Diese Themen beschäftigen die Uni Bern im nächsten Jahr

Weltraumforschung, Klimaforschung oder Zahnmedizin: Das sind die Schwerpunkte der Professoren an der Uni Bern 2015.

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In der Weltraumforschung steht nach der Rosetta-Mission ein weiteres Projekt mit Berner Beteiligung auf dem Programm. Das neue Jahr wird auch für die Klimaforschung zentral sein. Und in der Zahnmedizin schreitet die Digitalisierung voran. Das sind drei von sechs wichtigen Themen, welche sechs Professorinnen und Professoren an der Uni Bern 2015 beschäftigen werden.

Ein entscheidendes Jahr für den Klimawandel

«2015 wird das entscheidende Jahr für ein neues, verbindliches Abkommen aller Länder zur Einschränkung des Klimawandels», sagt Thomas Stocker, Professor und Klimaforscher an der Universität Bern. «Mit unseren Modellsimulationen werden wir darlegen, welche Konsequenzen ein Zuwarten und Debattieren haben wird: Nach weiteren zehn Jahren CO2-Emissionen wie bisher wird das Klimaziel 2,5 Grad Celsius genauso ehrgeizig geworden sein wie heute das 2-Grad-Celsius-Ziel. Mit dem anhaltenden Ausstoss von Treibhausgasen werden Klimaziele zunehmend schneller unerreichbar.»

Mithilfe von Klimamodellen wolle man wissen, wie sich die Heftigkeit und Häufigkeit von Sturmtiefs in Europa abhängig von der Erwärmung in den kommenden Jahrzehnten veränderten. «Welche Schäden können wir verhindern, wenn die weltweite Erwärmung noch unter 2 Grad gehalten werden kann − an welche Auswirkungen müssen wir uns anpassen bei einem allenfalls ungebremsten Klimawandel?» Diese Fragen würden zusammen mit dem Oeschger-Zentrum und dem Mobiliar-Lab an der Uni Bern untersucht.

«Im Juli 2015 werden wir den Berner Eismikrobohrer in Nordwestgrönland einem Feldtest unterziehen. Dieses vollständig neue, von Jakob Schwander und unseren Polymechanikern an der Universität Bern entwickelte Präzisionsinstrument wollen wir, wenn alles klappt, in zwei Jahren in der Antarktis einsetzen und dort nach dem ältesten Eis suchen. Das Ziel ist es, in drei bis vier Jahren gemeinsam mit unseren europäischen Partnern an der geeigneten Stelle einen Eiskern zu ziehen, der die Klimageschichte der letzten 1,5 Millionen Jahre enthält. Damit werden wir erstmals die Rolle der Treibhausgase bei der Verlangsamung der Abfolge der grossen Eiszeiten vor etwa 1 Million Jahre untersuchen können.»

Im kommenden Jahr würden im UNO-Weltklimarat Neuwahlen durchgeführt. «Ich hoffe, dass die Universität Bern auch in der sechsten Berichtsperiode wiederum in führenden Funktionen vertreten sein wird, um die aktuellsten und besten wissenschaftlichen Informationen über den Klimawandel den politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung zu stellen.»

100-Jahr-Jubiläum der Zimmerwald-Konferenz

«In diesem Jahr stand der Erste Weltkrieg vor 100 Jahren im Mittelpunkt. Das war kein erfreuliches Andenken», sagt Brigitte Studer, Professorin und Direktorin des Historischen Instituts der Universität Bern. «Was bei diesem Thema wenig zur Sprache kam, war, dass der Erste Weltkrieg schon sehr bald Kriegsgegner und -gegnerinnen auf den Plan gerufen hatte.

1915 fand die Zimmerwald-Konferenz statt. Organisiert wurde sie vom Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm, es war ein Manifest der Kriegsgegner.» Diese Konferenz in Zimmerwald sei 2015 Thema einer grossen Tagung. «Sie wird vom 3. bis 6.September im Schloss Münchenwiler sowie in Zimmerwald selbst durchgeführt.» Referieren würden jüngere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen – und Koryphäen.

«Das zweite spannende Ereignis, das sich 2015 zum 100.Mal jährt, ist die internationale sozialistische Frauenkonferenz im März 1915 im Berner Volkshaus. Das war quasi die Vorgängerkonferenz zu Zimmerwald. In Bern trafen sich damals unter anderen die Führerin der sozialistischen Internationalen, Clara Zetkin, Rosa Bloch von der Schweizerischen Arbeiterbewegung sowie Lenins Frau.» Bern werde 2015 insofern zum wichtigen Erinnerungsort.

Uniintern laufe 2015 auch einiges: «Am interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung wird eine neue Direktorin gewählt. Dieses Amt ist seit dem Tod von Brigitte Schnegg im März 2014 verwaist.»

Für sie persönlich komme eine langjährige Arbeit zum Abschluss, sagt Brigitte Studer, ein Buch in englischer Sprache. Thema sei die Kommunistische Internationale. «Dann gibts einige Doktorandinnen, die 2015 abschliessen und sehr gute Arbeiten geschrieben haben, das ist sehr erfreulich.»

Historisch gibts 2015 zwei weitere Jubiläen: die Schlacht am Morgarten 1315 sowie jene von Marignano 1515. «Das ist aber nicht mein Thema», sagt Studer. Ihr Forschungsschwerpunkt betrifft die Zeit ab 1800.

Die Digitalisierung der Zahnmedizin

«Ich freue mich einerseits auf den Grossanlass ‹The Spirit of Bern›, der im Oktober 2015 durchgeführt wird. Der Lead bei der Programmgestaltung wird die Universität Bern haben, das ist eine einzigartige Plattform dafür, die Bedeutung der Uni Bern ins Licht zu rücken» , sagt Daniel Buser, Professor an der Klinik für Oralchirurgie und Stomatologie der Zahnmedizinischen Kliniken (ZMK Bern).

An diesem Anlass sollen sich Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf Augenhöhe begegnen. «Von diesem Event werden die Stadt Bern und die Universität gleichermassen profitieren.» Ein weiterer Anlass, auf den sich Daniel Buser freut: «Im Februar werden wir im Berner Kursaal ein Symposium zum Thema Zahnmedizin im Alter durchführen. Die Gerodontologie wurde an den ZMK Bern neu etabliert, und sie wird wesentlich an Bedeutung gewinnen.»

Eine weitere wichtige Aufgabe im neuen Jahr sei die Digitalisierung der Rekonstruktiven Zahnmedizin. «Wir werden diese 2015 vorantreiben.» Als Beispiel nennt der Zahnmediziner den Zahnabdruck mittels plastischer Abformmasse, die dann als Vorlage für einen Gipsabdruck dient. «Diese Technik, die für den Patienten oft unangenehm ist, wird mittelfristig abgelöst durch den digitalen Abdruck. Dazu werden spezielle, kleine optische digitale Kameras eingesetzt, was einerseits für den Patienten viel angenehmer ist und anderseits die digitale Planung am Computer ermöglicht.»

Ein weiteres Vorhaben 2015 sei baulicher Art: «Die ZMK Bern im 60-jährigen Gebäude platzen aus allen Nähten, jeder Quadratmeter ist ausgenutzt. Wir starten ein Bauprojekt, damit wir die Platznot beheben können, um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben.»

Auf der Suche nach Ausserirdischen

«2015 wird mich die Mission Cheops der europäischen Weltraumbehörde ESA beschäftigen. Das ist ein wissenschaftlicher Satellit, der die Radien von Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems misst. Es ist die erste Mission, bei welcher die Schweiz eine führende Rolle spielt», sagt Weltraumforscher Willy Benz, Professor an der Uni Bern, der für diese Mission verantwortlich zeichnet.

Das Vorhaben sei ein weiterer Schritt auf der Suche nach Leben auf fernen Planeten. «Cheops sucht aber nicht nach ausserirdischem Leben, wir suchen nach Indikatoren, die Leben möglich machen könnten. Der erste Schritt in den 1990er-Jahren war die Entdeckung solcher Exoplaneten, jetzt wollen wir sie charakterisieren.» Aufgrund der Radien und der Masse könne man die Dichte berechnen. «Ist diese hoch, ist der Planet steinig; ist die Dichte tief, ist er gasförmig.»

Zudem könne die Temperatur des Planeten gemessen werden. «Das wird uns zeigen, ob Leben auf diesem Körper überhaupt möglich ist. Ein Teil des Instruments wird an der Uni Bern gebaut, andere Teile kommen aus verschiedenen Ländern. Zusammengebaut wird alles hier in Bern.»

