Jorios Zeit als Chefredaktor. Zwar ist ein multimediales, erweitertes Onlinelexikon geplant. «Das sollen jetzt andere machen», sagt Jorio. Der bald 64-jährige Historiker aus Rüfenacht zieht sich aus dem Vollzeitberuf zurück.

Zum Job kam Marco Jorio, weil er 1985 als 34-Jähriger das Konzept für ein neues historisches Lexikon erarbeiten durfte. Anfang 1988 wurde er von der zuständigen Stiftung zum Chefredaktor gewählt. Vorgesehen waren 12 gedruckte Bände in Deutsch, Französisch und Italienisch. «Daraus wurden je 13 Bände plus 2 rätoromanische», so Jorio. Band Nummer 1 erschien 2002 in drei Sprachen, dann jedes Jahr ein weiterer.

Herr über 100'000 Texte

Marco Jorio führte die Redaktion an den Standorten Bern, Chur und Bellinzona mit zeitweise bis zu 40 fest angestellten Mitarbeitern. Zuerst wurden 36000 Stichworte ausgewählt, im Verlauf der Zeit zu jedem ein Artikel verfasst und anschliessend übersetzt.

Die Texte lieferten vorwiegend Historiker, aber auch Lehrer, Pfarrer und lokale Geschichtskenner. Unter den Autoren sind Prominente wie etwa Joseph Deiss, der später Bundesrat wurde, und Jean-François Bergier, Präsident der Expertenkommission des Bergier-Berichts Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Weitere Fachleute und Spezialisten waren eingebunden. Sie prüften und redigierten die Texte oder beschafften die Bilder.

Ein Lexikon in den vier Landessprachen zu erstellen, sei eine der grössten Herausforderungen gewesen, sagt Jorio. Zwischen 50 und 70 Übersetzer arbeiteten über die Jahre dafür. Aber: «Die Stichworte sind nicht in jeder Sprache gleich und erscheinen pro Sprachausgabe zum Teil in verschiedenen Bänden.» Den Beitrag zu «Zeughaus» zum Beispiel findet man im letzten Band der deutschen Ausgabe, in der französischen aber steht «arsenal» im ersten Band. Weil manchmal Jahre vergingen, bis spätere Bände fertig waren, mussten anderssprachige Texte teils aktualisiert werden. Jorio: «Zeughäuser gibt es in der Zwischenzeit keine mehr, das mussten wir in der deutschen Ausgabe anpassen.»

«In den 90er-Jahren holte uns das Internet ein», erinnert sich Jorio. Dem Vorhaben drohte das Aus, denn man diskutierte, ob eine gedruckte Ausgabe nicht überflüssig sei. «Bundesrätin Ruth Dreifuss sprach dann ein Machtwort. Sie sagte: ‹On a commandé un livre. Et on veut un livre.›»

«Sehen Sie, wie aktuell»

Auf dem Tisch liegt Band 13 des Lexikons. Darin gibt es auch einen Abschnitt über Jorios Wohngemeinde Worb, wo er als Grünliberaler im Parlament sitzt. Beim Blättern fällt ihm aber plötzlich etwas anderes auf: «Schauen Sie, wie aktuell wir sind», ruft er: Unter «Währungsbewertung» ist schon die Festlegung des Euromindestkurses auf 1.20 Franken erwähnt. Für das Aufheben des Kurses im Januar reichte es nicht: Der letzte Band war im Oktober erschienen.

Er habe Glück gehabt, dass er die Arbeiten von der Planung bis zum Abschluss haben leiten können, sagt Jorio. «Es war eine schöne, abwechslungsreiche Zeit. Es brauchte aber auch viel Durchhaltewille.» Nach all den Buchvernissagen spricht der Ex-Chefredaktor am Montag in Worb ein letztes Mal über das Werk. Jorio blickt auf sein Büchergestell: Dort steht die Reihe des Lexikons, drei Meter lang. «Ja», sagt er, «es ist mein Lebenswerk.»

Vortrag: Marco Jorio spricht über Worb im Historischen Lexikon; Mo, 23.3., 20 Uhr, Chinoworb.

Berner Zeitung

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