Die letzte Knopffabrik hat ausgestanzt

Bern

Hans Bosshard produziert Knöpfe: Militär, Landfrauen, Matrosen und Artisten schmücken sich mit seinem glänzenden Zierrat. Jetzt schliesst die altertümliche Produktionsstätte in Berns Länggassquartier.

«Ich bin Fabrikant, kein Grümscheler!», sagt Hans Bosshard. Und produziert Knopf für Knopf für Knopf – bis Anfang 2013.

«Ich bin Fabrikant, kein Grümscheler!», sagt Hans Bosshard. Und produziert Knopf für Knopf für Knopf – bis Anfang 2013.

(Bild: Urs Baumann)

«Die Leute haben Klettverschluss, es braucht keine Metallknöpfe mehr.» Der Knopffabrikant sagt es leichthin, für den 68-Jährigen ist es eh Zeit zum Aufhören. Und hätte sich nicht die Presse angemeldet, «wären wir heute auf dem Gurten». Wir? «Dr Hans u ig», sagt Hans Bosshard über Hans Bosshard und lacht herzhaft über seinen Scherz. Auf die arglose Frage aber, weshalb man in der zimmergrossen Werkstatt keine einzelnen Knöpfe bestellen könne, stellt er energisch klar: «Ich bin Fabrikant und kein Grümscheler!» Das Geschäftsleben verlief denn auch nicht immer so unbeschwert wie der heutige Gang durch die mechanische Wirkungsstätte. Dennoch bekommt man vom einstigen Werkzeugmacher keine Klagen zu hören: Am Terrassenweg 18 funktioniert der Alltag im Takt von Gerätschaften, die der Alleinunternehmer längst nach eigenem Rhythmus bedient.

«Zze-rüt, zze-rüt», tönts bei der ersten Station. Da wird die Knopfrückseite aus dem Messingband gestanzt, Knopf für Knopf. Bosshard selber hört sich am kesselnden Stanzautomaten, der Rückteil samt Öse macht, so an: «Da chunt dr Draht vo hine ab dr Rolle, gaht une dure, chunt da sänkrächt ue, den chunt so nen Schieber füre und tuet öis die Öse da mache. Wenn die Öse da drin feschtghalte isch, chunnt dä Schieber nomol füre und tuet das da verniete.»

Fabrikant und Fussballer

Sein Dialekt verräts, der Berner Fabrikant kommt aus Zürich. 1974 kaufte Bosshard die Stanzerei mit Knopffabrik vom Familienunternehmen Schaerer&Co, das seit 1849 in Bern ansässig war – ursprünglich in der Matte und seit 1879 im Länggassquartier. Eigentlich sei er nur wegen der Young Boys nach Bern gezogen, sagt der Ex-Fussballer. Dann, nach der Zeit bei YB, habe er als Spielertrainer zum Sportclub Burgdorf gewechselt; und auf diesem Weg sei er zu Aufträgen der Firma Carbagas gekommen.

In der Mechanik habe er Verrohungen und Drehteile produzieren und so das «Knopfbudeli» quersubventionieren können. Von Knöpfen allein hätte die Familie und die sechs Mitarbeitenden, die er mit der Firma habe übernehmen müssen, nie zu leben gehabt.

Knöpfe sind Gold wert

Dabei sind Knöpfe Gold wert! Jede Frau, die im Nähatelier oder Warenhaus nach den glänzenden Teilchen für ein Kleidungsstück sucht, weiss: Ein halbes Dutzend dieser Kleinodien ist ungefähr gleich teuer wie die ganze schöne Wolle einer selber gestrickten Jacke. Wobei die landläufigen Knöpfe made in China und aus Plastik sind. Dagegen müsste ein Metallknopf aus der letzten Schweizer Knopffabrik – poliert, geprägt, graviert, lackiert – eigentlich unbezahlbar sein Herr Bosshard, warum kosten Ihre Knöpfe noch gleich viel wie vor vierzig Jahren, nämlich maximal 2 Franken und 60 Rappen? «Wir fangen nicht an zu kalkulieren», gebietet der Patron. Er habe sich den Ladenpreis seiner Produkte im damaligen Jelmoli nur einmal angeschaut – und beschlossen, die Preise nie zu ändern; Material, Maschinen, Werkstatt seien längst bezahlt und abgeschrieben. Darüber hinaus habe er eine buchstäblich eiserne Reserve, das Altmetall. Nun, für das Kilogramm Messing zahlt der Altwarenhändler um die 4 Franken, und Resten fallen ausreichend an bei der Knopfproduktion: Wie beim Guezliausstechen gibts auch bei diesen runden Formen immer Ausschuss.

Raumhohes Höllengerät

Eine Kontrolle der Suva ist in der alten Stanzerei so fern wie der Gehörschutz, und man weiss nicht, ob das jetzt gut oder schlecht ist. Bruchstückhaft fallen Bosshards Worthülsen durchs Getöse (bestimmt haben Hans und Hans genau hier angefangen, miteinander zu reden); als Aussenstehende versteht man wenig, aber man sieht ja, wie der Chef an der sogenannten Doppelexzentermaschine das Ausschneiden der Knopfvorderseite demonstriert: Betätigt er den überdimensionierten Fusshebel des raumhohen Höllengeräts, fällt mit einem heftigen Schlag ein Hub auf das zu stanzende Teilchen. Und Schlag auf Schlag fallen Knopfschalen an – und Schlag auf Schlag spürt man vom blossen Zuschauen den Bandscheibenschaden Ebenfalls mechanisch werden Stempel, Wappen, Logo eingeprägt. Dann wird poliert, werden Ober- und Unterteil zusammengefügt, mit Aceton gewaschen, mit der Spraydose lackiert. Zuletzt kommen je vier Briefli à 25 Stück in eine Schachtel. In der Stunde schafft Bosshard 40 Knöpfe.

Der Knopf des Chüejermutz kostet 1.80 Franken, zu beziehen ab 100 Stück. Diese und haufenweise andere Kartons stapeln sich in einem chaletähnlichen Häuschen im terrassierten Garten, im Knopflager. Hier möchte man alles, alles ausleeren – um wie Dagobert Duck hineinzuspringen in den glitzernden Reichtum. Stattdessen lässt man die Minitrophäen durch die Hand klingeln: silbrige Knöpfe mit «10 Prozent Nickel, warm draufgewalzt, rostfrei», antike vergoldete Knöpfe der Kriminalpolizei, Knöpfe mit Anker, die an der Brust von Seefahrern über die Meere segeln sollten, reich verzierte Knöpfe für Gaukler, filigrane für Trachtenfrauen, Knöpfe, Knöpfe, Knöpfe.

Zugeknöpft wie anno dazumal tragen vorab Folkloreliebhaber, also Schwinger, Jodler und Landfrauen, den schmucken Zierrat. Zudem beliefert Bosshard Golfclubs, einige Zürcher Zünfte, Artisten Er macht sich keine Illusionen, weil etwa der Circus Knie noch 1200 Knöpfe kauft; der Auftrag ist ein letzter, Knie muss auf Vorrat bestellen. «Heute will keiner mehr uniformiert sein», sagt Bosshard achselzuckend. Seine gutbetuchte Kundschaft stirbt weg, es ist Jahrzehnte her, dass Baron Hans Heinrich Thyssen beliebte, seine Knöpfe mit Familienwappen in Bern anfertigen zu lassen. Ehemalige Grosskunden wie Polizei, Post, Feuerwehr, Sanität bevorzugen waschmaschinenerprobte Kunststoffknöpfe und praktische Klett- oder Reissverschlüsse.

Der Knopffabrik im Vaterland am meisten gedient hat die Armee. Davon zeugt ein früher Eintrag von 1857 im Katalog der Dritten Schweizerischen Industrieausstellung, wo Firmengründer Emanuel Schaerer offiziell als Militärknopffabrikant auftritt. Im Militär, so Nachfolger Bosshard, sei man nur eine Nummer, Erkennungsknöpfe für die Truppenzugehörigkeit hätten seine Vorgänger zu Tausenden geliefert. Heute sind es nurmehr das museale Genre, historische Musiken und Paradetruppen aus dem Welschland, die bei Bosshard bestellen. Aktuell bearbeitet er einen Auftrag für 5000 Knöpfe respektive für 70 Kugeliknöpfe pro Jacke. Apropos Militär – Bosshard erinnert sich, dass er nie durch übertriebenen Arbeitseifer aufgefallen sei, jedenfalls habe ein Hauptmann vermerkt: «Waffenmechaniker Bosshard ist ein Minimalist.» Dies, weil der Fussballer immer wieder frei bekommen wollte fürs Training.

Bald ist Feierabend

Von den Verpflichtungen nicht ganz so rasch befreien kann sich Bosshard, der Fabrikant. Seit er die Schliessung publik machte, ächzen seine Maschinen unter der Auftragslast. Doch bald ist endgültig Feierabend. Die Stanzerei lasse sich nicht in den Osten verschieben – und auch nicht auf den Ballenberg, wie es ihm vorgeschlagen worden sei. «Ich gehe sicher nicht mit einem Pfyffli im Mund vor Publikum ein paar Knöpfe machen», sagt Bosshard bestimmt. Nein, die Maschinen müssten vom Altwarenhändler geräumt werden. Dieser letzte Kraftakt ist ihm arg zuwider. Wegen der Kosten, sagt Bosshard. Aber vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit. Vielleicht wird dem einen Hans der andere Hans – jener aus der Stanzerei – halt doch ein bisschen fehlen.

Über die letzte Knopffabrik der Schweiz hat das Uetendorfer Filmteam Burkhard einen Dokumentarfilm gedreht. Die DVD gibts Ende Oktober. Infos: www.film-team.ch.

Berner Zeitung

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