Der Satellit wird die Erde in einer Höhe von 800 Kilometern umkreisen. Die anvisierten Planeten selbst sind viel zu klein und zu weit entfernt, als dass man sie sehen könnte. Mittels Teleskop werden die Helligkeitsschwankungen von Sternen gemessen, die auftreten, wenn sich ein Planet vor seinen Stern schiebt. «Die Mission dauert dreieinhalb Jahre. Der Start ist Ende 2017 geplant.»

Eine Tagung zum Bankrecht und die Kinder-Uni

«Ein wichtiges Forschungsthema im kommenden Jahr sind die weltweiten Trends in der Bankenregulierung und ihre Konsequenzen für die Schweiz», sagt Susan Emmenegger, Professorin am Institut für Bankrecht. «Neben der Grossbankenregulierung, der Zukunft des Bankgeheimnisses oder dem Verhältnis zur EU geht es auch um weniger spektakuläre, aber nicht minder wichtige Fragen: Wie kann man sicherstellen, dass Banken ihre Kundinnen und Kunden angemessen beraten, und welche Rolle soll die Aufsichtsbehörde (Finma) dabei spielen? Was bedeutet es, wenn internationale Gremien Steuerdelikte auf die gleiche Stufe heben wie die Terrorismusfinanzierung? Kann eine Bank ‹schwarze Konten› blockieren? Gilt das nur für die ausländische Kundschaft, oder müssen auch Herr und Frau Schweizer mit Veränderungen rechnen?»

Zu diesen Themen finde am 6. März in Bern die Schweizerische Bankrechtstagung statt, an der auch Behördenvertreter aus dem Ausland sprechen und diskutieren würden. Auf welche Highlights sich Susan Emmenegger 2015 besonders freut: «Dass ich im Sommer mit der Familie nach New York übersiedle, um dort als Gastdozentin an einem Lehrbuch über internationale Finanzmarktregulierung zu arbeiten. Spannende Diskussionen mit den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen, der dortigen Anwaltschaft und den Behörden sind garantiert.»

Und schliesslich halte sie im Rahmen der Kinderuni Bern erstmals eine Vorlesung für Schulkinder. «Mein Team und ich werden gemeinsam mit den jungen Studierenden der Frage nachgehen, was ein Sparbüchlein ist, wohin unsere Ersparnisse fliessen, was passiert, wenn man bei der Migros mit der Karte bezahlt, und warum es zu Finanzkrisen kommt», sagt Emmenegger.

Neues Schnellverfahren für den DNA-Code

Bakterielle Infektionen bei Mensch und Tier, die mit gebräuchlichen Antibiotika nicht mehr behandelt werden können, nehmen zu. «Multiresistente Bakterien sind ein Problem und können eine grosse Gefahr für jede und jeden darstellen», sagt Vincent Perreten, Professor am Institut für Veterinär-Bakteriologie. «Wir müssen Lösungen finden und die Menge an Antibiotika reduzieren», erklärt der Experte, der an der Universität Bern tätig ist.

«Dafür werden wir ab 2015 unsere Zusammenarbeit mit dem Institut für Infektionskrankheit am Berner Inselspital noch verstärken», sagt Perreten. Es sei zwingend, dass die Human- und die Veterinärmedizin eng zusammenarbeiteten, um gemeinsame Ziele erreichen zu können, wie beispielsweise antibiotikaresistente Bakterien frühzeitig zu erkennen, um Antibiotika vernünftig und schliesslich auch gezielt einzusetzen.

Die sogenannten Resistenzgene können künftig am Institut für Veterinär-Bakteriologie noch schneller identifiziert werden. «Wir haben hier in Bern ein neues System entwickelt, mit dem die DNA von resistenten Bakterien in nur einem Tag getestet werden kann. Wir können die DNA sehr einfach markieren und die Keime effizient auf Resistenzgene testen. Das Verfahren ist benutzerfreundlich, schneller und günstiger als die bisherigen Methoden.»

Diese Erkenntnisse würden einen weltweiten Fortschritt in der Identifizierung von Antibiotikaresistenz-Mechanismen bei Bakterien bedeuten, so Perreten. «Das neue Verfahren stellt auch ein riesiges Potenzial für die schnellere Diagnostik von Infektionserregern dar, was für eine erfolgreiche Therapie wesentlich ist», sagt Bakteriologe Perreten. Die neue Methode wird im Januar 2015 in der wissenschaftlichen Zeitschrift «Journal of Microbiological Methods» erstmals veröffentlicht werden.

Berner Zeitung

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