«Diese Tiere leben und sterben würdig»

Bern

«Tiere jagen bedeutet Tiere verstehen», sagt Lorenz Hess. Der Präsident des Berner Jägerverbands kontert die Kritik der Jagdgegner.

«Wenn ich ein Tier im Visier habe, bewegt mich das sehr.» Jäger und Politiker Lorenz Hess glaubt, dass die Weidmänner verantwortungsvoll handeln.

«Wenn ich ein Tier im Visier habe, bewegt mich das sehr.» Jäger und Politiker Lorenz Hess glaubt, dass die Weidmänner verantwortungsvoll handeln.

(Bild: zvg)

Peter Steiger

Herr Hess, haben Sie einen psychischen Defekt? Lorenz Hess: Nicht dass ich wüsste.

Kritiker Ernst Tschanz wirft den Jägern vor, dass sie ihren Tötungstrieb nicht überwunden hätten und deshalb aus Leidenschaft töten. Wir jagen aus Leidenschaft. Dass jemand jagt, weil er töten will, ist mir noch nie begegnet.

Sie können dies aber auch nicht ausschliessen. Nein. Die Jäger sind ein Abbild der Gesellschaft. Es gibt gestörte Autofahrer, gestörte Ärzte, gestörte Pfarrer. Vermutlich gibt es auch gestörte Jäger.

Ein weiterer Griff in die Psychokiste: Die Jagdleidenschaft ist ein Urtrieb. Doch nützt dieser heute nichts mehr, sondern schadet. Die Tiere sterben unnütz und oft qualvoll. Anders als die Nutztiere, die im Schlachthof enden, haben die Wildtiere ein artgerechtes, freies Leben hinter sich und sterben meist einen würdigen Tod.

Gilt das auch, wenn ein Jäger sie bloss anschiesst und verletzt? Nein. Darum wollen die Jäger dies unter allen Umständen vermeiden. Wenn es trotzdem geschieht, bemühen sich im Kanton Bern die Jäger mit einer mustergültigen Nachsuchorganisation um das Tier.

Um Fehlschüsse zu vermeiden, müssen Jäger nun jedes Jahr einen Kurs besuchen. Ein Witz. Auch wenn sie null Treffer erzielen, behalten sie ihr Patent. Für Aussenstehende sieht das tatsächlich seltsam aus. Doch handelt es sich hier nicht um eine Prüfung, sondern um die Pflicht, mindestens einmal jährlich zu üben und so mit der Waffe vertraut zu bleiben. Die allermeisten üben eh regelmässig. Wenn ich ein Tier im Visier habe, bin ich mir der Verantwortung bewusst, und das bewegt mich innerlich immer sehr.

Jagd ist Emotion? Jagen heisst, neben dem Verstand auch den Instinkt zu gebrauchen. Die Tiere sehen, hören und riechen besser als wir. Sie zu jagen, bedeutet, sie zu verstehen.

Die Gegner sagen dem hinterhältig anschleichen. Selbst der König der Tiere, der Löwe, geht nicht frontal auf seine Beute zu. An diesen Fundamentalkritikern stört mich, dass sie inkonsequent sind. Wer die Jäger so total angreift, sollte auch kein Fleisch essen und keine Lederschuhe tragen.

Jagd sei unnötig, sagen Kritiker. Der Bestand regle sich selbst. Das stimmt unter anderem nicht, weil die Lebensräume der Wildtiere gestört sind und in den meisten Gebieten die natürlichen Feinde wie Bären oder Wölfe keinen Platz haben. Die Jagd trägt dazu bei, dass die Verhältnisse wieder stimmen.

Das seien Behauptungen, die sich nicht belegen liessen, sagen die Gegner. Die Veränderungen sind gut dokumentiert. Sie haben ganz praktische Konsequenzen. Früher konnten die Touristen im hinteren Lauterbrunnental durch die auf den Hotelterrassen montierten Fernrohre Gämsen beobachten. Heute sind die Tiere und damit diese Attraktion teilweise verschwunden.

Weil die Jäger alle Gämsen weggeschossen haben? Nein, weil sich die Bedingungen verändert haben und hier mehr Luchse leben als geplant. Die Jäger haben einen weit kleineren Einfluss auf den Bestand, als die viele meinen. Bei uns sterben etwa gleich viele Tiere durch Verkehrsunfälle wie durch die Jagd.

Lorenz Hess ist Präsident des Berner Jägerverbands. Ausserdem ist er Gemeindepräsident von Stettlen und BDP-Grossrat.

Berner Zeitung

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