Digitaler Support für Sozialhilfebezüger

Bern

Das Sozialamt versucht in einem Pilotprojekt, Sozialhilfebezüger über die digitale Jobvermittlungsplattform Coople zurück in den Arbeitsmarkt zu bringen. Gelingt es, möchte Coople das Modell schweizweit ausdehnen.

Die Digitalisierung der Arbeitsvermittlung könnte neue Möglichkeiten schaffen: Das Sozialamt der Stadt Bern ist eine Kooperation mit Coople eingegangen.

Die Digitalisierung der Arbeitsvermittlung könnte neue Möglichkeiten schaffen: Das Sozialamt der Stadt Bern ist eine Kooperation mit Coople eingegangen.

(Bild: Valerie Chetelat)

Jürg Steiner@Guegi

Die Sozialhilfe steht unter Druck: Sie soll so weit gekürzt werden, dass Sozialhilfebezüger möglichst in den Arbeitsmarkt integriert werden. Das Problem dabei: Der Arbeitsmarkt wartet nicht auf Leute mit ungenügenden Sprachkenntnissen, gesundheitlichen Problemen oder ohne Ausbildungsabschluss.

David Kieffer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sozialamt der Stadt Bern, und eine seiner Aufgaben besteht darin, aus dieser aussichtslos scheinenden Konstellation Auswege zu suchen. Die Digitalisierung der Arbeitsvermittlung könnte nun neue Möglichkeiten schaffen, die das Stadtberner Sozialamt in einer Kooperation mit Coople, Europas grösste Online-Plattform für flexible Jobs mit Hauptsitz in Zürich, erstmals ausprobiert.

Psychische Hürden

«Wer sich auf eine Stelle bewirbt, muss Arbeitserfahrung vorweisen», sagt Kieffer. Weil Letztere bei Sozialhilfeempfängern, die normalerweise im Minimum zwei Jahre Arbeitslosigkeit mit Stempeln hinter sich haben, sehr lange zurückliegt, sind deren Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt klein. Abgesehen davon, dass die psychische Belastung für jemanden, der jahrelang keine Arbeit mehr hatte, bei einem Antritt einer Stelle hoch wäre. Vielleicht zu hoch. «Jede noch so kleine Arbeitserfahrung ist hilfreich, für das Selbstvertrauen wie für die längerfristigen Jobchancen», erläutert Kieffer.

Die digitale Schweizer Jobplattform Coople, die früher Staff Finder hiess, vermittelt an Firmen, die kurzfristig Jobs zu besetzen haben, Arbeitskräfte. 250'000 potenzielle Arbeitnehmer sind registriert, auf der anderen Seite 12'000 Firmen.

Geht ein Jobangebot online, filtert ein Algorithmus für die Firma die passendsten Kandidaten heraus und für die Jobsuchenden die passendsten Stellen. 98 Prozent der ausgeschriebenen Stellen sind laut Coople, das für jeden vergebenen Job Administration und Lohnzahlung übernimmt, innert weniger Stunden besetzt.

Ökonomisch und menschlich mache es keinen Sinn, wenn Sozialhilfebezüger jeglicher Chancen beraubt würden, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuss zu fassen, sagt Viktor Calabrò, Chairman und Gründer von Coople. Deshalb hält er das Pilotprojekt mit dem städtischen Sozialamt für wegweisend.

Im Prinzip hat Coople dafür eine Art geschützten Bereich seiner Plattform geschaffen, in dem Arbeitgeber speziell Jobs für einen Pool von Leuten ausschreiben, den das Sozialamt aus seinen Klientinnen und Klienten zusammensetzt.

Risiko ist klein

Es gehe auch darum, dass diese ihre Arbeitsfähigkeit sinnvoll nutzen und positive Erfahrung sammeln könnten, sagt David Kieffer. Für Sozialhilfeempfänger sei schon nur der Moment, wenn auf dem Handy ein Stellenangebot von Coople aufploppe, ein Lichtblick. Meist handle es sich um Kurzeinsätze und wenig anspruchsvolle Arbeiten, die aber geeignet seien, sich an die Anforderungen der Arbeitswelt heranzutasten. Für die Arbeitgeber sei das Risiko klein. Gebe es Probleme mit einem Arbeitnehmer aus der Sozialhilfe, könne Coople innert Stunden einen Ersatz rekrutieren.

Die ersten Erfahrungen, sagt Kieffer, seien positiv, auch wenn alles noch klein sei. Derzeit umfasst der Pool von potenziellen Arbeitnehmern rund 30 Personen, gerade 5 Arbeitgeber, darunter die Stadt Bern, verpflichten sich, einige Jobs für diese Klientel auszuschreiben.

Das Sozialamt sucht laut Kieffer weitere Arbeitgeber für das Projekt. Coople-Gründer Calabrò denkt indessen bereits daran, das Berner Modell in weiteren Städten zu lancieren. «Ich bin zuversichtlich», so Calabrò, «dass sich grosse Arbeitgeber wie etwa die SBB ihrer sozialen Rolle bewusst werden und sich überzeugen lassen, ein bestimmtes Kontingent für diesen Bereich zu reservieren.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt