Wileroltigen

Die Vorurteile treffen auch die Jenischen

Wileroltigen Er ist das Gesicht der Schweizer Fahrenden und beobachtet mit Sorge, wie der geplante Transitplatz bekämpft wird: In der Debatte seien Grenzen überschritten worden, sagt Claude Gerzner.

Claude Gerzner ist Sprecher für die Bewegung der Schwizer Reisenden.

Claude Gerzner ist Sprecher für die Bewegung der Schwizer Reisenden. Bild: Nicole Philipp

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Die Leute kommen im besten Fall nicht mehr an die Tür. Weisen ihn, wenn es schlechter läuft, mit ein paar barschen Worten vom Grundstück. Oder rufen ihm, wenn die Nerven völlig blank ­liegen, Schimpfwörter hinterher. Von solchem «Pack» kaufe man nichts, hört er dann, oder einfach: «Dreckzigeuner!»

Es sei wie früher, sagt Claude Gerzner und seufzt. Als Fahrender spüre er die hitzige Debatte um den umstrittenen Transitplatz bei Wileroltigen am eigenen Leib. Im Kanton Bern könne er zurzeit kaum mehr seiner Tätigkeit als Hausierer nachgehen – auch wenn er als Jenischer doch Schweizer und damit Einheimischer sei, wogegen der Platz in Wileroltigen den Roma aus dem Ausland zugutekommen solle.

Unter der Gürtellinie

Gerzner tritt für die Bewegung der Schweizer Reisenden regelmässig als Sprecher auf. In dieser Funktion liess er die BZ im Juni eine Woche lang an seinem Alltag teilhaben: Die Roma machten mit ihrer Kultur, die sogar für ihn als Schweizer Fahrenden sehr fremd sei, «viel kaputt», führte er in einem der vielen Gespräche vor seinem Wohnwagen aus.

Die Verantwortung dafür, dass die Debatte in Wileroltigen eskaliert ist und der für Montag geplante Infoabend abgesagt werden musste, sieht er indes bei den Ansässigen. Sie hätten mit ihrer Kampagne gegen den Transitplatz Geister gerufen, die sie nun nicht mehr loswürden.

Das Argument, einer kleinen Dorfgemeinschaft bleibe kein anderer Weg als lauthals auf sich aufmerksam zu machen, rechtfertige nicht jede Wortwahl. Niemand müsse sich wundern, wenn in einem derart aufgeheizten Klima rassistisch denkende Leute auf den Zug aufsprängen. Dass in den sozialen Medien zu lesen gewesen sei, Fahrende vermehrten sich wie die Kaninchen, sei beredtes Zeugnis davon.

Und die Roma? Gerzner sagt offen, dass er auch Mühe hat mit dem Dreck und dem Unrat, den sie in der Landschaft zurücklassen. Gleichzeitig versteht er, dass sie die Matte, auf der der Transitplatz geplant ist, schon mal in Beschlag genommen haben. Das sei mangels Alternative aus purer Not passiert.

Bisher nur in Bern

Ein Trost bleibt ihm: Die Debatte hat noch kaum über den Kanton Bern hinaus Kreise gezogen. Anderswo in der Schweiz könne er weiterhin unbehelligt hausieren, sagt er. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2017, 06:46 Uhr

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