Die schädliche Helligkeit

Bern

Die Satellitenbilder der Erde bei Nacht sehen schön aus, zeigen aber Unschönes: Die Lichtverschmutzung nimmt stetig zu. Die Agglo Bern ist nach dem Grossraum Zürich die hellste der Schweiz. Das hat Folgen für Mensch und Tier.

Die Lichtverschmutzung in der Region Bern.

Die Lichtverschmutzung in der Region Bern.

(Bild: zvg/Dark-Sky)

Dominik Galliker@DominikGalliker

Der beste Zeitvertreib ist, vom Fenster aus die Welt zu beobachten. Dieser Satz stammt nicht von einem neugierigen Nachbarn mit Fernglas, sondern von einem twitternden Astronauten mit Kamera. Der Kanadier Chris Hadfield arbeitete auf der Internationalen Raumstation (ISS) und belieferte das Internet mit Bildern aus 400 Kilometern Höhe. Der Blick auf die «blaue Murmel» ist faszinierend, besonders wenn in der Nacht die Lichter wie ein Spinnennetz auf den Kontinenten liegen.

Von unten sieht das Bild etwas anders aus. Zu viel künstliches Licht gilt als Umweltverschmutzung. Es schadet den Pflanzen, den Tieren, dem Menschen (Beispiele siehe Kasten). Und: Die Nacht wird je länger, je mehr zum Tag. In den letzten zwanzig Jahren hat die Beleuchtung um rund 70 Prozent zugenommen, wie der Bund ausrechnete.

Lukas Schuler von der Organisation Dark Sky Switzerland setzt sich dafür ein, dass die Nacht Nacht bleibt. Er wertet die Bilder aus, die die US-Raumfahrtbehörde Nasa im All aufnimmt. Für diese Zeitung hat er eine Karte der Region erstellt, die zeigt, wo Bern gegen den Himmel leuchtet. «Die Agglomeration Bern gehört zu den hellsten der Schweiz», sagt Schuler. Zürich und Winterthur seien auf der Sünderliste mit Abstand auf den Plätzen 1 und 2. Danach folgt jedoch schon die Stadt Bern.

Wer sollte was machen?

Das Problem der Lichtverschmutzung ist das gleiche wie bei vielen Umweltthemen: Es gibt nicht einen grossen Verursacher, sondern viele kleine. Oder anders ausgedrückt: Bemüht sich der Einzelne, ist der Effekt gleich null. Doch die Behörden könnten die Lichtverschmutzung deutlich senken, sagt Lukas Schuler. «Stellt eine Gemeinde die Strassenbeleuchtung in der Nacht ab, sieht man auf der Karte einen deutlichen Unterschied.»

Köniz verbraucht für die Strassenbeleuchtung etwa so viel Energie wie 370 Haushalte zusammen. Gut viertausend Leuchtpunkte betreibt die Gemeinde, davon etwa dreihundert LED-Leuchten. Diese sparen Strom und dämmen die Lichtverschmutzung ein. Zum einen, weil sie gezielter auf eine Fläche gerichtet werden können. Zum anderen, weil man sie lückenlos dimmen und programmieren kann, so Schuler. Man könne also zum Beispiel unter der Woche weniger beleuchten als am Wochenende.

Köniz dimmt die LED-Leuchten auf 20 Prozent, die älteren auf 40 Prozent. Lukas Schuler empfiehlt, sie in einigen Quartieren so ab Mitternacht ganz auszuschalten. LED-Leuchten wurden in den letzten Jahren vielerorts eingebaut, allerdings nur zögerlich. Denn die Lampen sind teuer, Köniz rechnet mit 1000 bis 1200 Franken pro Stück. Gleichzeitig macht die Technologie nach wie vor grosse Fortschritte. Es kann also sein, dass die teuren Leuchten in zwei Jahren schon wieder veraltet sind.

Die hellsten Punkte Berns

«Ich würde mir wünschen, dass die hellsten 10 Prozent der Lichter verschwinden», sagt Schuler. Denn diese seien oftmals völlig unnötig. Solche Hotspots gebe es zum Beispiel, wenn Kirchen angeleuchtet würden, der Lichttechniker aber schlecht ziele. «Die Scheinwerfer blenden dann quasi direkt den Satelliten», sagt Schuler. Das sei der Grund, warum die Stadt Zürich so hell nach oben strahle.

Auf der Karte der Region Bern gibt es drei sehr helle Punkte:

  • Die Berner Innenstadt.Dort werden Objekte angeleuchtet, im Sommer bis Mitternacht.
  • Das Stade de Suisse.«Stadien müssen je nach Liga ihren Platz mehr oder weniger beleuchten», sagt Schuler. «Dort gibt es nicht viel Spielraum.»
  • Der Betrieb der Migrosbeim Shoppyland. Nahe dem Einkaufszentrum werden in der Nacht Salate, Joghurt und Fleisch angeliefert und in Lastwagen verladen. Diese verteilen die Frischprodukte ab 4 Uhr morgens in die 123 Filialen der Migros Aare.

Dunkle Aussichten?

Einen Meilenstein gegen die Lichtverschmutzung wurde bereits erreicht, mit einer neuen SIA-Norm, die für Neubauten und Sanierungen gilt. Sie richtet sich gegen «unnötige Lichtemissionen im Aussenraum». Die Norm habe das Ziel, dass die Lichtemission stagniere oder abnehme, sagt Schuler. «Aber ich bin mir noch nicht so sicher.» Die Öffentlichkeit sei zu wenig sensibilisiert. «Wichtig ist, dass wir die Gemeindebehörden informieren und richtig ausbilden.»

900'000 Follower

Astronaut Chris Hadfield ist seit letztem Mai wieder zurück auf der Erde. Die Lichter der Welt und die Bilder aus dem All haben ihn zu einem Star gemacht. 900000 Personen verfolgen seine Nachrichten auf Twitter. Am Schluss seines Abenteuers sagte Hadfield: «Wer hätte gedacht, dass ich in fünf Monaten im All den Menschen näherkomme als je zuvor?»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt